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AZD1222: Verwirrung um die Wirksamkeit des AstraZeneca-Impfstoffs

Schützt der Impfstoff AZD1222 von AstraZeneca auch Ältere umfassend vor Covid-19? Kurz vor der erwarteten Zulassung gibt es Zweifel. Das steckt hinter dem Chaos.
Nach jetziger Kenntnis wird AstraZeneca wohl weniger AZD1222 an die EU liefern als zunächst vereinbart. Laden...

Über 65-Jährige sollen durch den Impfstoff von AstraZeneca (AZD1222) nur unzureichend geschützt sein. Bei ihnen solle die Wirkung nur bei rund acht Prozent liegen. Diese Behauptung war kürzlich in diversen Medienberichten zu lesen. Zwar werde weiterhin damit gerechnet, dass das Mittel in der Europäischen Union zugelassen wird – es sei jedoch möglich, dass es für besagte Altersgruppe nicht in Frage kommt, hieß es etwa im »Handelsblatt« weiter.

Keine gute Nachricht in Zeiten, in denen Impfstoff in der EU knapp ist. Zahlreiche Menschen verlangen nach mehr wirksamen Mitteln, um die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen und die seit Wochen geltenden Einschränkungen wieder zu lockern.

Ein Sprecher der Firma stellte indes klar: »Berichte, dass die Wirksamkeit des Impfstoffs von AstraZeneca/Oxford bei Erwachsenen über 65 Jahren nur acht Prozent beträgt, sind völlig falsch.« Das Mittel schütze auch Menschen höheren Alters ausreichend. Unter anderem verwies die Firma auf im November in der medizinischen Fachzeitschrift »The Lancet« veröffentlichte Daten, aus denen hervorgehe, dass ältere Erwachsene starke Immunantworten auf den Impfstoff zeigten.

Wie ist dieser Widerspruch zu erklären?

Zwei »Lancet«-Studien verraten Details über AstraZeneca-Impfstoff

Erwachsene, die älter als 70 Jahre sind, haben ein erhöhtes Risiko, schwer an Covid-19 zu erkranken und an den Folgen zu sterben. Einen Impfstoff zu entwickeln, der sie ausreichend schützt, hat daher Priorität. Das betonen auch die Autorinnen und Autoren der »Lancet«-Studie von November 2020 zum AstraZeneca-Kandidaten ChAdOx1 nCoV-19 (AZD1222). Veröffentlicht hat das Team damals die Ergebnisse einer Phase-II-Studie, an der gesunde Erwachsene im Alter ab 18 Jahren aus Großbritannien teilgenommen haben.

»ChAdOx1 nCoV-19 scheint bei älteren Erwachsenen besser verträglich zu sein als bei jüngeren Erwachsenen«
(aus Ramasamy et al., »The Lancet« 2021)

Zwischen dem 30. Mai und 8. August 2020 gab es laut der Studie 560 Teilnehmerinnen und Teilnehmer: 160 im Alter von 18 bis 55 Jahren, 160 im Alter von 56 bis 69 Jahren und 240 im Alter von 70 Jahren und älter. Einige bekamen den Impfstoffkandidaten ChAdOx1 nCoV-19, andere ein Kontrollmittel. Das ist notwendig, um die Wirksamkeit möglichst klar erkennen zu können, bedeutet aber auch: Es gibt noch weniger direkte Daten darüber, wie alte Menschen auf den Impfstoff reagieren. Im Alter von 56 bis 69 Jahren bekamen 120 Menschen ChAdOx1 nCoV-19, ab 70 Jahren und älter waren es in dieser Studie 200. Nicht alle Tests waren brauchbar.

Die damalige Interpretation basierend auf den Daten von 552 berücksichtigten Testpersonen: »ChAdOx1 nCoV-19 scheint bei älteren Erwachsenen besser verträglich zu sein als bei jüngeren Erwachsenen und weist nach einer Boost-Dosis in allen Altersgruppen eine ähnliche Immunogenität auf.« Zwar ließ sich eine tendenziell etwas schwächere Immunantwort in den älteren Personen beobachten, diese war aber durchaus vergleichbar mit der in den jüngeren Probanden. Weitere Tests seien empfehlenswert, schrieb das Autorenteam. Sie haben stattgefunden.

Bereits im Dezember 2020 findet sich in »The Lancet« eine weitere Veröffentlichung zu demselben AstraZeneca-Mittel. In diesem Fall sind es die Ergebnisse einer Phase-III-Studie, die Analyse umfasst Daten aus vier laufenden verblindeten, randomisierten, kontrollierten Studien, die in Großbritannien, Brasilien und Südafrika durchgeführt wurden. Zwischen dem 23. April und dem 4. November 2020 hat das Team 23 848 Teilnehmer rekrutiert, 11 636 Menschen habe man in die vorläufige primäre Wirksamkeitsanalyse eingeschlossen, von denen 5807 zwei Dosen von ChAdOx1 nCoV-19 und 5829 zwei Dosen des Kontrollprodukts erhalten haben, heißt es in dem Paper.

Das Ergebnis, wie es die Autorinnen und Autoren zusammenfassen: »ChAdOx1 nCoV-19 hat ein akzeptables Sicherheitsprofil und hat sich in dieser Zwischenanalyse der laufenden klinischen Studien als wirksam gegen symptomatisches Covid-19 erwiesen.« In Zahlen: Der Impfstoff soll zu 70 Prozent wirksam sein und damit weniger wirksam als die anderen bislang zugelassenen Mittel von Pfizer/BionTech und Moderna. Als Vorteil gilt, dass AZD1222 besser zu transportieren und zu lagern ist, als die bisherigen, weil das Mittel robuster ist.

So weit, so gut. Entscheidend ist also der Blick ins Detail – und da wird es schwierig.

Belastbare Daten für Ältere liegen bislang nicht öffentlich vor

»Die Analyse wird durch Unterschiede im Studiendesign erschwert, wie zum Beispiel die Verwendung unterschiedlicher Placebos, Immunisierungsschemata und die Altersspanne der Probanden«, wie Carlos Guzman, ein Leiter am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung, gegenüber dem Science Media Center (SMC) sagte. Um ein konkretes Beispiel zu nennen: Wie aus der Studie hervorgeht, wurden den Teilnehmerinnen und Teilnehmern der ChAdOx1 nCoV-19-Gruppe zwei Dosen des Mittels verabreicht; eine Teilgruppe in der britischen Studie erhielt eine halbe Dosis als erste und eine Standarddosis als zweite Dosis.

Ein weiteres Problem: In der Dezember-Analyse finden sich nur wenig konkrete Fallzahlen sortiert nach Alter. Die Studie, die konkrete Zahlen für die Analyse geliefert hat, ist recht klein, bei einigen Probanden ist zudem die Dosierung schiefgegangen. »Da die älteren Altersgruppen später rekrutiert wurden als die jüngeren, gab es weniger Zeit, um Fälle zu akkumulieren«, schreiben die Autorinnen und Autoren in ihrem Gesamtfazit. Daher seien die Wirksamkeitsdaten in diesen Kohorten derzeit durch die geringe Anzahl von Fällen begrenzt, »aber zusätzliche Daten werden in zukünftigen Analysen verfügbar sein«. Öffentlich bekannt sind derlei Daten bislang nicht.

»Ich habe keine Vorstellung, wo die acht Prozent herkommen könnten«
(Adam Finn, Professor für Pädiatrie von der University of Bristol)

Was also hat es mit den acht Prozent auf sich? Das Bundesgesundheitsministerium vermutet eine Verwechslung zweier wichtiger Punkte: Die anteiligen Probanden an der Studie und die Wirksamkeit. »Rund acht Prozent der Probanden der AstraZeneca-Wirksamkeitsstudie waren zwischen 56 und 69 Jahren, nur 3 bis 4 Prozent über 70 Jahre.« Daraus lässt sich allerdings nicht ableiten, der Impfstoff sei bei nur acht Prozent der Älteren wirksam.

Unabhängige Experten können sich den konkreten Vorwurf ebenfalls nicht erklären. »Ich habe keine Vorstellung, wo die acht Prozent herkommen könnten«, sagte beispielsweise Adam Finn, Professor für Pädiatrie von der University of Bristol, gegenüber dem SMC.

Nach jetzigem Kenntnisstand waren in den AZD1222-Bewertungen mit wenigen hundert alten Menschen so wenige Alte eingeschlossen, dass sich speziell für die Altersgruppen über 70 Jahre keine statistisch relevanten Aussagen treffen lassen. Das haben mittlerweile auch mehrere Fachleute, die nicht an der Studie beteiligt waren, betont. »Die Datenlage für die Zulassung des Impfstoffs bei über 65-Jährigen halte ich nicht für aussagekräftig«, sagte etwa Peter Kremsner, Direktor des Instituts für Tropenmedizin, Eberhard Karls Universität Tübingen, gegenüber dem SMC.

EMA-Empfehlung zu AZD1222 wird am Freitag erwartet

Es sei jedoch unklug, zu spekulieren und die Empfehlung der Europäischen Arzneimittel-Agentur EMA abzuwarten, sagt Infektionsforscher Guzman: »Möglicherweise wurden den Aufsichtsbehörden zusätzliche Informationen zur Verfügung gestellt, die nicht öffentlich zugänglich sind.«

Fest steht: Die EU-Arzneimittelagentur schließt derzeit nicht aus, das Mittel nur für bestimmte Altersgruppen zu empfehlen. Für ältere Menschen lägen wenige Testdaten vor, sagte die EMA-Chefin Emer Cooke im Gesundheitsausschuss des Europaparlaments. Das Verfahren laufe aber noch.

Die Empfehlung der EMA wird für Freitag, den 29. Januar 2021 erwartet. Nach jetziger Kenntnis könnte das Gremium durchaus einen Antrag auf eine bedingte Zulassung des Impfstoffs AZD1222 in der EU stellen.

Neue Virusvarianten bestärken den Wunsch nach mehr Impfstoffen

Entwickelt worden ist AZD1222 von Forscherinnen und Forschern an der University of Oxford. Der Impfstoffkandidat besteht aus einem Schimpansen-Adenovirus-Vektor, der das Gen für das Spike-Protein – also das strukturelle Oberflächen-Glykoprotein-Antigen – von Sars-CoV-2 enthält.

Die zwei anderen beiden bislang in der EU zugelassenen Impfstoffkandidaten von Pfizer beziehungsweise Biontech und Moderna stützen sich auf neuartige, gentechnologisch veränderte mRNA. Hunderte weiterer Covid-Impfstoffe befinden sich in der Entwicklung mit teils neuen, raffinierten Ansätzen.

Das ist essenziell. Zwar gilt es als sicher, dass Impfstoffe allein die Pandemie nicht beenden können. Im Hinblick auf neue, ansteckendere Virusvarianten ist es jedoch notwendig, zahlreiche wirksame Schutzimpfungen zur Verfügung zu haben. Das bedeutet auch, dass Hersteller sie in ausreichenden Mengen produzieren und verteilen. Was uns wieder zu AstraZeneca bringt: Nach jetziger Kenntnis wird die Firma wohl weniger AZD1222 an die EU liefern als zunächst vereinbart. Statt 80 Millionen Impfdosen sollen nach EU-Angaben bis Ende März nur 31 Millionen Dosen ankommen. Alles in allem ist das kein guter Start für Europas dritten Impfstoffkandidaten.

Alles über die Sicherheit und Wirksamkeit von Impfstoffen sowie aktuelle Debatten zum Thema lesen Sie auf unserer Themenseite »Wie sicher sind die Corona-Impfstoffe?«

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