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Arktis: Vier weitere Tote der Franklin-Expedition identifiziert

Der Aufbruch ins nordische Eis endete in der Katastrophe für die Besatzungen der »Erebus« und »Terror«. Jetzt wurden vier Seeleute der beiden Schiffe identifiziert.
Eine Person in blauer Outdoor-Kleidung kniet auf einem steinigen Boden und gräbt vorsichtig einen menschlichen Schädel aus der Erde aus. Neben der Person liegt ein rotes Werkzeug. Die Umgebung ist karg und mit Steinen bedeckt.
Der Anthropologe Douglas Stenton birgt den Schädel von einem der verstorbenen Seeleute der Franklin-Expedition in der Erebus Bay.

Im April 1848 endete die Arktis-Expedition von John Franklin endgültig in der Katastrophe: Nachdem seine beiden Schiffe »Erebus« und »Terror« zwei Jahre im Eis des Nordpolarmeers eingefroren waren, versuchten sich die bis dahin 105 Überlebenden zu Fuß entlang der Westküste von King William Island zu retten – doch alle starben. Nach und nach identifizieren Wissenschaftler über die sterblichen Überreste, wer Teil der Besatzung war. Ein Team um Douglas Stenton von der kanadischen University of Waterloo ermittelte drei Tote von der »Erebus« sowie einen Kapitän der »Terror« anhand von Knochenanalysen: Der Unteroffizier Harry Peglar ist das erste Mitglied der »Terror«-Crew, das anhand seiner DNA identifiziert wurde.

Die Expedition war im Mai 1845 aufgebrochen, um eine Durchfahrt entlang der sogenannten Nordwestpassage zu suchen. 1846 blieben die Schiffe im Meereis stecken, und Franklin verstarb im Juni 1847. In einem verzweifelten Versuch, das kanadische Festland zu erreichen, brachen die Überlebenden zu einem Gewaltmarsch auf, bei dem sie sogar Boote hinter sich herzogen. Verschiedene wissenschaftliche Exkursionen versuchten seitdem, Überreste der Mannschaft wie der Schiffe zu finden, was letztlich auch gelang. Aus verschiedenen Grabstätten bargen Wissenschaftler auch analysefähiges Material, das sie unter anderem genomisch untersuchten. Über Abgleiche mit DNA-Datenbanken beziehungsweise Vergleichsproben von Nachfahren ermittelten sie sogar noch lebende Verwandte der Verstorbenen, wie beim Offizier John Gregory.

Das gleiche Verfahren erbrachte nun die Namen von William Orren, David Young und John Bridgens, die auf der »Erebus« in verschiedenen Positionen dienten. Die drei Seeleute starben in der Erebus Bay auf King William Island, wo einige der Besatzungsmitglieder ihre letzte Ruhestätte fanden, darunter auch Gregory. Die Ergebnisse zeigten, dass »keiner der Männer ›Erebus‹ zum Zeitpunkt seines Ablebens allein war«, schreiben die Forscher in der ersten dieser Studien und ergänzen: »Wir hoffen, dass weitere Identifizierungen vorgenommen werden können, um auch anderen Nachkommen solche Informationen zur Verfügung stellen zu können.« Die Wissenschaftler denken, dass sich Überlebende in der Nähe aufgehalten haben, bis auch sie ihr Schicksal ereilte.

Kapitän Peglar starb letztlich rund 200 Kilometer von der Küste entfernt im Binnenland der wilden Insel, wo er allein beerdigt wurde. Um ihn gab es in der Vergangenheit Verwirrungen, da persönliche Papiere von ihm im Grab eines anderen Verstorbenen gefunden worden waren. Die DNA-Analyse bestätigte nun jedoch zweifelsfrei, dass er sich weit vom Ort des Untergangs entfernt hatte, auf der vergeblichen Suche nach Rettung. Aus dem Fundort und den unterschiedlichen Zugehörigkeiten zu den Crews schließen Stenton und Co, dass sich die Besatzungen auf unterschiedlichen Wegen durchschlagen wollten.

Wie verzweifelt die Männer ums Überleben kämpften, zeigen die Überreste eines weiteren Identifizierten: In ihrer Not aßen die Männer sogar verstorbene Kameraden, um nicht zu verhungern, wie Schnittwunden an den Knochen von Captain James Fitzjames belegten. Wie viele andere der bestatteten Seefahrer wies Fitzjames' Kiefer Schnittspuren auf, die durch Messer entstanden sein mussten. Die Männer hatten in ihrer Verzweiflung also Fleisch von den Knochen geschnitten. Erzählungen von Inuit hatten dies bereits angedeutet: Sie berichteten von Leichen, die Spuren von Kannibalismus aufwiesen. Viele Expeditionsteilnehmer erfroren und verhungerten, andere starben wahrscheinlich durch Krankheiten – begünstigt durch Zinkmangel, wie eine weitere Studie nahelegte. Schlechte Versorgung mit dem Spurenelement macht Menschen anfälliger für Infektionskrankheiten wie Tuberkulose oder Lungenentzündung. Anders als lange angenommen spielte Bleivergiftung hingegen keine Rolle beim Tod der Männer.

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  • Quellen

Stenton, D. et al., Journal of Archaeological Science: Reports 10.1016/j.jasrep.2026.105739, 2026

Stenton, D. et al., Polar Record 10.1017/S003224742610031X, 2026

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