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Empathie: Armer weißer Mäuserich

Was uns rät, nicht anderen zu tun, was uns selber nicht zustoßen soll - das heißt entweder Kant'sche Moral oder Mitleid. Können damit auch ganz unverdächtige Mitgeschöpfe dienen?
Eine Maus im Verhaltenstest
Zuerst waren es Spiegelbilder, die Hauptrollen bei der Selbstversicherung des Menschen spielten: Sich im Spiegel als ich zu erkennen, gelingt keinem Wesen auf unserer Welt außer dem Menschen – genauer gesagt, fast keinem. Es setzt Selbstbewusstsein und Selbstreflexion voraus; die Idee, dass die eigene Identität etwas einzigartiges, von ähnlichem Unterschiedenes in der großen weiten Welt ist. Homo sapiens hängt in dieser Hinsicht fast alle Mitgeschöpfe ab – bildet aber ärgerlicherweise einen nur semiexklusiven selbstbewussten Club, in dem auch manche Affenarten und Delfine noch Mitglied sind.

Was sonst unterscheidet Mensch und Tier also? Intelligenz? Schon – aber die Grenzlinie zwischen Mensch und Tier verläuft bestimmt auch im Grenzgebiet zwischen den von höheren Gehirnfunktionen nur mäßig kontrollierten Instinkten und Gefühlen. Auch typische Emotionen muss es geben, die nur von Menschen und nahen Verwandten gefühlt werden können – oder, wenn sie bei entfernteren Verwandten doch beobachtet werden, diese dann überraschend human wirken lassen. Ein Beispiel: Mitleid. Mitgefühl und Empathie sind die klassisch menschlichen Eigenschaften; auch wenn zum Beispiel – wieder einmal! – Schimpansen ebenfalls Anflüge zeigen, die als ähnliche Emotionen gedeutet werden können.

Klassisch menschlich? Das, was nun der kanadische Schmerzforscher Jeffrey Mogil und sein Team in diesem Zusammenhang ausrufen, klingt nach Revolution: Die Forscher suchten und fanden die Fähigkeit zur "Empathie" in ihren Experimenten an bislang jeder Emotion unverdächtigen Versuchstieren – Mäusen.

Der gemeine Labornager, man erinnere sich an den Spiegel-Selbsterkennungstest, gehört noch nicht einmal zu den Tieren, die ein offenkundiges Ich-Bewusstsein haben – nun soll er mitleidig sein? Immerhin aber sind Mäuse durchaus soziale Wesen mit Familiensinn. Und daher, so die Idee von Mogil und Co, sollten sie auch sozial differenziert auf den Zustand ihres Nächsten reagieren können. Mogils Team gab Mus musculus daher eine Chance, sich gefühlsmäßig zu beweisen.

Seine Probanden rekrutierten sich aus verwandten und unverwandten Nestgenossen sowie einander fremden Mäusen, von denen je zwei verschieden kombiniert in eine Versuchsbox drapiert wurden. Stets trennte das Pärchen dabei eine gelochte Plexiglasscheibe, die immerhin Sicht- und Geruchskontakt zwischen den beiden Nagerkandidaten gewährleistete. Dann begann der unappetitliche Teil – einem oder beiden Unfreiwilligen wurde Schmerz zugefügt, etwa durch eine Injektion verdünnter Essigsäure.

So etwas tut einer einzelnen Maus ziemlich weh – was Forscher übrigens an dem Ausmaß des reflexartigen Unterleibszuckens der Mäuse festellten, einem häufig verwendeten Schmerz- oder, vornehm wissenschaftlich verklausuliert, "Nozizeptions"-Anzeiger. Spannend für Mogil und Kollegen war aber nun, wie Nager auf die Schmerzen von Artgenossen reagieren – und das war sehr unterschiedlich. Gepiekte Mäuse, die gleichzeitig einem ihr selbst nicht persönlich bekannten Artgenossen beim Leiden zuschauen mussten, litten vergleichsweise sogar weniger stark – was man nun aus anthropozentrischer Sicht als ziemlich mitleidlos umschreiben könnte. Aber: Säuregeplagte Mäuse, die außerdem einer ihr aus gemeinsamen Käfigzeiten bekannten, ebenfalls injizierten Maus beim Leiden zuschauen mussten, litten noch deutlich mehr.

Geteiltes Leid, doppeltes Leid also – und das Ganze aus Mitleid? Mogil meint ja, angesichts der offenkundigen Ungleichwahrnehmung von fremden und vertrauten Mitleidenden. Das Experiment funktioniere auch, wenn taube oder ihres Geruchssinns beraubte Nagerbekannte sich leiden sehen – nicht aber, wenn zwischen ihnen ein Sichtschutz existiert. Außerdem werde der Effekt immer stärker, je länger die Tiere gemeinsam aufgezogen worden sind. Ob sie verwandt sind oder nur vertraut, spiele im Übrigen keine Rolle.

Für Mogil ist der Fall damit klar – für andere alles andere als das. Bewiesen ist schließlich nur, dass Mäuse den Schmerz anderer Mäuse wahrnehmen, zwischen fremden und nicht fremden Artgenossen unterscheiden und diese beiden Leistungen auch in bestimmten Situationen kombinieren können. Vielleicht kopieren die Mäuse auch nur das, was sie bei sozialen Partnern wahrnehmen – etwa, um ein gewisses Gruppenverhalten aufrechtzuerhalten. Empathie im geläufigen Wortsinn ist das sicher nicht, meint etwa der Verhaltensforscher Frans de Waal von der Emory-Universität – selbst wenn die Nager in gewissem Sinn "aufeinander eingestellt" seien.

Auch Tania Singer, die am University College London menschliches Empathieverhalten beim Anblick schmerzgeplagter Gegenüber untersucht hat, ist skeptisch: Philosophen dürften Bewusstsein für eine unabdingbare Grundvoraussetzung von Mitleid ansehen, so die Forscherin. Und Physiologen werden zunächst altruistische Motivationen und Verhaltensäußerungen erkennen wollen, um Empathie zu konstatieren. Vielleicht, so bauen Kritiker Mogil eine Brücke, handele es sich bei dem von ihm wahrgenommenen Verhalten eher um eine Verhaltensäußerung reflexartiger "emotionaler Ansteckung" – ähnliches machen Babys, die auf schreiende Babys schreiend reagieren. Echte Einsicht in die Gefühlswelten anderer ist dazu nicht nötig.

Wie dem auch sei: Sicher hat es gewissen Charme, menschliche Regungen und Gefühle auch bei anderen Mitgeschöpfen zu entdecken – bleibt zu hoffen, das nicht erst attestierte humanoide Eigenschaften Gründe dafür liefern müssen, Natur für wertvoll zu halten. Mäusen Mitgefühl zu bestätigen hat – bis dafür wirklich ausreichende Beweise gefunden sind – jedenfalls nicht Charme, sondern lässt sich mit Empathie-Etikett schlicht nur besser verkaufen. Übrigens, noch ein echter Unterschied zwischen Mensch, Maus und manch anderer Spezies: Wohl nur Homo sapiens wird Mitleid bei anderen Arten ziemlich mitleidlos zu entlarven versuchen.

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