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Anthropozän: »Wir laden alle ein, Sammler zu werden«

Stehen wir vor der Ausrufung einer neuen Erdepoche des Menschen? Das Naturkundemuseum Berlin ruft Bürger auf, mit eigenen Exponaten an einem Museum des Anthropozäns mitzubauen.
Die interaktive Ausstellung »Die Natur der Dinge«
Das Berliner Museum für Naturkunde ruft dazu auf, Bilder unseres sich wandelnden Planeten bei der »Natur der Dinge« hochzuladen.

Wo einst Natur war, wachsen heute Megastädte, ganze Landstriche sind zubetoniert, Gletscher verschwinden, Regenwälder schrumpfen, und manche Wüsten sind auf dem Vormarsch. Der Mensch hat das Angesicht des Planeten grundlegend verändert. So sehr, dass viele Wissenschaftler dafür plädieren, eine neue erdgeschichtliche Epoche auszurufen: das Anthropozän. Das Museum für Naturkunde Berlin und das Pariser Muséum national d'Histoire naturelle wollen Bürgerinnen und Bürger an der Debatte darüber beteiligen, was ein neues Erdzeitalter des Menschen ausmacht. Sie rufen dazu auf, eine virtuelle Sammlung mit persönlichen Gegenständen, Erlebnissen oder Gedanken zur Veränderung der Umwelt zu befüllen. Das Projekt »Natur der Dinge« läuft seit einigen Wochen. Bislang finden sich rund 80 »Exponate« in der virtuellen Ausstellung auf der Online-Plattform. Thomas Krumenacker sprach mit Elisabeth Heyne, der Leiterin des interdisziplinären Forscherteams auf deutscher Seite, über das Projekt.

Frau Heyne, erklären Sie uns bitte kurz das Konzept Ihres Citizen-Science-Projekts: Wie funktioniert Ihre Sammlung, und wer kann mitmachen?

Das Projekt ist für alle offen. Alle Interessierten können ein Objekt ihrer Wahl auf unsere Online-Plattform hochladen, das für sie eine menschengemachte Veränderung der natürlichen Umwelt symbolisiert. Das können Fotos sein, Kurzvideos oder Soundfiles: ein Vogelgesang, den es nicht mehr gibt, oder ein von Straßengeräuschen begleiteter. Aber auch eine persönliche Erinnerung wie ein Landschaftsfoto: Vieles ist denkbar. Wie in einer wissenschaftlichen Sammlung beschreiben die Teilnehmenden das Objekt dann anhand vorgegebener Kategorien. Ihr Text wird dann automatisch auf Französisch und Englisch übersetzt. Wir laden also alle ein, Sammler zu werden.

Zu einer wissenschaftlichen Sammlung gehört normalerweise das Auswählen, das Anordnen und die Einordnung der Objekte. Kuratieren Sie die von Bürgern hochgeladenen Objekte?

Es gibt drei Kriterien: Es sollten Objekte sein, die aus der Vergangenheit stammen, zu denen eine persönliche Verbindung besteht und die etwas über die Veränderungen unserer Umwelt erzählen. Trotzdem gibt es keine redaktionelle Prüfung, ob ein Objekt Teil der Sammlung wird oder nicht, denn wir wollen möglichst viele Perspektiven abbilden und keine Vorgaben machen. Es geht uns darum, das Thema zur Diskussion zu stellen. Wenn es etwas gibt, mit dem wir nicht einverstanden sind, soll es bewusst stehen bleiben, solange es unseren Code of Conduct nicht verletzt, damit man darüber diskutieren kann.

Elisabeth Heyne | leitet das Projekt »Natur der Dinge. Eine partizipative Sammlung des Anthropozäns« am Berliner Museum für Naturkunde. Sie promovierte zu »Wissenschaften vom Imaginären. Sammeln, Sehen, Lesen und Experimentieren« an der Technischen Universität Dresden und der Universität Basel. Sie befasst sich mit ethnologischer wie literarischer Amazonassehnsucht, dem Sammeln imaginärer Objekte, poetisierten Steinen sowie mit Verarbeitungen von Verletzbarkeit und Krankheit in der Gegenwartsliteratur.

Was ist denn ein typisches Ausstellungsstück des Anthropozäns?

Als Wissenschaftler hinter dem Projekt wissen wir nicht, was ein Anthropozän-Objekt ausmacht, sondern wir fragen danach. Wir gehen davon aus, dass das Anthropozän etwas ist, das je nach sozialer Zugehörigkeit, Wohnort und je nach kulturellem Kontext anders aussieht. Wenn man in einem Land des globalen Südens lebt, ist man von den Konsequenzen menschengemachter Veränderungen anders betroffen als in Deutschland. Wir glauben, dass es viele unerzählte Geschichten über Umweltveränderungen gibt, die wir hören wollen, um auf die Herausforderungen im Anthropozän reagieren zu können. Deshalb wollen wir zunächst nicht kuratieren und damit Vorentscheidungen treffen.

Naturkundemuseen sind Fenster in die Vergangenheit der Erdgeschichte. Fossilien, Präparate und Skelette von Dinosauriern faszinieren Generationen von Besuchern. Das funktioniert gerade deshalb, weil sie um das Gegensatzpaar Mensch und Natur herum aufgebaut sind. Was bedeutet es für die Museen, wenn der gesamte Planet menschlich so stark überformt ist, dass eine Natur jenseits dessen praktisch nicht mehr existiert?

Wenn wir den Grundgedanken des Anthropozäns akzeptieren, wonach die Natur fast immer und überall durch menschliche Intervention geprägt ist, stellt sich für uns eine sehr weit reichende Frage: Was sammeln dann eigentlich die Naturkundemuseen? Das war auch eine der Ausgangsfragen für unser Projekt der virtuellen Bürgersammlung.

Und wie lautet die Antwort?

Vor der Antwort stehen viele Fragen. Wenn wir vom Zeitalter des Menschen sprechen, welchen Menschen meinen wir eigentlich? Es gibt Treiber dieser Entwicklung wie Kolonialismus oder Industrialisierung, es gibt aber ebenso Betroffene. Oder: Wer sammelt eigentlich die Stücke, die das Anthropozän repräsentieren und es damit auch mit definieren? Es ist eine zentrale Idee unseres Experiments, dass wir nicht die Antworten als Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen vorgeben, sondern diese Hoheit an die Teilnehmenden übergeben. Die Ausrufung einer neuen Epoche ist für uns ein Anlass, darüber nachzudenken, wer eigentlich das Wissen für das neue Zeitalter hat und wie Gesellschaft und Wissenschaft interagieren sollten.

Eines der von Bürgern hochgeladenen Ausstellungsstücke zeigt eine zerknitterte Plastiktüte als Inbegriff für bedenkenlose Ressourcenverschwendung und Umweltverschmutzung, über die künftige Generationen nur den Kopf schütteln könnten. Sehen wir künftig auch in den Ausstellungen der Naturkundemuseen Plastiktüten statt ausgestopfter Tiere?

Mit einer fertigen Vision für die Zukunft der Naturkundemuseen kann ich nicht aufwarten. Aber ich denke, die Richtung ist schon deutlich: Wir müssen noch stärker Orte des Austauschs werden, Diskussionsforen, die Raum bieten, sich über die grundlegenden Herausforderungen für uns Menschen auszutauschen und dabei ganz verschiedene Meinungen zu diskutieren, oder neue Formen der Wissensproduktion ausprobieren. Dazu müssen wir uns öffnen. Die Ehrfurcht vor den »Heiligen Hallen« Museum sollten wir abbauen und entsprechend Macht abbauen. Unser Projekt ist ein Experiment in diese Richtung, und die digitale Form unterstützt diesen experimentellen Charakter. Unser Projekt ist Sammlung und Ausstellung zugleich.

Das ist ein gutes Stichwort. Wir unterhalten uns hier in einem Besprechungsraum nur ein paar Meter entfernt von dem Ausstellungssaal, in dem das Skelett des weltberühmten und gerade zurückgekehrten »Berliner« T. rex gezeigt wird. Halten Sie es für denkbar, dass Ihre virtuelle Sammlung einmal als physische Ausstellung hier stehen wird?

Eine Form physischer Präsenz früher oder später ist sicher wichtig, wie immer das dann ausgestaltet wird. Das physische Objekt hat weiterhin eine große Macht. Es erzeugt andere emotionale Beziehungen, wenn man vor einem physischen Objekt steht, als wenn man es virtuell betrachtet. Wir merken in den Museen sehr stark, wie wichtig die Materialität von Objekten auch heute noch ist. Ebendas sehen wir sehr konfliktreich an ethnologischen Diskussionen. Wir wollen in unserem Projekt deshalb zunächst nicht physisch sammeln, gerade damit das Besitzverhältnis bestehen bleibt. Das Sammlungsobjekt gehört weiter den beitragenden Personen. Sammeln ist eine hochpolitische Tätigkeit, deshalb wollen wir sie öffnen.

Die meisten von uns blicken angesichts von Artensterben und Klimawandel mit großer Sorge auf das Anthropozän. Bemerken Sie unter den bereits eingestellten Objekten der Online-Sammlung auch so etwas wie einen positiven Blick auf Umweltveränderungen?

Ja, definitiv können wir jetzt schon unterschreiben, dass es sehr viele verschiedene Perspektiven auf das Thema gibt. Es werden ebenso einige sehr hoffnungsvolle Entwicklungen beschrieben. Viele von uns haben, berechtigterweise, eine eher apokalyptische Perspektive auf das Anthropozän, aber es gibt auch viele andere Wahrnehmungen.

Haben Sie Beispiele dafür?

Es gibt Menschen, die Beispiele erfolgreicher Renaturierungsprojekte mitgebracht haben. Eine Teilnehmerin trug in der Testphase zwei Fotos bei, die jeweils den gleichen Blick aus dem Wohnzimmer ihrer Großeltern zeigen: eines aus ihren Kindheitstagen, auf dem zwei große Schornsteine eines Kohlekraftwerks zu sehen sind, und ein weiteres, das den freien Blick nach deren Abriss vor einigen Jahren zeigt. Diese Frau hat ihre Kindheitsperspektive verloren, dokumentiert aber zugleich eine positive Veränderung hin zu nachhaltigeren erneuerbaren Energien. Das war ein starker Beitrag, weil deindustrialisierte und stark mit dem sozialen Wandel kämpfende Regionen wie das Ruhrgebiet oder die Lausitz für uns Orte sind, an denen das Anthropozän sehr fassbar wird.

Wird es eine wissenschaftliche Auswertung geben?

Schon jetzt begleiten Forschende verschiedener Fachbereiche und ein wissenschaftlicher Beirat das Projekt. Dabei sind Biologen, Kulturwissenschaftlerinnen, Künstler und viele weitere. Uns schwebt vor, dass sie alle gemeinsam in einer zukünftigen Version unserer Sammlung aus ihrer jeweiligen Perspektive und immer im Dialog mit den Menschen, die Objekte beisteuern, so etwas wie einen online verfügbaren Ausstellungskatalog schreiben. Und natürlich werden wir selbst eine wissenschaftliche Bilanz ziehen.

Welche wissenschaftlichen Fragestellungen treiben Sie an?

Wir sind ein sehr interdisziplinäres Team, ich beispielsweise komme aus der Literatur- und Kulturwissenschaft, aber wir haben auch Ökologen, Anthropologen oder Digitalexperten unter uns. Uns alle interessiert die Frage, wie kollektive oder individuelle Erinnerungen heutige Natur- und Umweltbeziehungen prägen und wie wir daraus neues Wissen für den Umgang mit dem Anthropozän generieren können. Unser Anspruch ist aber auch, dass wir unsere wissenschaftlichen Fragestellungen im Prozess der Auseinandersetzung mit den Menschen klären können, die Objekte beisteuern.

Biodiversitätswand im Berliner Museum für Naturkunde | Das Berliner Museum für Naturkunde ist weltberühmt für seine Sammlung und eines der führenden Naturkundemuseen. Mit der »Natur der Dinge« wagt das Museum den Schritt hin zu einer virtuellen Sammlung des Anthropozäns.

Es fällt auf, dass Sie einerseits europaweit erstmals eine Sammlung des Anthropozäns auf die Beine stellen, den Begriff selbst aber äußerst sparsam verwenden. Im deutschen Projektnamen steht er im Untertitel, in der französischen Fassung fehlt er ganz und wird durch »Umweltveränderungen« ersetzt. Scheuen Sie den Begriff?

In Paris hat man sich dafür entschieden, den Begriff vorerst nicht zu verwenden. Das ist verständlich, denn in Frankreich ist er noch nicht so sehr im öffentlichen Diskurs und im Alltag angekommen. Deswegen wird dort bisher von Umweltveränderungen gesprochen. Gleichzeitig ist der Begriff Anthropozän – obwohl er bei uns und im englischen Sprachraum schon stärker verbreitet ist – sperrig. Wir haben uns hier dennoch entschlossen, ihn im Untertitel zu setzen und gleichzeitig zu versuchen, ihn zu beschreiben. Jeder sieht, was um uns herum passiert, da kann man dem Ganzen einen Namen geben, ohne die Menschen zu überfordern.

Der Begriff des Anthropozäns ist politisch nicht unumstritten. Es gibt den Vorwurf, dass damit sehr unscharf die gesamte Menschheit über einen Kamm geschert wird und Kolonial- und Industriegeschichte in den Hintergrund rücken, die letztlich Wurzeln der ökologischen Verwüstung unseres Planeten  sind.

Wir wollen den Begriff des Anthropozäns nicht unkritisch stehen lassen. Wir nutzen ihn, trotzdem glauben wir nicht, dass es eine einheitliche Menschheit gibt, deren Wirken zu dem geführt hat, wo wir jetzt stehen. Es gibt unterschiedliche Beiträge, und das wollen wir über die Multiperspektivität zeigen. An die ersten Konsequenzen der Krisen des Anthropozäns, die wir heute gesellschaftlich und mit Blick auf unsere Umwelt sehen, knüpft sich eine lange Vorgeschichte. Kolonialismus, der Beginn des europäischen Reise- und Expansionsstrebens und des globalen Handels, das alles gehört dazu. Diese historischen Verflechtungen möchten wir sichtbar machen. Wir verwenden den Begriff, weil er eine gewisse Kraft hat, auch eine Sprengkraft.

Nur noch drei Prozent des Planeten gelten als ökologisch intakt. Die Verwendung des Begriffs Anthropozän ist letztlich nichts anderes als das Eingeständnis, dass Menschen die Erde so stark heruntergewirtschaftet haben, dass dies noch in 10 000 Jahren sichtbar sein wird. Wie kann diese Einsicht eine Sprengkraft entwickeln?

Wir sind angesichts der Lage unseres Planeten in einem apokalyptischen Modus und sehnen uns gleichzeitig danach, dass es so etwas wie unberührte Natur gibt. Räume, in denen wir zur Natur in eine unmittelbare Beziehung treten können, in denen Natur aber auch für sich bestehen darf. Die Frage an die Wissenschaft lautet: Was könnten wir tun, damit Natur – und damit die Grundlage menschlichen Lebens – weiter besteht? Der Begriff Anthropozän könnte im besten Fall dazu führen, dass wir uns in Demut üben: Die Menschen sind Teil der Erde und sollten aufhören, sich eine Sonderstellung zu geben.

Wissenschaft in Berlin und auch Ihr Museum sind auf das Engste mit der Forschung und den Sammlungen Alexander von Humboldts verbunden. Was würde er zu Ihrem Projekt sagen?

Humboldt hat es sehr früh geschafft, Verbindungen zu ziehen und die Veränderungen in der Natur zu beschreiben. Seine Erkenntnis »Alles ist Wechselwirkung« steht dafür. In diese Richtung gehen wir ebenfalls. Im besten Fall fände Humboldt unser Projekt also gut. Er würde mitmachen und hätte viele tolle einzelne Gegenstände beizutragen. Ein wichtiger Unterschied ist, dass Humboldt als klassischer Sammler und Wissenschaftler, als Einzelperson und vor kolonialem Hintergrund sammelte. Wir dagegen öffnen das Sammeln für ganz verschiedene Akteure und vielfältige Formen des Wissens. Uns interessiert besonders die Verbindung zwischen kulturellem Wissen und einem ökologischen Blick auf die Entwicklungen. Das wiederum zeichnete auch Humboldt aus. Da passen wir ganz gut zusammen.

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