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Artenvielfalt: Das noch viel größere Krabbeln

Eine Forschungsgruppe hat über eine Millionen Insekten katalogisiert und mit statistischen Methoden die globale Anzahl verschiedener Spezies geschätzt. Das Ergebnis: Es gibt vielleicht viel mehr Insektenarten als bisher gedacht.
Tote Insekten, darunter Fliegen und Käfer, schwimmen in einer Flüssigkeit in einem weißen Behälter. Die Insekten haben verschiedene Größen und Farben, bei einigen sieht man Flügel. Die Szene zeigt eine wissenschaftliche Untersuchung oder Sammlung von Insektenproben.
Die Ausbeute einer der genutzten Malaise-Fallen.

Insekten sind die vielfältigste aller Tiergruppen. In ihrem meist kurzen Leben durchlaufen sie oft Metamorphosen, wechseln die Lebensräume und bieten damit ein wahres Spielfeld für die evolutionäre Entwicklung. Doch wie viele Arten es wirklich gibt, könnte bisher unterschätzt worden sein. Fachleute spekulieren, dass es weltweit ungefähr sechs Millionen verschiedene Insektenspezies geben könnte, von denen lediglich etwa 1,2 Millionen wissenschaftlich beschrieben sind. Eine neue Schätzung übertrifft diese Zahl mit 14 bis 20 Millionen um ein Vielfaches.

Als Fundament für diese Berechnung diente eine jahrzehntelange Feldarbeit in einem gut untersuchten Schutzgebiet im Nordwesten Costa Ricas. »Das langfristige Insekteninventar in der ›Área de Conservación Guanacaste‹ (ACG) ist ein weltweit einzigartiges Unterfangen«, erklärt die Insektenforscherin Laura Melissa Guzman von der Cornell University im Gespräch mit »Spektrum«. »Über 40 Jahre lang katalogisierten hier zehn Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zusammen mit 30 lokalen Hilfskräften mehr als 1,6 Millionen Insekten.« Von jedem einzelnen dieser Exemplare sequenzierte das Team ein kleines Segment der DNA, um neue Spezies zu erkennen.

Zusätzlich zu einer Reihe zeltartiger Flugfallen sammelten die Experten Raupen und verfügten damit über eine umfangreiche Stichprobe an Microgastinae – einer äußerst artenreichen Unterfamilie kleiner Parasitoidenwespen, die ihre Eier in Larven ablegen. Mithilfe der verschiedenen Methoden kamen 1414 Spezies dieser Wespen in der ACG zusammen.

Über Baumarten auf Insekten schließen

Aus diesem Wert berechnete das Team über ein statistisches Verfahren das Verhältnis zwischen der Anzahl der in der ACG nachgewiesenen Microgastrinae-Wespen und der Anzahl der potenziell unentdeckten Exemplare: »Es geht darum, dass wir versuchen, auf der Grundlage unseres bisherigen Wissens das Unbeobachtete abzuschätzen«, so Guzmann. Dieses Verhältnis wiederum wendeten die Forscher auf die Gesamtzahl der rund 54 000 verschiedenen, in der ACG gefundenen Spezies an, und schätzten damit die absolute Zahl der Insektenarten in der ACG auf 330 000.

Um daraus auf den globalen Wert zu schließen, benötigte das Forscherteam einen leichter zu messenden Vergleichswert. Hierfür nutzte es das Verhältnis von allen Baumarten der Erde (etwa 73 000) zu den Baumarten im ACG (1200 bis 1500). Zur Überprüfung berechneten die Fachleute dasselbe Verhältnis zudem bei Säugetieren, Amphibien sowie bestimmten Nachtfaltern. »Das Baumverhältnis war unser bevorzugter Maßstab, weil die globale Schätzung für Bäume auf tatsächlichen Erhebungsdaten durch gerasterte Karten und starke statistische Methoden beruht«, ergänzt der Erstautor der Studie, der Ökologe Robert Colwell von der University of Connecticut, ebenfalls im Gespräch mit »Spektrum«.

Indem sie dieses Verhältnis auf die Insektenarten in der ACG anwendeten, errechnete das Team einen Wert von weltweit 14 bis 20 Millionen verschiedenen Spezies. Angesichts der drohenden »Insekten-Apokalypse« erscheint das Forschungsergebnis als Weckruf. Guzman bringt es auf den Punkt: »Wir können Arten nicht schützen, wenn wir nicht wissen, dass sie existieren.«

  • Quellen

Colwell, R. K. et al., PNAS 10.1073/pnas.2524283123, 2026

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