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Bedeckung von Delta Ophiuchi: Asteroidenschatten von (472) Roma auf Abwegen

Die Bedeckung des hellen Sterns Delta Ophiuchi durch den Asteroiden (472) Roma am späten Abend des 8. Juli 2010 hat viele Amateurastronomen mobilisiert. Doch für die meisten verlief das Ereignis enttäuschend – der Stern wollte sich nicht verfinstern. Dies zeigt, welche Auswirkungen selbst geringe Unsicherheiten in den Sternkatalogdaten haben können.
Schattenpfad von (472) Roma
Letztlich war es einfach Statistik: Eine Erfolgswahrscheinlichkeit von 52 Prozent (wie für die vorhergesagte Zentrallinie der Bedeckung angegeben) bedeutet eben gleichzeitig eine 48-prozentige Chance, leer auszugehen. Genauso kam es für all jene Beobachter, die den Prognosen zu sehr vertrauten und ihre Teleskope und Kameras zu nahe an oder südlich der vorausgesagten Zentrallinie aufgebaut hatten.

Dabei waren die Bedingungen eigentlich perfekt: Der Schatten des Asteroiden (472) Roma sollte den Nordwesten Deutschlands von Skandinavien kommend in Richtung Belgien überstreichen. Der bedeckte Stern Delta Ophiuchi war mit 2,7 mag ohne Hilfsmittel sichtbar und kulminierte zum Bedeckungszeitpunkt rund 30 Grad hoch im Süden. Selbst das Wetter spielte meist mit, vielerorts war der Himmel vollkommen wolkenfrei.

So hatten sich beispielsweise im Raum Aachen-Düren-Eifel mehr als ein Dutzend Amateurastronomen auf diverse Plätze verteilt, um durch genaue Zeitmessungen eine Bestimmung der Größe und Form, sowie der genauen Position des Asteroiden zu ermöglichen. Doch bis auf einen konnte niemand eine Bedeckung beobachten. Erfolgreich war nur der nördlichste der Beobachtungsplätze, so dass schnell die Vermutung aufkam, dass der Asteroidenschatten nordwestlich des vorausgesagten Pfades vorbeigezogen war. Die wenigen positiven Meldungen in den Internetforen bestätigten bald diesen Verdacht.

Auch aus der Gegend nördlich von Hamburg und dem Elbe-Weser-Dreieck wurden positive Ergebnisse vermeldet. Hier verschwand Delta Ophiuchi für zwei bis fünf Sekunden, wobei sein Verschwinden und Wiederauftauchen nicht instantan, sondern mit einer merklichen Verzögerung erfolgte: Der Stern wurde nicht "ausgeknipst" sondern eher "ausgedimmt". Deutlich zeigte sich damit die Winkelausdehnung des Sterns, die immerhin rund ein Drittel der des Asteroiden ausmachte. Einige Beobachter hatten gleich doppeltes Glück: So berichtet ein Amateurastronom aus Marl offenbar von einer streifenden Bedeckung: Auf seinem Video erkennt man deutlich eine Verdunkelung des Sterns, die jedoch nicht die maximalen 10,8 Größenordnungen erreicht.

Wie Oliver Klös von der International Occultation Timing Association (IOTA) berichtet, sind bis zum Wochenende bereits mehr als 40 verwertbare Beobachtungsmeldungen eingetroffen. Damit ergibt sich ein klareres Bild: "Auf jeden Fall gab es eine Pfadverschiebung nach Nordwesten, senkrecht zum Pfad." Dies sei nichts Ungewöhnliches für Asteroidenbedeckungen. Ausgerechnet für hellere Sterne wie Delta Ophiuchi seien die Katalogdaten unsicherer als für Sterne ab etwa 10 mag, für die genaue astrometrische Daten des UCAC-Katalogs zur Verfügung stehen. Für Delta Ophiuchi existieren hingegen nur die weniger präzisen Angaben des Hipparcos- und des FK6-Katalogs, die sich zudem bezüglich der Eigenbewegung des Sterns widersprechen. Ohne weitere Informationen blieb im Vorfeld nicht anderes übrig, als zur Berechnung der Pfadlage die Angaben der beiden Kataloge zu kombinieren. Doch wie sich nun herausstellte, hätten die Daten des FK6-Katalogs besser gepasst.

Mit einem Abschluss der Auswertung aller Beobachtungsdaten ist laut Klös frühestens in drei Wochen zu rechnen. Die Ergebnisse werden dann auf der Website euraster.net von Eric Frappa veröffentlicht. Die aus allen Beobachtungen ermittelte Asteroidenposition wird später an das Minor Planet Center der Internationalen Astronomischen Union geschickt. Dort fließt diese Angabe in die zukünftigen Bahnberechnungen für (472) Roma ein. Die IOTA ermutigt deshalb alle Beobachter, ihre Ergebnisse – egal ob negativ oder positiv – einzusenden, nach Möglichkeit mit Hilfe des englischsprachigen Formulars. Denn jede Beobachtung trägt zur hochgenauen Positionsbestimmung des Asteroiden bei.

Jan Hattenbach

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