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Artemis-Programm: »Endlich kehrt die Menschheit zum Mond zurück«

Mit der Artemis-Mission probt die NASA die Rückkehr zum Mond. An Bord ist auch ein europäisches Bauteil. Was man sich hier zu Lande von der Artemis-Mission erhofft, erklärt der Chef der Deutschen Raumfahrtagentur im Interview.
Selfie der Orion-Kapsel im All
Die Orion-Kapsel hat den Mond inzwischen umrundet. Das Bild entstand drei Tage nach dem Start der Mission mit Hilfe einer Kamera, die sich an der Spitze eines der Solarpanele befindet. Die Erde war zu diesem Zeitpunkt rund 57 000 Kilometer entfernt.

Der Start der »Artemis-I-Mission« am 16. November 2022 war nicht nur für die US-amerikanische Raumfahrtbehörde NASA eine große Sache. Auch die Europäer sind mit einem entscheidenden Bauteil an dem Testflug beteiligt, mit dem die Rückkehr der Menschheit zum Mond vorbereitet wird. »Ich bin stolz, froh und dankbar, dass wir diese Reise nun gemeinsam antreten«, sagt Walther Pelzer, Chef der Deutschen Raumfahrtagentur. Warum sein Herz beim Raketenstart war, aber sein Kopf woanders, und was er sich von der Mission erhofft, erklärt er im Interview.

»Spektrum.de«: Beim ersten Startversuch von Artemis I Ende August waren Sie live vor Ort in Florida. Diesmal mussten Sie aus der Ferne zuschauen. Warum?

Walther Pelzer: Wir steckten mitten in den Vorbereitungen für die für uns Europäer wichtigste Raumfahrtkonferenz, den ESA-Ministerrat, der in diesen Tagen stattfindet. Hier werden die Raumfahrtprogramme und Budgets für die nächsten Jahre festgelegt und damit die Weichen gestellt, wo wir in Europa unsere Schwerpunkte legen. Ein zentraler Baustein des deutschen ESA-Engagements ist auch die Beteiligung an den Antriebs- und Servicemodulen der Orion-Raumschiffe aus dem Artemis-Mondprogramm der NASA. Mein Kopf war deshalb während des Artemis-I-Starts hier in Deutschland, mein Herz aber definitiv in den USA.

Wie haben Sie den Moment erlebt, als die letzten Sekunden des Countdowns liefen und die Rakete abgehoben ist?

Mein Herz ist nicht nur gehüpft, sondern gesprungen. Endlich kehrt die Menschheit zum Mond zurück. Diesmal nicht in einem Wettrennen zwischen Ost und West, sondern mit einer Teamleistung. Ich bin stolz, froh und dankbar, dass wir diese Reise nun gemeinsam und nachhaltig antreten. Denn wir wollen nicht nur Neues über den Mond, sondern auch viel über unseren eigenen Planeten lernen. Etliche Spuren, die auf dem Mond noch erkennbar sind, sind es auf der Erde nicht mehr auf Grund von Erosion. Auf lange Sicht betrachtet ist es zudem der erste Schritt zum Mars. Und: Es ist das erste Mal, dass sich die Amerikaner bei einer so großen Mission auf ein Bauteil verlassen, das nicht aus den USA kommt.

Walther Pelzer | Der studierte Maschinenbau-Ingenieur ist seit 2018 Mitglied im Vorstand des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR). Zudem leitet er die Deutsche Raumfahrtagentur im DLR mit Standort in Bonn.

Sie meinen das »European Service Module«. Was ist das genau und warum ist es so eine große Sache?

Es ist die Küche, das Badezimmer, die Vorratskammer und die Energiezentrale der Orion-Kapsel in einem. Es enthält das Haupttriebwerk und liefert über vier Solarsegel den Strom, außerdem reguliert es Klima und Temperatur im Raumschiff und lagert Treibstoff, Sauerstoff und Wasservorräte für die Crew. Es ist ein zentraler Meilenstein für künftige astronautische Explorationsmissionen zum Mond, aber auch zum Mars und darüber hinaus.

Ohne die deutsche Ingenieurskunst hätten die USA also nicht zurück zum Mond fliegen können?

Ich würde es etwas vorsichtiger formulieren. Aber ja: Das ESM ist ein missionskritisches Bauteil. Dass die USA sich dabei auf uns verlassen, ist ein enormer Vertrauensbeweis in die Leistungsfähigkeit der europäischen Raumfahrtnationen – insbesondere in Deutschland. Das ESM heißt nicht umsonst »Bremen«, denn es wird überwiegend in Bremen bei Airbus zusammengebaut. Und: Wir können es wettbewerbsfähig herstellen. Würde die NASA etwas Vergleichbares in den USA einkaufen, müsste sie deutlich mehr bezahlen.

Sie sagten vorhin, die Reise zum Mond sei nachhaltig. Wenn man sich aber anschaut, dass ein einziger Start des »Space Launch System« 4,1 Milliarden US-Dollar kostet, die ausgebrannte Rakete aber nur einmal verwendet wird, das ESM-Modul in der Erdatmosphäre verglüht und am Ende nur die Orion-Kapsel wieder im Pazifik landet : Ist das denn wirklich nachhaltig?

Ich beziehe mich dabei nicht nur auf den ökologischen Begriff der Nachhaltigkeit, sondern es geht mir ganz explizit auch um ökonomisch nachhaltig und gesellschaftlich verantwortlich. Wir wollen zum Mond, um dort zu sein, um dort zu lernen – das ist im Interesse der gesamten Weltbevölkerung. Aber wir müssen natürlich verantwortungsvoll mit der Ressource Raumfahrt umgehen. Weltraumschrott sollte, so gut es geht, vermieden werden und wir brauchen auch im Weltraum saubere Treibstoffe – wobei ich betonen möchte, dass die Raumfahrt aktuell einen verschwindend geringen Anteil an den weltweiten Emissionen hat. Ob eine Rakete wiederverwendet werden sollte, ist auch eine ökonomische Frage. In den USA ist das bei rund 40 Starts im Jahr sicherlich sinnvoll, in die Entwicklung nachhaltiger Raketentechnologie zu investieren. In Europa wäre es bei aktuell vier Starts im Jahr eine regelrechte Verschwendung von Steuergeldern.

Warum? Hätte das nicht auch Signalwirkung?

Die Entwicklung eines solchen Systems ist sehr aufwändig und dementsprechend teuer. Man muss zum Beispiel eine Infrastruktur aufbauen, um eine sichere Landung der Hauptstufen auf dem Wasser zu garantieren – so wie die Droneships bei SpaceX. Mit den nächsten Flügen werden außerdem Astronautinnen und Astronauten starten. Immer wenn Menschen mitfliegen, müssen die höchsten Sicherheitsanforderungen an ein solches System gestellt werden. Bei der geringen Startfrequenz der SLS-Rakete wäre dieser Entwicklungsprozess dann einfach nicht kosteneffizient. Das wäre eindeutig das falsche Signal.

»Ob Matthias Maurer oder Alexander Gerst auf den Mond oder in den Mond-Orbit reisen, muss sich noch zeigen«

Wie schätzen Sie die Chance ein, dass bis 2030 auch deutsche Astronauten einen Fuß auf den Mond setzen?

Ich bin mir sehr sicher, dass bis 2030 deutsche Astronauten eine Chance haben, zum Mond zu fliegen. Zunächst werden drei europäische Astronauten bzw. Astronautinnen in den Orbit fliegen. Später auch auf die Mondoberfläche. Leider wird es wohl keine deutsche Frau sein, denn bis 2030 wird keine die erforderliche Ausbildung abgeschlossen haben. Ob Matthias Maurer oder Alexander Gerst auf den Mond oder in den Mond-Orbit reisen, muss sich noch zeigen.

Was erwarten Sie konkret von der »Artemis I«-Mission?

Wir werden unwahrscheinlich viel lernen. Wir sprechen über eine 25-tägige Reise von insgesamt mehr als 2,3 Millionen Kilometern. Das ist nicht vergleichbar mit einem Flug zur ISS, die die Erde in einer Entfernung von gerade einmal 400 Kilometern umkreist. Auch, wenn die NASA schon mehrfach auf dem Mond war: Über die Zeit ist viel Know-how verloren gegangen. Die ganze Sensorik und die Steuerung haben sich weiterentwickelt. Wir wissen überhaupt nicht, wie groß die Strahlung ist, der die Menschen auf dem Weg dorthin ausgesetzt ist. All das wollen wir herausfinden.

Ich war mir ja bis zuletzt nicht sicher, ob die Rakete diesmal tatsächlich abhebt. Wann wussten Sie, dass es klappen wird?

Ich habe schon beim ersten Mal fest daran geglaubt. Da war ja letztlich nur ein Sensor defekt, der fehlerhafte Signale abgesetzt hat. Die Rakete hätte also starten können. Und diesmal war ich mir wieder sicher, dass es klappt. Mich hat dann auch kurz vor dem finalen Countdown Jim Free, der stellvertretende NASA-Administrator für die Entwicklung von Explorationssystemen, angerufen und gesagt, dass sie sehr zuversichtlich sind. Und damit hat er Recht behalten.

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