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Neurologie: Asthmastress

Das Wort "Keuchen" weckt viele Assoziationen. Man denkt an einen Hundert-Meter-Lauf oder das Treppengebirge hoch in den fünften Stock. Asthmatiker verbinden mit dem Begriff jedoch eher ihre Krankheit - und die Angst, keine Luft mehr zu bekommen. Und verschlimmern anscheinend mit diesen Gedanken auch noch ihr eigenes Leid.
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Liebe geht durch den Magen, Stress verkrampft das Herz, und Angst schnürt einem die Kehle zu. Solche Weisheiten kennt der Volksmund zuhauf – und trifft damit oft den Nagel auf den Kopf. Denn wir können den Körper nicht unabhängig von der Psyche betrachten, die ihm innewohnt – beide interagieren miteinander. Es hat lange gedauert, bis Medizin und Forschung diese Zusammenhänge anerkannten, und noch heute gibt es unter Wissenschaftlern Streit darum, ob etwa bestimmte Formen chronischer Schmerzerkankungen nicht doch einfach nur eingebildet sind.

Bei anderen Leiden jedoch vermuten Forscher schon lange eine Verbindung zwischen Symptom und Emotion, ohne jedoch zu wissen, wie genau beide miteinander verwoben sind. So entdeckte eine Asthma-Studie aus dem Jahr 2002 zum Beispiel einen deutlichen Zusammenhang zwischen Stress und der Schwere der Krankheitssymptome. Die Wissenschaftler hatten bei Studierenden eine allergische Asthmareaktion provoziert – einmal während der Phase der Abschlussprüfungen und einmal in einer relativ stressfreien Zeit. Das Ergebnis: Während ihrer Prüfungsphase zeigten die Probanden heftigere Symptome.

Wie genau jedoch die emotionale Lage der Asthmatiker auf ihren Krankheitsverlauf einwirkte, blieb offen. Experten vermuten jedoch, dass der Schlüssel im Gehirn zu finden ist. Dort könnten womöglich neben physiologischen auch emotionale Indikatoren neuronale Abläufe in Gang setzen, die das Immunsystem stimulieren und die Intensität von Immunreaktionen beeinflussen. Eine Studie der Universität von Wisconsin-Madison konnte dies nun bei einem weiteren Versuch mit Asthmatikern bestätigen.

Das Team um Richard Davidson untersuchte sechs Probanden mit leichtem Asthma darauf, wie die Wahrnehmung von krankheitspezifischen Wörtern wie etwa "Keuchen" den Verlauf eines Asthmaanfalls beeinflusste. In mehreren Versuchsfolgen mussten die Asthmatiker dafür Substanzen inhalieren, die einen Asthmaanfall auslösen: zum einen ihr jeweiliges Allergen, zum anderen Metacholin, ein Medikament, das die Atemwege verengt, aber im Gegensatz zu einem Allergen bei Asthmatikern keine Entzündungen in den Bronchien auslöst. Anschließend folgte ein Reaktionstest. Die Probanden sahen verschiedenenfarbige Wörter aus Wortgruppen, die entweder neutral oder negativ besetzt sind, oder aber in einem Zusammenhang mit Asthma stehen. Während die Testpersonen die Wörter betrachteten und ihre Farben zuordneten, wurden Magnetresonanzbilder von ihrem Gehirn aufgenommen. Zusätzlich maßen die Wissenschaftler regelmäßig die Atemfunktionen und untersuchten das so genannte Sputum, ein Bronchialsekret, das beim Husten abgegeben wird.

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Vorderer cingulärer Kortex | Der vordere zinguläre Kortex war stärker durchblutet, sobald sich die Probanden mit Wörtern beschäftigten, die im Zusammenhang mit ihrer Krankheit standen
Sahen die Probanden Wörter mit asthmaspezifischer Bedeutung, erhöhte sich die Durchblutung und damit laut der Studie auch die Aktivität in zwei bestimmten Regionen ihres Gehirns: im vorderen zingulären Kortex und in der Insula.

Beide Regionen sind an der Vermittlung von Informationen über den aktuellen körperlichen Zustand beteiligt, und erhalten unter anderem Daten über Kurzatmigkeit oder Schmerz. Sie stehen aber auch in enger Verbingung zu neuronalen Strukturen, die emotionale Daten verarbeiten.

Die Asthmaanfälle der Probanden waren zudem stärker, wenn auch die beiden Gehirnbereiche intensiver arbeiteten. Auch die Entzündungsanzeichen in den Bronchien nahmen zu, wenn Wörter gezeigt wurden, die mit der Krankheit in Zusammenhang stehen. Die anderen Wörter hingegen lösten weder verstärkte Gehirnaktivität noch heftigere Symptome aus. Zudem reagierten die Versuchsteilnehmer bei den asthmarelevanten Wortgruppen kaum auf körpereigene Glukokorticoide, die sonst die Abwehrreaktionen des Körpers dämpfen.
Die Forscher vermuten daher, dass die untersuchten Hirnregionen für emotionale Daten, die mit der Krankheit im Zusammenhang stehen, sensibilisiert worden sind. Woher diese Empfindsamkeit stammt, ob sie durch Gefahren-Signale aus der Lunge gespeist wird oder durch Erfahrung mit früheren Asthmaanfällen, ist noch unklar. Auch ob die emotionalen Faktoren selbst Funktionen in der Lunge stimulieren, blieb offen.

Deutlich wird laut Davidson und seinen Kollegen erst einmal nur, dass der Verlauf des Anfalls nicht nur von direkten körperlichen Vorgängen abhängt, sondern auch davon, wie es der Person ansonsten geht. Dies müsse in der Behandlung von Asthma und anderen entzündlichen Erkrankungen daher intensiver berücksichtigt werden, schließen die Experten. Und bestätigen damit die Ansicht, dass neben der Therapie der akuten Symptome immer auch der Umgang mit einer Krankheit gelehrt werden sollte. Damit der Stress, den sie auslöst, nicht selbst zum auslösenden Moment wird.
31.08.2005

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 31.08.2005

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