Abgezweigt und übermalt: Verschollene Archimedes-Schrift wieder aufgetaucht

In Frankreich hat ein Wissenschaftler eine lange verloren geglaubte Seite mit Schriften von Archimedes wiederentdeckt. Es handelt sich um ein Pergamentblatt, das im Jahr 1906 noch fotografisch dokumentiert wurde, dann aber auf mysteriöse Weise verschwand. Dies geschah vermutlich, während das gebundene Buch, in dem es enthalten war, den Besitzer wechselte.
Fündig wurde Victor Gysembergh nun im Archiv des Musée des Beaux-Arts in Blois in Zentralfrankreich. Der Experte für alte Handschriften am Centre Léon Robin in Paris konnte mithilfe der alten Fotografien bestätigen, dass es sich um die Seite (Folio) 123 des Archimedes-Palimpsestes handelt.
Palimpseste sind das Ergebnis mittelalterlicher Sparsamkeit: Um an günstiges Schreibmaterial zu gelangen, haben Schreiber häufig vorhandenes Pergament zweitverwendet und bestehende Texte abgeschabt. Weil das Abschaben die alten Aufzeichnungen nicht vollständig beseitigte, haben sich auf diese Weise zahlreiche ältere Schriften in jüngeren Werken erhalten.
So auch in diesem Fall. Archimedes von Syrakus lebte und schrieb im 3. vorchristlichen Jahrhundert. Seine Werke wurden in der Folgezeit wieder und wieder kopiert, die im Palimpsest enthaltene Fassung stammt aus dem 10. Jahrhundert und wurde vermutlich in Konstantinopel angefertigt. Darin enthalten waren sieben Abhandlungen des Universalgelehrten. Rund 200 Jahre später wurden die Seiten des Werks dann abgeschabt und mit den heute gut sichtbaren Texten eines byzantinischen Gebetbuchs überschrieben. Dieses Werk wurde im Jahr 1229 wahrscheinlich in Jerusalem vollendet.
Kugel, Zylinder und ein falscher Prophet
Wie Gysembergh in der »Zeitschrift für Papyrologie und Epigraphik« schreibt, enthält das jetzt wiederentdeckte Pergament auf der einen Seite einen Abschnitt aus Archimedes’ Schrift »Über Kugel und Zylinder«. Auf der Rückseite befindet sich dagegen heute eine mit Blattgold versehene Buchillumination, die den alttestamentarischen Propheten Daniel, flankiert von zwei Löwen, zeigt. Diese Darstellung ist aber jüngeren Ursprungs – sprich: eine Fälschung. Nach Aussagen des französischen Forschungsverbunds CNRS, der über den Fund in einer Mitteilung berichtet, wurde sie um 1942 hinzugefügt, um den Wert des Dokuments zu steigern. Dabei wurde der darunter befindliche Text überdeckt. Auch im bekannten Rest des Palimpsestes gibt es nachträglich eingefügte Buchmalereien.
Der Fund der Seite biete nun die Möglichkeit, mit aktuellen Methoden der Bildgebung den Originaltext in möglichst großer Detailgenauigkeit wieder sichtbar zu machen. Während der Archimedes-Text in Teilen auch mit bloßem Auge erkennbar ist, lasse sich mit herkömmlichen Untersuchungsmethoden allein nicht unter die Abbildung auf der Rückseite blicken. Dazu brauche es Verfahren wie etwa multispektrale Fotografien in Kombination mit synchrotronbasierten Röntgenfluoreszenzanalysen, heißt es in der Mitteilung. Die Neuentdeckung könnte darüber hinaus Anlass geben, auch den Rest des Palimpsestes mit den neuesten Methoden zu scannen.
Zwei der enthaltenen Abhandlungen von Archimedes sind nur in diesem Palimpsest überliefert. Allerdings wurden nicht bloß Bücher des griechischen Gelehrten recycelt: Das Palimpsest enthält auch Abschriften weiterer antiker Autoren, so etwa die des griechischen Redners Hypereides aus dem 4. Jahrhundert v. Chr.
Dass das unscheinbare Gebetbuch kostbare Archimedes-Schriften enthält, fiel als Erstem dem dänischen Philologen Johan Ludvig Heiberg (1854–1928) auf. Er fertigte 1906 auch die Fotografien an, die nun die Echtheit der neu gefundenen Seite bezeugten. Nach Abschluss der Untersuchungen Heibergs im Jahr 1908 verlor sich die Spur des Manuskripts in Jerusalem. Es tauchte erst 1998 als Teil einer Privatsammlung über eine Auktion bei Christie’s wieder auf. Heute befindet sich das Archimedes-Palimpsest im Walters Art Museum in Baltimore in den USA. Es gehört einem unbekannten Sammler, der es im Jahr 1998 für zwei Millionen US-Dollar ersteigerte. Ursprünglich umfasste das Palimpsest 177 Pergamentblätter, von denen jetzt nur noch zwei Stück fehlen.
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