Antarktis: Warum der Taylor-Gletscher manchmal pulsierend blutet

Im Jahr 1911 stieß der australische Geologe Thomas Griffith Taylor auf ein besonderes Phänomen in der Antarktis, das er »Blood Falls« nannte: Aus dem Taylor-Gletscher trat damals – wie heute – rotes Wasser aus. Taylors Annahme, Algen könnten für die Färbung des Wassers verantwortlich sein, erwies sich rasch als falsch. Stattdessen sorgen oxidierte Eisenverbindungen in der ultrasalzigen Flüssigkeit für den charakteristischen Farbton. Der Ausfluss erfolgt jedoch nicht konstant, sondern in einzelnen Schüben, wie ein Team um Peter Doran von der Louisiana State University in Baton Rouge beobachtet hat: Regelmäßig kommt es zu sogenannten Gletscherausbrüchen, bei denen sich die Eiszunge merklich hebt und senkt.
Die Arbeitsgruppe hatte bereits im September 2018 drei verschiedene Messinstrumente am und um den Gletscher platziert, um ihn zu beobachten. Ein GPS-Sensor sollte die Bewegungen des Gletschers aufzeichnen, eine Kamera nahm regelmäßig Bilder des Gebiets auf, und verschiedene Thermometer maßen die Temperaturen im See vor dem Taylor-Gletscher, in den sich die rote Flüssigkeit ergoss. Die Anordnung war zwar nicht speziell dafür gedacht, Gletscherausbrüche zu erfassen. Doch genau diese Daten sammelten Doran und sein Team.
In den Wochen nach dem Aufbau senkte sich die Gletscheroberfläche um 15 Millimeter ab, während sich die Strömungsgeschwindigkeit der Eiszunge um zehn Prozent verlangsamte. Gleichzeitig zeichneten die Thermometer eine Kaltwasseranomalie im See auf. Derweil zeigten die Kamerabilder fast täglich frischen, rostroten Ausfluss: Der Gletscher hatte sehr kaltes Wasser in das davorliegende Gewässer entlassen.
Ähnliche Phänomene hatten sich zuvor bei anderen Gletscherläufen abgezeichnet: Schmelzwasser sammelt sich unter dem Eis an und drückt dieses nach oben, während sich Druck aufbaut. Überschreitet der Druck eine Schwelle, bricht das Wasser durch und fließt pulsierend aus dem Gletscher heraus. Dabei sinkt dieser etwas nach unten, und der Prozess beginnt von Neuem. Der Temperaturrückgang erklärt sich durch die besondere Chemie des Zuflusses: Der Taylor-Gletscher gilt als der kälteste bekannte Gletscher, in dem flüssiges Wasser vorhanden ist – dank der extrem hohen Konzentration an gelösten Salzen, die dessen Gefrierpunkt erheblich senken. Die Salzlake ist daher deutlich kälter als normales Wasser.
Wahrscheinlich hat der Gletscher vor rund 1,5 Millionen Jahren ein Becken aus Salzwasser an seinem nördlichen Ende isoliert und eingeschlossen, als er im Zuge der Vereisung vorstieß. Diese Flüssigkeit wurde im Lauf der Zeit immer salziger und gefriert nicht mehr. In ihr gelöst sind hohe Konzentrationen eisenhaltiger Nanokugeln, die an der Luft oxidieren und das Wasser blutig aussehen lassen. Trotz der unwirtlichen Bedingungen gedeiht in dieser Salzbrühe ein eigenes Ökosystem aus Bakterien, die ohne Licht Sulfat umsetzen und davon leben können.
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