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Archäogenetik: Wo die ersten Hauspferde grasten

Experten rätseln schon lange, wann und wo die Vorfahren der heutigen Pferde gezüchtet wurden. Nun haben Genetiker die Ursprungsregion und -zeit dingfest gemacht.
Camargue-Pferde preschen an einem Strand in der Provence entlang.

Archäologen haben mit Hilfe alter DNA die genetische Heimat der modernen Pferde identifiziert – also den Ort, wo die Vorfahren heutiger Hauspferde vor etwa 4200 Jahren erstmals domestiziert wurden. Wie in einer aktuellen Studie im Fachblatt »Nature« beschrieben, entstanden die modernen Hauspferde wahrscheinlich in den Steppen um die Flüsse Wolga und Don im heutigen Russland, bevor die Tiere dann über ganz Eurasien verbreitet wurden und schließlich alle vorher existierenden Pferdelinien verdrängten.

»Diese Studie hat ein großes Rätsel gelöst und auch unsere Sichtweise auf einige der bedeutendsten menschlichen Migrationen der Vorgeschichte grundlegend verändert«, sagt Alan Outram, Studienautor und Bioarchäologe an der University of Exeter.

Pferde haben die menschliche Kulturgeschichte geprägt. Durch ihre Domestikation haben sich Transport, Kommunikation und Kriegsführung entscheidend gewandelt. Doch der Ursprung der Hauspferde ist seit Langem umstritten, denn anders als bei Nutztieren wie Rindern lässt sich nur schwer feststellen, ob Knochen und Zähne einst zu einem Haus- oder Wildpferd gehörten. »Frühere Arbeiten mussten sich daher auf indirekte Belege stützen, wie Tötungsspuren, Zahnschäden, Spuren des Konsums von Stutenmilch, symbolische Hinweise und anderes«, sagt Studienleiter Ludovic Orlando, molekularer Archäologe an der Université Toulouse III – Paul Sabatier.

2000 Proben von Pferdeüberresten sollen den Ursprung der Reittiere verraten

In den letzten fünf Jahren haben Orlando und sein Team Knochen- und Zahnstücke von Pferden der Vorgeschichte gesammelt und mehr als 2000 Proben von Fundorten zusammengetragen, an denen die Tiere domestiziert worden sein könnten – auf der Iberischen Halbinsel, in Anatolien, den Steppen Westeurasiens und in Mittelasien.

Aus etwa 270 Proben konnten die Forscher vollständige Genome sequenzieren. Mit Hilfe der Radiokohlenstoffdatierung bestimmten sie deren Alter und stellten zudem archäologische Daten zusammen, um den kulturellen Kontext der beprobten Überreste zu erschließen. Auf diesem Weg konnten die Forscherinnen und Forscher verschiedene Pferdepopulationen identifizieren – solche vor, während und nach der Domestizierung. Sie fanden heraus, dass bis vor etwa 4200 Jahren viele unterschiedliche Pferdepopulationen in verschiedenen Regionen Eurasiens lebten.

»Da sich all diese Populationen genetisch unterscheiden, konnten wir die Abstammungslinie identifizieren, aus der die genetische Variation der modernen Hauspferde hervorging«, sagt Orlando. Die Analyse ergab, dass Pferde mit dem DNA-Profil heutiger Exemplare vom 6. bis zum 3. Jahrtausend v. Chr. in den westeurasischen Steppen, insbesondere in der Wolga-Don-Region umherstreiften. »Populationen, die ebenfalls als Vorfahren des modernen Hauspferdes gelten könnten, waren andernorts bestenfalls marginal vertreten«, sagt Orlando.

Das Hauspferd erobert die Welt

Zwischen ungefähr 2200 und 2000 v. Chr. waren diese Pferde in Gebiete außerhalb der westeurasischen Steppe gelangt: Sie existierten zunächst in Anatolien, an der unteren Donau, in Böhmen und in Mittelasien. Anschließend breiteten sie sich über ganz Eurasien aus – und hatten im Zeitraum von 1500 bis 1000 v. Chr. alle anderen lokalen Pferdepopulationen verdrängt. »Wir haben festgestellt, dass sich der Zuchtpool der Pferde vor etwa 4200 Jahren dramatisch vergrößert hat«, sagt Orlando. »Offenbar hatten die Züchter damals begonnen, solche Pferde in großer Zahl zu vermehren, um einen steigenden Bedarf zu decken.« Schon bevor man von Pferden gezogene Karren und Kutschen erfunden hatte, waren Menschen wohl auf den Vierbeinern geritten. Die ersten Streitwagen kamen jedenfalls zwischen 2000 und 1800 v. Chr. auf.

Die Ergebnisse stellen jedoch die bisherigen Annahmen zu Pferden und ihre Rolle bei frühen Migrationsbewegungen in Frage. Die Genome von Menschen der späten Jungsteinzeit belegen nämlich, dass große Gruppen im 3. Jahrtausend v. Chr. aus den westeurasischen Steppen nach Europa gewandert waren. Sie werden mit der Jamnaja-Kultur der Schwarzmeerregion in Verbindung gebracht. Diese Menschen haben vermutlich dazu beigetragen, die indoeuropäischen Sprachen in Europa zu verbreiten. Zudem gehen Experten davon aus, dass die Neuankömmlinge auf Pferden geritten sind. »Wenn so viele Menschen mit ebenso vielen Pferden kamen, dann sollten wir in den Abstammungslinien der Pferde einen entsprechenden Ausschlag sehen«, sagt Orlando. Die neue Genanalyse legt jedoch nahe, dass es in jener Zeit nur wenige Vorfahren von Hauspferden außerhalb der westeurasischen Steppen gab. Das würde Szenarien ausschließen, in denen die Ahnen heutiger Pferde die Wanderungen der Jamnaja ermöglichten.

»Dies verändert unser Bild über die bronzezeitlichen Migrationen aus der Steppe bis nach Westeuropa«, sagt Koautor Outram. »Womöglich waren die Wanderbewegungen nicht, wie bisher angenommen, durch Hauspferde erleichtert worden.« Die Forschungsstudie »geht damit auf eine langlebige Kontroverse ein, die sich um die Rolle des Hauspferdes bei der Ausbreitung des Menschen in der Bronzezeit dreht«, meint der Evolutionsgenetiker Eske Willerslev von der Universität Kopenhagen.

Welche Gene das Hauspferd zum Hauspferd machten

Orlandos Team untersuchte auch genetische Varianten, die sich ab dem späten 3. Jahrtausend v. Chr. bei domestizierten Pferden etabliert hatten. Besonders auffällig sei das Gen GSDMC. Bei Menschen kann es Mutationen tragen, die zu einer Verhärtung der Bandscheiben führen, was chronische Rückenschmerzen und Schmerzen beim Gehen verursachen kann. Ein weiteres Gen mit Namen ZFPM1 hat Anteil an der Entwicklung von Neuronen, die an der Stimmungsregulierung und an Aggression beteiligt sind. Mäuse, bei denen im Experiment ZFPM1 deaktiviert wurde, zeigten sich als besonders ängstlich.

»Zwei Varianten der Gene GSDMC und ZFPM1 waren schon früh im Verlauf der Domestikation selektiert worden«, erklärt Orlando. »Das erleichterte wahrscheinlich die Zähmung, erhöhte die Stressresistenz der Pferde und sorgte für einen stärkeren Rücken.« Diese Erkenntnisse liefern für den molekularen Archäologen eine Erklärung, warum der neue Pferdetyp weltweit so erfolgreich wurde.

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