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Artenschutz: Hunde haben die Nase vorn

Hunde können eine wichtige Rolle im Artenschutz spielen. Säugetiere, Vögel, Amphibien, Pilze, Pflanzen oder Bakterien: Sie können alles aufspüren. Im direkten Vergleich mit anderen wissenschaftlichen Methoden haben sie dabei fast immer die Nase vorn.
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Beide gehören zu den Mardern, haben ein dichtes braunes Fell, lange Körper und Schwimmhäute zwischen den Zehen. Und dennoch kann man Fischotter und Mink leicht auseinanderhalten, wenn man sie denn zu Gesicht bekommt: Otter sind viel schwerer, haben einen ausgeprägteren Schnurrbart und sind prinzipiell ein wenig struppiger. Beiden gemeinsam ist allerdings auch, dass sie sehr scheu sind, weshalb man sie nur selten in der Natur sieht.

Wer etwas über ihre Verbreitung, ihre Häufigkeit und Gesundheit in Erfahrung bringen möchte, ist deshalb auf Spuren angewiesen, zum Beispiel auf ihren Kot. »Wenn beide Fisch gefressen haben, ist es für Menschen fast unmöglich, zu sagen, ob der Kot von einem Otter oder von einem Mink stammt«, sagt Annegret Grimm-Seyfarth. Die Wissenschaftlerin vom Leipziger Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung forscht seit Jahren zu Fischottervorkommen, unter anderem im Biosphärenreservat Oberlausitzer Heide- und Teichlandschaft, in dem besonders viele Otter leben. Seit 15 Jahren wandern jedoch immer mehr Minke in das Gebiet ein, was leicht zu Verwechslungen der Kotproben führen kann.

»Ich habe deshalb nach einer Methode gesucht, mit der man die Proben sicher auseinanderhalten kann und bin schließlich bei Spürhunden gelandet«, sagt Grimm-Seyfarth. 2012 trainierte sie ihren ersten Hund Bagheera – einen Australian Cattle Dog – auf Fischotterlosung. 2013 kam er zum ersten Mal zum Einsatz. »In der Praxis hat sich schnell herausgestellt, dass Bagheera deutlich mehr in deutlich kürzerer Zeit finden konnte als ich«, sagt Grimm-Seyfarth. Später hat sie für eine wissenschaftliche Studie Spürhunde und menschliche Experten in der Oberlausitzer Teichlandschaft gegeneinander antreten lassen. Das Ergebnis war eindeutig: Die zwei Spürhundeteams fanden pro Stunde deutlich mehr Kot als die beiden Expertenteams, die auf 50 Prozent weniger Ausscheidungsprodukte stießen.

Die Hunde waren zudem besser darin, Otter- und Minkkot auseinanderzuhalten und selbst kleinste, unscheinbare oder versteckte Häufchen zu finden, also mehr Kot von mehr verschiedenen Individuen. »Durch den Spürsinn der Hunde bekommen wir einen besseren Überblick über die tatsächliche Zahl der Otter, als wir Menschen das hinkriegen würden«, sagt Grimm-Seyfarth.

Hunde-Ranger weltweit im Einsatz

»Um das Potenzial der Artenspürhunde für den Artenschutz besser einschätzen zu können, wollten wir wissen, welche Erfahrungen es weltweit gibt«, sagt Grimm-Seyfarth. Zusammen mit UFZ-Mitarbeiterin Wiebke Harms und Anne Berger vom Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) in Berlin hat sie daher 1220 Publikationen ausgewertet, die Einsätze solcher Suchhunde in mehr als 60 Ländern dokumentieren. »Uns hat vor allem interessiert, welche Hunderassen zum Einsatz kamen, welche Arten sie aufspüren sollten und wie gut sie dabei abgeschnitten haben«, sagt sie über die Studie, die in »Methods in Ecology and Evolution« erschienen ist.

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Spürhund | Hunde sind im Artenschutz heute nicht mehr wegzudenken. Mit ihrer ausgezeichneten Nase finden sie jedes noch so heimlich lebende Tier oder dessen Hinterlassenschaften.

In Neuseeland verlässt man sich schon seit etwa 1890 auf die besonderen Fähigkeiten der Spürnasen, um vom Aussterben bedrohte Vögel und andere Arten zu finden. In dem Inselstaat werden heute auch Hunde eingesetzt, um unliebsame invasive Tiere wie Ratten oder die Argentinische Ameise aufzustöbern. Sonst werden Artenspürhunde vor allem in Australien, Nordamerika und Europa eingesetzt.

Sie erschnuppern fast alles

Die Forscherinnen fanden in den Studien mehr als 400 Tierarten, die von Hunden aufgespürt worden waren – am häufigsten Säugetiere (insgesamt 1129 Fälle) vor allem aus den Familien der Katzen, Hunde, Bären und Marder. Auch Vögel (insgesamt 619 Fälle), Insekten, Pflanzen sowie Pilz- und Bakterienarten wurden von Hunden gesucht und gefunden. Zum Aufspüren setzen die Verantwortlichen viele Hunderassen ein – je nach den regionalen Vorlieben und Traditionen in den einzelnen Ländern. »Die richtige Ausbildung spielt bei Artenspürhunden in jedem Fall eine größere Rolle als die Wahl der Hunderasse«, sagt Grimm-Seyfarth.

Trotzdem macht es Sinn, die besonderen Eigenschaften der Hunderassen mit zu berücksichtigen: Pinscher und Schnauzer werden heute eher als Familienbegleithunde gezüchtet und zeigen deshalb weniger Motivation für die Arbeit im Gelände. Terrier dagegen neigen dazu, gefundene Tiere auch gleich zu schnappen – nicht gerade die beste Eigenschaft für den Einsatz im Naturschutz. Besonders geeignet sind jedoch Setter, Pointer und andere Vorstehhunde, die extra dafür gezüchtet werden, Wild anzuzeigen, ihm aber nicht hinterherzujagen. Hütehunde und Retriever wiederum haben keinen ausgeprägten Jagdtrieb, sind sehr lernwillig und arbeiten gerne mit Menschen zusammen. Deshalb werden ebenfalls Labradore, Border Collies und Deutsche Schäferhunde häufig zum Aufspüren von Arten eingesetzt.

Versagen meist durch Trainingsfehler

»In fast 90 Prozent der Fälle sind Artenspürhunde deutlich effektiver als andere Nachweismethoden«, sagt Annegret Grimm-Seyfarth. So spürten Hunde 3,5- bis 4,7-mal so viele Schwarzbären, Fischmarder und Rotluchse auf wie Kamerafallen und viermal so viel Losung von Fischottern oder Füchsen wie erfahrene Wissenschaftler.

»Bei den zehn Prozent, in denen die Hunde nicht besser abschnitten, konnten wir das häufig auf Fehler beim Training der Hunde zurückführen, auf ungünstige Wetterbedingungen oder ein schlecht gewähltes Studiendesign«, sagt Grimm-Seyfarth. Wenn es zum Beispiel heiß ist und die Hunde viel hecheln, können sie nicht richtig arbeiten. Bei stürmischem Wetter fällt es ihnen ebenfalls schwer, gute Ergebnisse zu erzielen. Das alles muss man vor Beginn der Untersuchung berücksichtigen. Einige Male sollten die Hunde sogar Arten aufspüren, auf die sie überhaupt nicht trainiert wurden. Etwa wenn ein Hund sein Leben lang Zauneidechsen gesucht hat, aber plötzlich Waldeidechsen finden soll. Entsprechend gemischt fielen dann die Ergebnisse aus. »Die beste Hundespürnase wird nichts oder nur wenig finden, wenn sie falsch angeleitet oder am falschen Ort und zur falschen Zeit eingesetzt wird«, so Grimm-Seyfarth.

Die Biologin sitzt wie Mitautorin Anne Berger im Vorstand des Vereins »Wildlife Detection Dogs e. V.«. Der Verein wurde 2016 unter anderem mit dem Ziel gegründet, den Einsatz von Artenspürhunden weiterzuentwickeln und zu etablieren. Bis die Tiere selbstverständlich in Forschung und Naturschutz eingesetzt werden, vergeht zwar noch Zeit. Seit Gründung hat sich trotzdem einiges getan: Die Mitgliederzahl hat sich verzehnfacht. Es gibt Ableger in Österreich, der Schweiz, Luxemburg, den Niederlanden, Polen und Schweden. Bergers Hund Fine war der erste anerkannte Diensthund im Institut und wird zum Aufspüren von Igeln in der Stadt eingesetzt. Das Beispiel von Fine hat Schule gemacht. Am IZW kamen weitere Diensthunde dazu: zum Aufspüren bewohnter Fuchsbaue, von Luchs-, Waschbären- und Feldhasenkot oder von verloren gegangenen GPS-Halsbändern. Weil die Tiere zum Teil Doktorandinnen gehörten, die mittlerweile nicht mehr am IZW arbeiten, ist aktuell außer Fine allerdings nur ein weiterer Hund im Einsatz.

»Was noch fehlt zur richtigen Etablierung der Artenspürhunde, ist eine einheitliche, unabhängige Evaluierung«, sagt Anne Berger. Die meisten Behörden, Institute und Planungsbüros sind mit Arbeit und Leistungsvermögen der Hunde bislang nicht so vertraut. Ein einheitliches nationales Zertifikat als Leistungsnachweis, von unabhängigen Prüfern ausgestellt, könnte die Akzeptanz deutlich steigern. »Wir sind im Verein gerade dabei, theoretische und praktische Prüfungen auszuarbeiten, die internationalen Standards genügen«, sagt Berger. In etwa einem Jahr könnte es so weit sein.

Perfekte Dienstleister

Dem Artenschutz und der Wissenschaft sind in jedem Fall mehr Spürhunde zu wünschen. Einfach, weil sie Aufgaben erledigen können, die sonst unerledigt bleiben: Zammy – ein weiterer Hund von Annegret Grimm-Seyfarth – ist auf das Aufspüren verschiedener Molcharten spezialisiert. An Land, wo sich die Amphibien die meiste Zeit des Jahres aufhalten, sind sie oft nur schwer in ihren Verstecken aufzuspüren, aber der Australian Shepard schafft das mit seiner feinen Nase spielend leicht. »Durch den Einsatz von Hunden erfahren wir viel mehr über die Molche und können ihren Lebensraum besser schützen«, sagt Grimm-Seyfarth. Ihr dritter Hund Foxy ist noch in der Ausbildung. Der Australian Cattle Dog soll neben Fischotterkot später verschiedene Frosch- oder Krötenarten finden können.

Seine Besitzerin kann sich gut vorstellen, dass einige Planungsbüros für Kartierungen schon in wenigen Jahren eigene Artenspürhunde ausbilden und einsetzen. Langfristig würde sie sich darüber freuen, wenn die Artenspürhunde für Wissenschaft und Naturschutz in Zukunft ähnlich behandelt würden wie zum Beispiel Polizeihunde: Die Gesetzeshüter beschäftigen tausende Hunde – unter anderem zum Aufspüren von Drogen, Sprengstoff oder vermissten Personen. Die Hunde sind fest bei der Polizei angestellt, werden dort ausgebildet, einmal im Jahr geprüft und bekommen im Alter häufig sogar eine Rente von bis zu 100 Euro im Monat. In Neuseeland und den USA haben Nationalparkverwaltungen und andere Institutionen eigene Artenspürhunde-Staffeln. »Das wäre für Deutschland natürlich auch wünschenswert«, sagt Grimm-Seyfarth.

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