Anthropologie: Kam erst der Waran, dann der Mensch?

Die indonesische Insel Flores bildete vor Zehntausenden Jahren ein ganz eigenes Biotop: mit den kleinwüchsigen Flores-Menschen Homo floresiensis, großen Komodowaranen, Zwergelefanten und riesigen Störchen. Neben der Frage, ob es sich bei den Flores-Menschen überhaupt um eine eigene Homo-Art handelt, wird seit ihrer Entdeckung diskutiert, wie weit sie kulturell entwickelt waren: Beherrschten sie den Umgang mit Feuer? Wie gut waren ihre Jagdtechniken entwickelt? Eine Arbeitsgruppe um Grace Veatch von der Smithsonian Institution in Washington D.C. hat sich deshalb nochmals Knochen von Zwergelefanten aus der Liang-Bua-Höhle auf Flores angesehen und kommt zu einem eindeutigen Schluss: Komodowarane hatten die Elefanten zuerst getötet und angefressen. Erst dann kamen die Menschen zum Mahl – und das, ohne dabei Feuer zu machen.
In der Höhle fanden sich bei Ausgrabungen neben Knochen von Homo floresiensis zahlreiche Steinwerkzeuge und Überreste von Stegodon florensis insularis, einer ebenfalls kleinwüchsigen Elefantenart. Viele der Knochen wiesen zudem Schnittmarken auf, wo Steinklingen das Fleisch vom Skelett getrennt hatten. Daraus schlossen Anthropologen, dass die Flores-Menschen bereits Großwild jagten. Angekohlte Überbleibsel von kleineren Tieren deuteten zudem darauf hin, dass die Insulaner sie mit Feuer zubereiteten.
Veatch und Co kommen jedoch nach nochmaliger Analyse dieser Knochen zu gegenteiligen Schlüssen. Den stärksten Konkurrenten um Nahrung bildeten damals Komodowarane (Varanus komodoensis), die größten Echsen der Erde. Sie sind in der Lage, auch noch größere Beute zu töten, indem sie über ihren Biss Gift injizieren, während ihr bakteriendurchsetzter Speichel die Wunden auch langfristig offen hält. Beim Fressen hinterlassen ihre Zähne jedoch ein anderes Muster als beispielsweise Raubkatzen. Und diese sehr charakteristischen Spuren fanden die Forscher auf vielen Knochen der toten Elefanten – vor allem auf jenen Teilen des Skeletts, an denen auch das meiste Fleisch hing. Die Zeichen von Steinklingen dominierten hingegen auf Knochen, die weniger nahrhaftes Gewebe trugen. Daraus schließt die Arbeitsgruppe, dass tatsächlich die Warane die Elefanten töteten und anschließend an ihnen fraßen, bevor sich die Flores-Menschen an die Überreste wagten.
Auch zur Feuernutzung haben die Fachleute eine eigene Meinung nach neuer Betrachtung der Daten: Einer der als Beleg angeführten Elefantenknochen mit Brandspuren war eher zufällig dem Feuer ausgesetzt. Er lag in einer Sedimentschicht sehr nahe an der Oberfläche – er war also dorthin gelangt, lange nachdem der Elefant gestorben war. Als moderne Menschen Tausende Jahre später die Höhle nutzten, errichteten sie darin auch Feuerstellen und verkohlten dabei versehentlich den nur knapp mit Sedimenten bedeckten Knochen, so die These. Die Flores-Menschen aßen das Elefantenfleisch also roh.
Unklar bleibt allerdings, warum die Elefanten in der Höhle liegen, da allenfalls ein Teil ihrer Überreste dorthin transportiert wurde. Womöglich suchten die Tiere die Höhle auf, um dort Minerale aufzunehmen: Heutige Elefanten fressen Erde, um die Nahrung besser verdauen zu können oder um pflanzliche Giftstoffe zu binden – auch Flores-Elefanten dürften dies praktiziert haben. Die Komodowarane töteten die Tiere dann vor Ort. Oder aber die Elefanten suchten nach dem Biss Zuflucht in diesem Unterschlupf, in der Hoffnung, dass die Wunde wieder heilt. Über ihren Geruchssinn spürten die Echsen sie auf und fraßen sie schließlich.
Wenn Sie inhaltliche Anmerkungen zu diesem Artikel haben, können Sie die Redaktion per E-Mail informieren. Wir lesen Ihre Zuschrift, bitten jedoch um Verständnis, dass wir nicht jede beantworten können.