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Paläogenetik: Antike Ostimmigration

Das Thyrrhenische Meer würde anders heißen, zugegeben, aber wäre davon abgesehen heute alles anders? Ist nicht eigentlich völlig egal, ob Germanen, Griechen oder Asiaten ein Volk gegründet hatten - bevor sie dem Imperialismus der Römer zum Opfer fielen und untergingen? Ja und nein, glauben Archäologen.
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Sobald eine umstrittene Forschermeinung zweieinhalb Jahrtausende diskutiert wird, bevor sie sich als richtig erweist, stellt sich die Frage, warum überhaupt so lange an ihr herumgenörgelt wurde. Die alten, nun bestätigten Fakten: Etrusker sind Anatolier, wie der Geschichtswissenschaftler Herodot schon vor längerem publiziert hatte. Seine Quellen hatten ihm im 5. Jahrhundert vor Christus außerdem verraten, dass die längst ausgestorbenen antiken Bewohner der heutigen Toskana wegen einer Hungersnot aus der alten westanatolischen Heimat "Lydien" über jenes Meer flohen, das dann später von dem Anführer der Exilanten, einem gewissen Tyrhenos, seinen Namen erhielt.

Angekommen auf dem Boden des Stiefels begann unter dem Motto "Vom Hungerleider zur Hochkultur" die etruskische Erfolgsgeschichte: Zwischen Arno und Tiber gedieh ab Beginn der Eisenzeit ein zunehmend reiches und erfolgreiches Gemeinwesen. Der Staat der "Rasenna", wie sie sich auf gut etruskisch selbst nannten – ihren heutigen erhielten sie von den Römern, die sie als Etrusci oder Tusci bezeichneten –, schwang sich zu einer der dominierenden Mächte des Mittelmeers auf und erreichte seinen Höhepunkt der Machtentfaltung im 6. Jahrhundert vor Christus.

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Ausbreitung der Etrusker | Von der Eisenzeit bis zum Ende des 5. Jahrhunderts vor Christus ging es mit dem alten Reich der Etrusker bergauf. Hundert Jahre vor der Zeitenwende die Bewohner des Landstriches schon von Rom assimiliert.
Nur ein paar hundert Jahre später war alles vorbei. Die etruskische Kultur war im römischen Expansionsdrang unter- und aufgegangen, die Bewohner des Landstrichs sprachen nur mehr Latein, die Erinnerung an frühere Selbstständigkeit, die orginäre Kunst und Eigenart waren perdu. So gründlich hatte die von Süden vorrückende Größe Roms das Gedenken an alles vormals Große der Rasenna überdeckt, dass irgendwann keiner mehr etwas davon ahnte. Über die reich bemalten Grabkammern der vergessenen Notabeln wuchs Gras, die technischen Errungenschaften, das Wissen um hervorragende Zahnersatzlegierung, filigranste Schmuckverarbeitung und wirkungsvolle Entwässerungstechnik der toskanischen Sümpfe gingen allesamt verloren. Die Frage nach den Ahnen der vergessenen Kulturträger interessierte nicht mehr – für lange Zeit.

Bis zu den wackeligen Anfängen der modernen Geschichtsschreibung, die nach allerlei frühen Irrwegen zwei Antworten darauf fand, woher die unerklärlich unbekannte etruskische Kultur stammte. Theorie Eins: Aus Etrurien. Die Uretrusker seien schon immer da gewesen und haben ihre Hochkultur vor Ort geschaffen. Theorie Zwei: Herodot. Der altgriechische Vater der Geschichtschreibung habe recht, die Urahnen kamen aus Kleinasien übers Meer. Dafür sprachen von Anfang an neben den antiken Quellen auch einige Indizien. Zum Beispiel war 1885 auf der ägäischen Insel Lesbos eine Stele mit Schriftzeichen einer protogriechischen Sprache entdeckt worden, die hinsichtlich Form und Struktur ihres Vokabular Ähnlichkeiten mit dem insgesamt unverständlichen Etruskischen hatte.

Moderne genetische Analysen lieferten weitere Munition. Zum Beispiel ähneln Gene aus den Mitochondrien toskanischer Frauen jenen von heutigen Anatolierinnen. Passenderweise bestätigten ähnliche Untersuchungen mit der DNA aus den Rinder-Mitochondrien Übereinstimmungen mit türkischem Vieh. Und nun präsentieren Alberto Piazza von der Universität Turin einen weiteren – den vielleicht endgültigen – genetischen Beweis.

Die Forscher hatten DNA-Sequenzen der Y-Chromosomen von mehr als 1200 Männern aus verschiedenen europäischen Regionen verglichen – ihre Familien hatten über mehrere Generationen lang die Gegend nicht verlassen. Aufschlussreich erwiesen sich die Sequenzen von Männern aus drei toskanischen Dörfern. Die genetische Struktur der Bewohner von Volterra und insbesondere Murlo ähnelt jener von modernen Türken und Bewohnern der Insel Lesbos deutlich stärker als der anderer Italiener, so Piazza: "Ein überzeugender Beweis dafür, dass Herodot recht hatte." Letzte Zweifler sollen nun dadurch überzeugt werden, dass fossile DNA alter Etrusker geborgen, sequenziert und analysiert wird. Gelingt diese technische Herausforderung, dann sollte auch belegt werden können, dass die heutigen Toskanabewohner Ahnen der Etrusker sind – und diese die Nachfahren kleinasiatische Einwanderer.

Bliebe dann nur noch eine Frage ungeklärt – ist es, angesichts der zuletzt wiederentdeckten, sonderbaren und faszinierenden Schönheit des etruskischen Erbes überhaupt wichtig, wer seine Schöpfer waren? Fest steht, dass die Anatolier durchaus nicht alles selber mitgebracht haben, was sie später zu hochkulturellen Leistungen befähigte. Beeinflusst wurden sie etwa von griechischen Lehrern, die Mitte des achten Jahrhunderts von Hellas aus immer wieder nach Italien aufgebrochen sind – und den früheren Auswanderen Lebensart, Plastik- und Keramikkunst nahebrachten. Inspiration von außen und eigene Ideen schufen in der späteren Toskana dann gemeinschaftlich einen Genius loci, der zu einzigartigen Kulturhöhen anspornte.
19.06.2007

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 19.06.2007

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