Direkt zum Inhalt

Vera C. Rubin Observatory: Ein neues Großteleskop verändert unseren Blick auf das Universum

Unbekannte Asteroiden, explodierende Sterne, starke und schwache Gravitationslinsen – das neue Vera C. Rubin Observatory in Chile ist dafür gebaut, den Himmel in nie da gewesener Breite zu erfassen. Im Sommer 2026 hat seine große Himmelsdurchmusterung gestartet, die Legacy Survey of Space and Time (LSST). Das Projekt könnte unser Bild vom Universum grundlegend verändern.
Luftaufnahme des Vera C. Rubin Observatory, das in einer bergigen Wüstenlandschaft liegt. Das Gebäude hat eine moderne, weiße Struktur mit einer großen Kuppel, die ein Teleskop beherbergt. Die umliegenden Hügel und Täler sind in warmes, goldenes Licht getaucht, das die raue Textur der Landschaft betont. Eine kurvenreiche Straße führt zum Observatorium, und einige Fahrzeuge sind in der Nähe geparkt. Der Himmel ist klar, mit sanften Farbübergängen von Orange zu Blau.
In der Abgeschiedenheit der chilenischen Anden befindet sich das Vera C. Rubin Observatory auf dem 2682 Meter hohen Gipfel des Cerro Pachón. Das neue Observatorium beherbergt einen Hauptspiegel mit 8,4 Metern Durchmesser und gehört damit zu den zehn größten optischen Teleskopen der Welt. Den Namen erhielt es zu Ehren einer US-Astronomin, die Pionierin bei der Erforschung der Dunklen Materie war.

In den trockenen Höhen der chilenischen Anden thront ein neues, futuristisch anmutendes Gebäude. Es beherbergt das Vera C. Rubin Observatory und reiht sich in die Riege der großen Observatorien Chiles ein, zu denen zum Beispiel das Very Large Telescope (VLT) und das Extremely Large Telescope (ELT) gehören. Doch »Rubin« bringt etwas völlig Neues: Alle drei Nächte kartiert es den gesamten von seinem Standort aus zugänglichen Himmel und erfasst während seiner zehnjährigen Betriebsdauer jedes Himmelsobjekt rund 800-mal. Das wird nicht nur eine Momentaufnahme, sondern die zeitliche Entwicklung einer ganzen Himmelshälfte über zehn Jahre hinweg zum Vorschein bringen und uns neue Erkenntnisse liefern, von denen wir zum Teil noch gar nichts ahnen.

Benannt ist das Observatorium nach der Astronomin Vera C. Rubin (1928–2016), die unter anderem Bewegungen von Sternen in Galaxien untersuchte (siehe »Berühmte Wegbereiterin«). Ihre Arbeiten legten einen nobelpreiswürdigen Grundstein für das Postulat der Dunklen Materie. Nun soll das Observatorium Rubin gemeinsam mit dem Weltraumteleskop Euclid eine neue Ära der kosmologischen Forschung einleiten.

Berühmte Wegbereiterin |

Die Astronomin Vera C. Rubin (1928–2016) ist Namenspatin für das neue Observatorium. Das Foto zeigt sie im Jahr 1972 an der Carnegie Institution for Science in Washington, D.C. beim Messen von Spektren.

Schon die ersten Testbilder vom 23. Juni 2025 ließen erahnen, zu welchen Leistungen das neue Teleskop in der Lage ist: In nur zehn Beobachtungsstunden wurden mehr als 2000 bislang unbekannte Objekte, vor allem Asteroiden, entdeckt. Dass anlässlich der Präsentation dieser ersten Bilder Hunderte »First-Look-Partys« auf der ganzen Welt organisiert wurden, spricht für die Begeisterung und freudige Erwartung, die sich in der Fachwelt breit macht. Woher diese Begeisterung rührt und was sich Astrophysikerinnen und Astrophysiker von den neuen Daten erhoffen, wird in diesem Beitrag beleuchtet.

Von klein und nah bis groß und fern soll Rubin dazu beitragen, besser zu verstehen, wie sich unser Universum und die zahlreichen Objekte darin entwickelt haben. Wir wollen uns an dieser Reihenfolge orientieren und die unterschiedlichen Beobachtungsziele vorstellen, um uns einen Überblick über die vielfältigen Einsatzbereiche des neuen Instruments zu verschaffen. Anhand dieser Beispiele werden wir auch aufzeigen, an welchen Stellen das Observatorium Neuheiten bietet und wie die Eigenschaften des Teleskops besonders viele neue Erkenntnisse ermöglichen werden.

Fakten zum Vera C. Rubin Observatory

Standort:Cerro Pachón (2673 Meter), Chile
Teleskop:Simonyi Survey Telescope
mit einer Optik aus einem Dreispiegelsystem
Hauptspiegel mit 8,4 Metern Durchmesser
Sekundärspiegel mit 3,4 Metern Durchmesser
Tertiärspiegel mit 5,0 Metern Durchmesser
Brennweite: etwa 10 Meter
Feldgröße pro Aufnahme: 3,5 Grad Durchmesser, entspricht 40 Vollmonden
Kamera:3,2 Gigapixel LSST Camera
Gewicht: 3 Tonnen
Korrektor enthält größte je gefertigte Linse mit 1,65 Metern Durchmesser
189 CCD-Sensoren
Pixelanzahl pro CCD: 4000 × 4000, Pixelauflösung: 0,2 Bogensekunden
CCD-Temperatur: –100 °C
Anzahl der Filter: 6 (nahes Ultraviolett bei 330 Nanometern bis Infrarot bei 1080 Nanometern)
Hauptmission:Legacy Survey of Space and Time
Dauer: 10 Jahre (nominell)
Datenmenge: bis zu 20 Terabyte pro Nacht
beobachtete Himmelsfläche: etwa 18 000 Quadratgrad
Wiederholung der Aufnahme: alle drei bis vier Nächte
Belichtungszeit pro Aufnahme: 30 Sekunden
Gesamtanzahl Beobachtungen pro Objekt: etwa 800

Asteroiden, Planeten und Sterne

Wir wärmen uns thematisch auf mit kleinen bis mittelgroßen Gesteinsbrocken, den Asteroiden. Davon gibt es unzählige in unserem Sonnensystem. Die allermeisten sind unbekannt und werden das auch bleiben, weil sie schlicht zu klein sind. Die Mehrzahl der Asteroiden, die größer als ein Kilometer sind und der Erde so nahe kommen, dass sie ihr potenziell gefährlich werden können, ist bereits bekannt. Viele kleinere, auf Größenskalen von einem bis wenigen Hundert Metern, sind mit bisherigen Teleskopen schwer auszumachen. Rubin wird mit seinem enormen Auflösungsvermögen und vor allem kurz aufeinanderfolgenden Beobachtungen Forschenden dabei helfen, 60 bis 90 Prozent der potenziell gefährlichen Asteroiden zu finden und ihre Bewegungen mitzuverfolgen. Die ersten Bilder von Rubin haben das schon beeindruckend illustriert – allein auf den Testbildern fanden sich etwa 2000 bisher unbekannte Objekte.

Asteroidenfunde |

Die farbigen Streifen sind keine fehlerhaften Pixel auf der Kamera; was man hier sieht, sind Kleinkörper, die sich vor dem Hintergrund bewegen. Dabei wurden Aufnahmen, die mit drei verschiedenen optischen Filtern erstellt wurden, übereinandergelegt. Da die Belichtungen nacheinander stattfinden, sieht man die Bewegung der Objekte im jeweils nächsten Filter fortgesetzt. Auch die Bewegungsrichtung wird damit sofort ersichtlich.

Abgesehen von der Gefahreneinschätzung und möglichen Abwehr kann aus der Verteilung und Bewegung von weiter entfernten Asteroiden auch etwas gelernt werden: Die genaue Beobachtung von Kollisionen im Asteroidengürtel zwischen Mars und Jupiter, aber auch im Kuipergürtel jenseits der Neptunbahn, ist für die Erforschung der Planetenentstehung relevant. Zum einen können Kollisionen und Fragmentierungen dieser kleinen Körper zeitnah und wiederholt beobachtet werden. Das erlaubt Rückschlüsse darauf, unter welchen Bedingungen Gesteinsbrocken zur Planetenbildung beitragen und wann sie stattdessen zermahlen werden. Und zum anderen liefern solche Asteroidenkataloge ein Bild davon, wie die protoplanetare Scheibe unseres Sonnensystems, also die Scheibe, aus der nach der Sternentstehung unsere Planeten entstanden, einst zusammengesetzt war.

Zudem sind eisige Außenbezirke wie der Kuipergürtel weit genug entfernt von starken Strahlungs- und Gravitationsquellen und damit noch in relativ ursprünglicher Form erhalten. Rubin wird dort vor allem die Bahnen von Tausenden Objekten verfolgen und so zeigen, wie sie verteilt sind und miteinander wechselwirken. Das wird uns wertvolle Hinweise auf die Frühzeit unseres Sonnensystems geben. Um mehr über die Temperaturen oder die chemische Zusammensetzung der Kleinkörper zu erfahren, braucht es allerdings zusätzliche Messungen im Infrarot, etwa mit dem James-Webb-Teleskop.

Warum manche Bereiche des Sonnensystems sehr viele kleine Körper (Asteroidengürtel) und andere wenige große (Kuipergürtel) bilden, ist zum Beispiel auch noch ungeklärt. Insgesamt soll Rubin zehn- bis hundertmal so viele Objekte in unserem Sonnensystem aufspüren, wie bisher bekannt sind.

Wissenschaftliche Ziele mit Rubin

  • Kartierung des Sonnensystems, insbesondere von Kleinkörpern und potenziell gefährlichen Asteroiden, Planetenentstehung
  • Kartierung des Milchstraßensystems, Sternentstehung
  • Erforschung von Galaxien und Galaxienhaufen
  • Kosmologie: Entfernungsbestimmung mit veränderlichen Sternen und Supernovae, Ausdehnungsrate des Universums, Verteilung von Dunkler Materie, Eigenschaften der Dunklen Energie

Zusätzlich zur Suche nach Asteroiden hoffen Forschende auf Hinweise zu größeren Himmelskörpern im äußeren Sonnensystem, wie etwa auf die mögliche Existenz von Planet 9. Damit sind wir schon bei der nächsten Größenordnung angelangt: Planeten und die Sterne, um die sie kreisen.

Die Bewegung der relativ kleinen Asteroiden ist nämlich nicht nur für die Entstehung unseres eigenen Sonnensystems interessant: Die meisten Sterne werden in Sternhaufen geboren, die recht schnell auseinanderdriften. Die frühe Bewegung dieser Sterne, die gemeinsam mit der Sonne geboren wurden, könnte in die Bewegung der weit entfernten kleinen Objekte gewissermaßen »eingeprägt« sein – sie genau zu erfassen und nach Mustern zu suchen, kann also wieder Aufschluss über den Entstehungsprozess von ganzen Sternsystemen geben.

Sternentstehungsgebiete im Detail |

Aus 678 Einzelbildern zusammengesetzt und in etwas mehr als sieben Stunden Beobachtungszeit entstanden, gehört dieses Bild zu den ersten veröffentlichten Aufnahmen des Vera C. Rubin Observatory. Zu sehen sind zwei aktive Sternentstehungsgebiete – der Lagunennebel (mittig groß im Bild) und der Trifidnebel (Messier 20). Die jungen Sterne ionisieren das Gas und bringen es so zum Leuchten. Die bläuliche Farbe entsteht durch Reflexion des Sternenlichts an Staubpartikeln. Hervorgehoben sind weitere Himmelsobjekte im Umfeld der Sternentstehungsgebiete wie die beiden offenen Sternhaufen Messier 21 und Bochum 14 sowie der Kugelsternhaufen NGC 6544.

Das Forschungsgebiet der Sternentstehung wird auch oder vor allem mithilfe von Aufnahmen außerhalb unseres eigenen Sonnensystems Fortschritte machen. Die Nahaufnahmen von Sternentstehungsgebieten, wie sie in einer der ersten veröffentlichten Rubin-Aufnahmen von Trifid- und Lagunennebel (siehe »Sternentstehungsgebiete im Detail«) zu sehen sind, geben einen eindrucksvollen ersten Vorgeschmack darauf.

Von unserer eigenen Galaxis, dem Milchstraßensystem, soll mit den Aufnahmen von Rubin die bisher detaillierteste Karte von Sternen und anderen Objekten erstellt werden. Dank der schnellen Wiederholung der Aufnahmen wird Rubin auch ihre Bewegungen erfassen – nicht so präzise wie das Weltraumteleskop Gaia, aber aufgrund des größeren Spiegels und der langen Belichtungszeit in viel größerer Tiefe. Gemeinsam ergänzen sich die beiden Missionen ideal: Gaia liefert die exakten Positionen und Bewegungen der helleren Sterne, Rubin öffnet den Blick bis zu den lichtschwächeren Objekten an den Rändern unserer eigenen Galaxis und darüber hinaus.

Das Teleskop

Das Rubin Observatory beherbergt ein Teleskop der Superlative, das Simonyi Survey Telescope. Namensgeber sind die Software-Unternehmer Charles und Lisa Simonyi, die das Projekt mit Millionenbeträgen förderten. Es besticht nicht nur durch seine Größe, sondern vor allem durch seinen besonderen Aufbau. Das Instrument ist darauf ausgelegt, den gesamten Himmel regelmäßig und systematisch zu durchmustern, anders als andere Teleskope, die einzelne Objekte anvisieren.

Bewegliche Objekte, plötzliche Helligkeitsänderungen oder neue Quellen, die aus dem Nichts hervorzutreten scheinen, lassen sich in nie da gewesener Vollständigkeit erfassen. Möglich wird dies durch eine stabile, aber zugleich leichte Montierung. Das Teleskop sitzt auf einem hauchdünnen Ölfilm, damit es außergewöhnlich schnell von einem Zielgebiet zum nächsten schwenken kann.

Der Aufbau folgt einem besonderen optischen Design. Statt zwei Spiegeln wie bei den meisten Großteleskopen besitzt das Simonyi Survey Telescope drei: einen 8,4 Meter großen Hauptspiegel (mirror 1, kurz M1), der zugleich auch den tertiären Spiegel (M3) mit 5,0 Metern Durchmesser in sich trägt, sowie einen gegenüberliegenden 3,4 Meter großen Sekundärspiegel (M2), der die größte jemals gebaute Kamera umgibt (siehe »Ungewöhnliche Optik«).

Um zu verhindern, dass sich die Spiegel unter ihrem eigenen Gewicht verformen, ist der Hauptspiegel auf einem Stützskelett montiert, das in Echtzeit seine Form mithilfe sogenannter Aktuatoren, einer Art Stellstifte, leicht anpasst.

Auch das Gebäude selbst trägt zur Beobachtungsqualität bei: Seine windschnittige Form minimiert Luftverwirbelungen in der Umgebung der Kuppel, die das tatsächliche Auflösungsvermögen beeinträchtigen können.

Nächtlicher Betrieb |

Mit dem Rubin-Observatorium in Chile beobachtet man den Himmel jede Nacht systematisch und wiederholt. Das ist die Grundlage für die Suche nach veränderlichen Objekten und die Kartierung des Universums.

Ungewöhnliche Optik |

Drei Spiegel bilden ein optisches Design, bei dem Primärspiel (M1) und Tertiärspiegel (M3) in einer Fläche ineinander angeordnet sind. Der Sekundärspiegel (M2) ist über den beiden montiert. Diese Optik ermöglicht ein weites Gesichtsfeld, sodass Rubin große Flächen des Himmels gleichzeitig erfassen kann.

Extragalaktische Objekte

Weiter geht es also mit Lichtquellen, die sich außerhalb unserer Milchstraße befinden und für die das Rubin Observatory bereits in den 1990er-Jahren als »Dark Matter Telescope« geplant wurde.

Ein Beispiel für solche Objekte sind Sterne, deren Helligkeit sich verändert. Manche tun das kontinuierlich und immer wieder, wie die Cepheiden. Aus der Frequenz ihres Pulsierens lässt sich ihre wahre Leuchtkraft (absolute Helligkeit) bestimmen. Vergleichen wir sie mit der beobachteten (scheinbaren) Helligkeit, können wir daraus die Entfernung berechnen. Cepheiden lassen sich damit als eine Art kosmisches Maßband verwenden; sie gelten als sogenannte Standardkerzen.

Andere Helligkeitsänderungen können einmalig, dafür aber dramatisch sein: Bestimmte Sterne explodieren an ihrem Lebensende und strahlen dabei so hell, dass man sie in fernen Galaxien beobachten kann. Diese Supernovae genannten Explosionen können die Formen von Galaxien verändern und Sternentstehung begünstigen oder behindern. Vor allem eine Unterklasse, die Typ-Ia-Supernovae, ist für die Astronomie von unschätzbarem Wert, denn der überwiegende Teil der Typ-Ia-Supernovae gehört zu einer relativ einheitlichen Klasse, deren absolute Helligkeit sich standardisieren lässt. Diese Supernovae eignen sich damit wie die Cepheiden als Standardkerzen. Allerdings lassen sich aufgrund ihrer großen Leuchtkraft noch viel größere Entfernungen bestimmen. Aktuell liegt die Anzahl der bekannten und aufgezeichneten Supernova-Explosionen bei wenigen Zehntausenden. Forschende erwarten, dass Rubin mehrere Millionen davon finden wird.

Besonders gespannt darf man auch auf die selteneren Funde sein: Neutronensterne sind Überbleibsel von Supernova-Explosionen und gehören zu den kleinsten stellaren Objekten. Sie messen nur wenige Kilometer im Durchmesser, weisen aber extrem hohe Dichten auf, die nur von Schwarzen Löchern übertroffen werden. Kollisionen von solchen Objekten sind relativ selten. Im Jahr 2017 war es mit Laserinterferometern gelungen, das Gravitationswellensignal einer solchen Neutronensternverschmelzung im Ereignis GW170817 zu messen. Bisher nur dieses einzige Mal wurde bei einer solchen Kilonova auch ein Lichtsignal über viele Wellenlängen hinweg beobachtet. Die Kombination aus Gravitationswellen- und Lichtsignal hat sowohl für das Verständnis von Neutronensternen als auch für die Kosmologie wichtige Folgen, worauf wir später zurückkommen.

Veränderungen auf der Spur |

Ein neu mit Rubin aufgenommenes Bild eines Himmelsobjekts (mittlere Spalte) wird mit Mittelwerten aus früheren Aufnahmen (linke Spalte) verglichen. Die Differenz (rechte Spalte) verrät dann, wie sich das Objekt verändert hat. Solche zeitlich veränderlichen Phänomene können Sternexplosionen, pulsierende Sterne, aktive Galaxienkerne oder Kleinkörper unseres Sonnensystems sein (von oben nach unten).

Es sind zeitliche Veränderungen von Helligkeiten wie diese, für welche die unschlagbare zeitliche Auflösung und das ausgeklügelte Alarmsystem von Rubin interessant sind: Alle drei Tage werden dieselben Objekte erneut beobachtet, was es ermöglicht, die zeitliche Entwicklung von sehr vielen Objekten gleichzeitig zu verfolgen und einen »kosmischen Film« zu produzieren. Wenn sich gegenüber früheren Aufnahmen etwas über das gewöhnliche Rauschen hinaus verändert (siehe »Veränderungen auf der Spur«), wie zum Beispiel der Beginn einer Neutronensternverschmelzung oder das Auftauchen eines Asteroiden, wird fast in Echtzeit ein Alarm ausgelöst, sodass sich die Veränderungen überprüfen und kategorisieren lassen. Damit können andere, stärker spezialisierte Teleskope, wie die Zwicky Transient Facility, noch genauere zeitaufgelöste Beobachtungen aufnehmen. Vielleicht wird das neue Teleskop so zur buchstäblichen Goldmine, denn gerade im Beginn der Helligkeitskurve einer Neutronensternverschmelzung stecken wichtige Hinweise auf die Entstehung von Elementen schwerer als Eisen, wie etwa Gold. Im Frühjahr 2026 wurde erstmals demonstriert, dass diese Alarme (englisch: alerts) zuverlässig ausgelöst werden – ein entscheidender Schritt, um zeitliche Entwicklungen zukünftig lückenlos zu verfolgen. Seither ist das Alert-System in Betrieb und hat schon einige neue Supernovae zum Vorschein gebracht.

Rubin und die Galaxien

Alle bisher besprochenen extragalaktischen Objekte befinden sich in anderen Galaxien. Diese entstehen und wachsen in unsichtbaren Halos aus Dunkler Materie mit Ansammlungen von Sternen und Staub, die im Lauf der Zeit miteinander verschmelzen. Bis daraus Galaxien, wie wir sie heute beobachten, entstehen, gehen Hunderte dieser Verschmelzungen vonstatten – Prozesse, die sich über Milliarden von Jahren erstrecken. Liegt die letzte Verschmelzung noch nicht allzu lange zurück, können Spuren davon sichtbar sein, die Rubin aufspüren kann: Wenn eine kleinere Galaxie von einer größeren regelrecht verschlungen wird, weil etwa ihre Geschwindigkeit nicht groß genug ist, um weiter um ihren massereicheren Partner zu kreisen, wird sie in ihre Einzelteile zerlegt: Sterne werden wie an langen Ketten herausgezogen, die sich in manchen Fällen um die ganze Hauptgalaxie legen können. Die ursprüngliche kleinere Galaxie existiert dann nicht mehr, aber die Ketten aus ihren Sternen bleiben noch länger identifizierbar. Aus wie vielen und aus welchen Sternen sie bestehen, wie breit diese Ketten sind und auf welchen Bahnen sie sich bewegen – all das kann Aufschluss darüber geben, wie groß die Nachbargalaxie war und wie genau der Prozess der Verschmelzung aussah. Rubin wird zahlreiche Moment- und Detailaufnahmen von näher gelegenen Spiralgalaxien und elliptischen Galaxien sowie von ihren Kollisionen liefern (siehe »Ein Blick in den Kosmos«). Genaue Untersuchungen dieser Aufnahmen werden uns Hinweise darauf geben, wie Galaxien entstehen, wie sie wachsen, wie massereich sie in welcher Zeit werden können, und das gibt uns schließlich eine direkte Verbindung zur Kosmologie. Dabei wird untersucht, wie sich das Universum vom Urknall bis heute zu dem entwickeln konnte, was es ist.

Ein Blick in den Kosmos |

Auf diesem Ausschnitt der ersten Aufnahme in die kosmischen Weiten gibt es schon einiges zu entdecken. Oben rechts sieht man drei Galaxien, die im Prozess sind, miteinander zu verschmelzen, unten rechts zwei detailreiche Spiralgalaxien, und unten links lässt sich ein Galaxienhaufen, eine Ansammlung von Galaxien, vermuten. Fast jeder kleine Lichtfleck im gesamten Bild ist eine Galaxie. Diese Vielzahl von Galaxien in unterschiedlichen Entfernungen bildet die Grundlage für die Vermessung der Struktur des Universums, während die detaillierten Aufnahmen von näheren Galaxien unser Verständnis von Galaxien selbst voranbringen werden. Wir sehen dabei etwa ein Vierzigstel des Gesichtsfelds von Rubin. Dies entspricht in etwa der Winkelfläche eines Vollmonds.

Galaxienhaufen und Kosmologie

Noch größere Strukturen sind als Galaxienhaufen zu beobachten; das sind Ansammlungen von Galaxien. Sie sitzen in einem Netz aus Dunkler Materie, das sich über das gesamte Universum erstreckt. Für die Beobachtung dieser beiden Größenordnungen wird der Gravitationslinseneffekt ausgenutzt, ein Phänomen, das aus Albert Einsteins allgemeiner Relativitätstheorie folgt. Gravitation wird darin als eine Krümmung der Raumzeit beschrieben, die durch Masse hervorgerufen wird. Sterne und Planeten bewegen sich dabei nicht trotz, sondern gerade wegen dieser Krümmung auf ihren Bahnen. Sie folgen der Geometrie der Raumzeit. Genau dasselbe gilt für Lichtstrahlen. Wenn ein beliebiger Lichtstrahl an einer durch Masse verursachten Krümmung vorbeikommt, wird er auf eine Bahn gezwungen, die von unserer alltäglichen Vorstellung von »geradeaus« abweicht. Masseansammlungen wirken dadurch wie riesige Linsen – daher der Name des Effekts. Da die Masse die Lichtbahn bestimmt, ist es also naheliegend, mit diesem Effekt auch Massen und ihre Verteilung messen zu wollen. Für Galaxienhaufen nutzt man dazu die starke Ausprägung des Gravitationslinseneffekts: In der Nähe dieser besonders massereichen Strukturen sorgt der starke Gravitationslinseneffekt (englisch: strong lensing) dafür, dass sehr helle Hintergrundobjekte, wie zum Beispiel Quasare, mehrfach und verzerrt um die Linse herum zu sehen sind (siehe »Kosmisches Fragezeichen«). Die Konstellation dieser Bilder lässt uns rekonstruieren, wie die Masse in Galaxienhaufen verteilt ist und damit, wie sie sich nicht nur aus sichtbarer, sondern vor allem aus Dunkler Materie zusammensetzt. Ganz nebenbei sorgt dieser Effekt auch für wirklich atemberaubende Bilder. Rubin wird die bekannte Sammlung an starken Gravitationslinsen voraussichtlich um einen Faktor 100 vergrößern.

Kosmisches Fragezeichen |

Starke Gravitationslinsen sind relativ selten, weil dabei Quelle und Linse von der Erde aus betrachtet ziemlich genau auf einer Linie stehen müssen. Weil außerdem für die relativ lichtschwachen Hintergrundobjekte eine längere Beobachtungsdauer nötig ist, wurden in Rubins ersten veröffentlichten Bildern noch keine starken Gravitationslinsenereignisse gefunden. Neue Daten des Webb-Teleskops zeigen allerdings, was möglich ist, und liefern beeindruckende Bilder, wie zum Beispiel das hier gezeigte Fragezeichen, das der Galaxienhaufen MACS-J0417.5-1154 in den Himmel malt. Während Webb mit seinem begrenzten Beobachtungsfeld und extrem hoher Auflösung gut geeignet ist, bereits bekannte Objekte genauer zu untersuchen, wird Rubin mit seinem großen Gesichtsfeld und seinen besonders tiefen Beobachtungen viel mehr dieser Schätze finden.

Etwas weniger beeindruckende Bilder, aber letztendlich eine – wenn nicht die – Hauptmotivation für den Bau des neuen Teleskops und vor allem der Kamera liefert die schwache Ausprägung des Gravitationslinseneffekts (englisch: weak lensing). Anders als beim starken Gravitationslinseneffekt stehen hier nicht einzelne auffällige Linsen, sondern statistische Effekte über sehr viele Galaxien im Vordergrund. 20 Milliarden Galaxien sollen im Lauf der zehnjährigen LSST von Rubin beobachtet und in Größe, Form und Farbe vermessen werden. Zum Vergleich: In aktuellen Projekten werden zehn bis einige Hundert Millionen Galaxien für diese statistische Methode verwendet. Hier sind abermals das gigantische Gesichtsfeld des Teleskops und der Blick in sehr große Tiefen des Weltalls entscheidend. Genau diese Art von Beobachtung – die Vermessung von so vielen Galaxien wie möglich – ist der Hauptgrund für das gewählte optische Design. Mit den gesammelten Informationen kann man zum einen eine detaillierte dreidimensionale Karte des Universums erstellen, da Galaxien der Verteilung der Dunklen Materie folgen. Hierbei lässt die Farbe jeder Galaxie Rückschlüsse auf ihre Entfernung von uns zu, wofür die Aufnahmen in mehreren Filtern genutzt werden. Und zum anderen kann man die Verteilung der gewöhnlichen und Dunklen Materie über den schwachen Gravitationslinseneffekt statistisch bestimmen. Am besten funktioniert diese Messung, wenn man beide Methoden kombiniert: die statistische Verteilung der sichtbaren Galaxien und den schwachen Gravitationslinseneffekt, der auf die gesamte Materie – sichtbare wie Dunkle – reagiert.

Diese kosmische Scherung (englisch: cosmic shear) ist ein sehr subtiler, aber gerade deshalb umso faszinierenderer Effekt. Vereinfacht gesagt zeigt die kosmische Scherung, wie die große unsichtbare Netzstruktur aus Dunkler Materie das Licht vieler Galaxien auf dem Weg zu uns ständig leicht ablenkt. Das sorgt dafür, dass alle Galaxienformen und deren Orientierungen aufgrund des Gravitationslinseneffekts leicht verzerrt erscheinen, auch wenn sie, anders als beim starken Gravitationslinseneffekt, immer noch unauffällig elliptische Formen haben.

Bei einer einzelnen Galaxie ist eine solch leichte Verzerrung daher nicht auszumachen. Erst wenn man Millionen von Galaxienformen miteinander vergleicht, tritt ein Muster hervor: Galaxien, die am Himmel nahe beieinanderstehen, liegen von uns aus gesehen hinter derselben Materieverteilung. Ihr Licht wird auf dem Weg zu uns entlang dieser Materieverteilung abgelenkt, und deshalb erscheinen sie uns entsprechend an der Massenstruktur ausgerichtet. Man spricht dann von einer Korrelation der Formen: Die beobachtete Form von Galaxie 1 ist nicht mehr unabhängig von der beobachteten Form von Galaxie 2, weil deren Lichtstrahlen auf dem Weg zu uns an derselben Massenstruktur vorbeiliefen. Indem man immer zwei oder mehr Galaxienformen in einem bestimmten Abstand zueinander vergleicht und diese Zahlen über eine sehr große Anzahl von Paaren mittelt, kann man daher etwas über die Massenstruktur im gesamten Universum lernen – und zwar nicht nur von der gewöhnlichen, sichtbaren Materie, sondern vor allem von der dominierenden Dunklen Materie.

Ein weiteres Ziel auf kosmologischen Größenskalen ist die Messung der Ausdehnungsrate des Universums. Man kann dazu zum Beispiel Supernovae, wie wir sie schon eingangs diskutiert haben und deren Stichprobe durch Rubin deutlich vergrößert wird, als Entfernungsmarker verwenden. Der Zusammenhang zwischen Entfernung und der beobachteten Rotverschiebung, die durch die Ausdehnung des Universums zustande kommt, wird von der Hubble-Funktion beschrieben. Sie hängt von mehreren Faktoren ab und berücksichtigt die gesamte Ausdehnungsgeschichte des Universums. Einer dieser Faktoren ist die Hubble-Konstante, also die Ausdehnungsrate des Universums zum heutigen Zeitpunkt.

Rubin wird zudem auch bei anderen unabhängigen Methoden zur Bestimmung der Hubble-Konstanten eine wichtige Rolle spielen. Dazu gehören Zeitverzögerungsmessungen bei Mehrfachbildern, die aufgrund des starken Gravitationslinseneffekts entstehen, sowie die Kombination von Gravitationswellenereignissen mit einem Lichtsignal, wie sie bei Neutronensternverschmelzungen möglich ist. Beide Ansätze erfordern die zuverlässige Erfassung veränderlicher Helligkeiten, wofür Rubin prädestiniert ist.

Man erhofft sich damit insgesamt, neues Licht auf das Hubble-Problem (englisch: Hubble tension) zu werfen, eine der am meisten diskutierten offenen Fragen der modernen Kosmologie.

Die LSST-Kamera

Was die Spiegel des Simonyi Survey Telescope einfangen, wird mit der größten jemals gebauten Kamera aufgezeichnet (siehe »Beeindruckende Dimensionen«), die rund drei Tonnen wiegt. Die Sensorfläche der LSST-Kamera setzt sich aus 189 CCDs zusammen, die jeweils eine Auflösung von 4000 × 4000 Pixeln aufweisen. Insgesamt kann damit in einer einzigen Aufnahme etwa 40-mal die Fläche des Vollmonds abgebildet werden – mit 3,2 Gigapixeln.

Zur Unterdrückung des durch Wärme verursachten Rauschverhaltens von CCD-Kameras wird die Sensorfläche mithilfe eines Kryostaten auf –100 Grad Celsius gehalten.

Beeindruckende Dimensionen |

Die LSST-Kamera wiegt rund drei Tonnen, und ihre Sensorfläche besteht aus 189 CCDs. Tatsächlich ist sie die größte Digitalkamera der Welt.

Ebenfalls zum Kamerasystem gehören drei gigantische Linsen, von denen die erste mit 1,65 Metern Durchmesser die größte ist, die jemals für ein astronomisches Instrument gefertigt wurde (siehe »Kamera im Detail«). Vor die Detektoren können innerhalb von weniger als zwei Minuten automatisch verschiedene Filter geschoben werden, die jeweils nur bestimmte Wellenlängenbereiche durchlassen. Von den insgesamt sechs Filtern decken drei den optischen Bereich ab, zwei das Infrarot und einer das Ultraviolett. Damit können unterschiedliche Eigenschaften von Beobachtungszielen sichtbar gemacht werden, etwa die Rotverschiebung entfernter Galaxien. Mit den Filtern erkennbare Kanten in den Spektren der Galaxien rutschen umso mehr in den langwelligen roten Bereich, je weiter die Galaxien von uns entfernt sind. Das Ziel, auch die Rotverschiebungen sehr weit entfernter Galaxien möglichst zuverlässig messen zu können, erklärt, warum es mehr Filter im langwelligen Infrarotbereich gibt.

Nur Sekunden nach Belichtungsende werden die Aufnahmen per Hochleistungskabel an die chilenische Küste und weiter in die USA übertragen. Dort werden pro Nacht rund 20 Terabyte Bilddaten verarbeitet. Algorithmen identifizieren Veränderungen gegenüber früheren Bildern und lösen automatisch bis zu 10 000 Fundmeldungen pro Aufnahme aus. Bei relevanten Hinweisen können Astronominnen und Astronomen weltweit so innerhalb von nur einer Minute informiert werden, die dann zum Beispiel andere Teleskope gezielt auf neue, spannende Phänomene ansetzen.

Kamera im Detail |

Die LSST-Kamera besteht aus unterschiedlichen optischen Elementen.

Der Reiz des Unbekannten

Neben all diesen wirklich fantastischen Aussichten auf neue Erkenntnisse ist das vielleicht Schönste und wirklich Spannende an diesem Teleskop: Wir wissen noch gar nicht, was wir alles entdecken werden. Neben geplanten Beobachtungen bietet das Rubin-Observatorium vor allem das Potenzial für das völlig Unerwartete. Bei der Pressekonferenz zur Vorstellung der ersten Bilder sorgte genau das für Heiterkeit – als Reporter fragten, welche unbekannten Entdeckungen sich die Forschenden erhofften.

Die ersten dieser heute noch unbekannten Entdeckungen werden womöglich nicht mehr lange auf sich warten lassen, denn ein kleiner Teil der gesamten Himmelsdurchmusterung wird der wissenschaftlichen Gemeinschaft bereits jetzt nach und nach zur Verfügung gestellt.

Wer selbst einen Blick in den Himmel werfen will, kann das tun: Die ersten Daten des Rubin-Observatoriums sind öffentlich zugänglich. Unter skyviewer.app lässt sich die Reise durch das All vom eigenen Bildschirm aus erleben.

WEITERLESEN MIT »SPEKTRUM +«

Im Abo erhalten Sie exklusiven Zugang zu allen Premiumartikeln von »spektrum.de« sowie »Spektrum - Die Woche« als PDF- und App-Ausgabe. Testen Sie 30 Tage uneingeschränkten Zugang zu »Spektrum+« gratis:

Jetzt testen

(Sie müssen Javascript erlauben, um nach der Anmeldung auf diesen Artikel zugreifen zu können)

  • Quellen

Website des Vera C. Rubin Observatory: https://rubinobservatory.org

Schreiben Sie uns!

Wenn Sie inhaltliche Anmerkungen zu diesem Artikel haben, können Sie die Redaktion per E-Mail informieren. Wir lesen Ihre Zuschrift, bitten jedoch um Verständnis, dass wir nicht jede beantworten können.

Partnerinhalte

Bitte erlauben Sie Javascript, um die volle Funktionalität von Spektrum.de zu erhalten.