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News: Arbeitsplätze sichern und schaffen durch Überstundenabbau?

Das Institut Arbeit und Technik in Gelsenkirchen untersuchte Möglichkeiten und Bedingungen des Überstundenabbaus im Rahmen neuer Arbeitszeitmodelle und die sich ergebenden Produktivitäts- und Beschäftigungseffekte. Danach könnte ein Viertel bis ein Drittel der in Deutschland geleisteten Überstunden im Prinzip abgebaut werden. Rein rechnerisch entspräche das einem Volumen von 300000 (nur bezahlte Überstunden) bis 600000 Vollzeitbeschäftigten (einschließlich unbezahlter Überstunden). In welchem Umfang allerdings regelmäßig geleistete Überstunden tatsächlich abgebaut und durch Neueinstellungen ersetzt werden können, hängt wesentlich von der Personalbemessung und oft schwierigen betrieblichen Verhandlungsprozessen ab. Im Rahmen der Einführung flexibler Arbeitszeitmodelle kann praktisch ausgetestet werden, ob Mehrarbeit in einem Betrieb als Flexibilitätspuffer bei kurzfristigen Produktionsschwankungen eingesetzt oder aber permanent geleistet wird und abgebaut werden kann.
Anhand von Fallstudien aus acht Betrieben mit zusammen über 12 700 Beschäftigten untersuchte das Institut Arbeit und Technik (IAT/Gelsenkirchen) Möglichkeiten und Bedingungen des Überstundenabbaus im Rahmen neuer Arbeitszeitmodelle. Möglichkeiten für beschäftigungswirksamen Überstundenabbau sehen die Arbeitsmarktforscher vor allem in Betrieben mit zu niedriger Personalbemessung und daraus resultierender struktureller Überstundenarbeit. Allerdings fällt es häufig schwer, zwischen strukturell bedingter und durch Produktionsschwankungen verursachter Mehrarbeit zu unterscheiden. In mehreren untersuchten Fällen war die Belegschaft während der Rezession bis Mitte der 90er Jahre so stark reduziert worden, daß der Produktionsanstieg seitdem nur mit Überstunden zu bewältigen war. Die Unternehmen zögerten mit Neueinstellungen, "wobei dieses Zögern allerdings für viele zum jahrelangen Dauerzustand geworden ist", so der IAT-Arbeitsmarktforscher Dr. Steffen Lehndorff.

Erst in dem Moment, in dem Überstunden nicht mehr ausgezahlt, sondern auf Arbeitszeitkonten verbucht wurden, wurde für die betrieblichen Akteure sichtbar, daß über die kurzfristigen Schwankungen hinweg immer höhere Überstundensockel aufgebaut wurden. In allen untersuchten Betrieben wurden neue Arbeitszeitmodelle eingeführt, von einer zusätzlichen Schicht bis hin zur flexiblen Jahresarbeitszeit. Die Überstunden, die vorher bei 8,5 bis 25 Prozent der vertraglichen Arbeitszeit lagen, konnten dadurch bis auf 1 Prozent, z.T. sogar auf 0 reduziert werden.

Als unmittelbare Beschäftigungseffekte wurden die Sicherung von zuvor gefährdeten Arbeitsplätzen und Neueinstellungen (bis zu 22 Prozent) angegeben.

Als zumindest kurzfristig nicht abbaubar zeigten sich Überstunden in personellen Engpaßbereichen, in denen hochqualifizierte und -spezialisierte Kräfte arbeiten, z.B. in den Konstruktionsabteilungen. Die Initiative zum Überstundenabbau ging in einzelnen untersuchten Betrieben vom Management aus – nicht zuletzt, um die teueren Lohnzuschläge einsparen zu können. Zudem ergaben sich auch Produktivitätseffekte durch die Einführung neuer Arbeitsformen mit mehr Mitverantwortung der Beschäftigten, durch Senkung des Krankenstandes und durch Einsparung von Leerlaufzeiten.

In der Regel wurde der Überstundenabbau jedoch von den betrieblichen Interessenvertretungen eingeleitet. Die Betriebsräte kamen dabei oft genug in Konflikt mit den Interessen der Beschäftigten, die durch den Überstundenabbau Lohnverluste zwischen 200 bis 1400 DM hinnehmen mußten. Allerdings stand die Initiative der betreffenden Betriebsräte in der Regel im Zusammenhang mit drohendem oder bereits stattfindendem Arbeitsplatzabbau, so daß das Ziel – Sicherung von Arbeitsplätzen durch Überstundenabbau – dann doch Zustimmung fand. Insgesamt zeigen die Fallbeispiele der Studie, daß Überstunden in höherem Maße abbaubar sein können, als von den betrieblichen Akteuren zunächst angenommen wird.

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