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News: Auch allein Erziehende bieten Kindern normales Zuhause

Allein erziehende Elternteile müssen oft mit dem Vorurteil kämpfen, sie könnten ihren Kindern keine 'richtiges' Zuhause bieten. Dem hat Bundesfamilienministerin Christine Bergmann am 23. Juni 2000 bei einer Fachtagung zum Thema 'Allein Erziehende' in Berlin widersprochen: Auch wenn in diesem Familien häufiger zum Beispiel Geldprobleme auftreten, so wachsen die Kinder doch normal auf und hätten auch keine besonderen Verhaltensstörungen. Daher dürfe man die Einelternfamilie nicht als minderwertig einstufen, zumal sie inzwischen in allen sozialen Schichten auftrete.
Mehr als 1, 8 Millionen allein Erziehende mit über 2, 6 Millionen Kindern unter 18 Jahren leben derzeit in Deutschland – das sind etwa 15 Prozent aller Familien. In diese Statistik fließen allerdings auch unverheiratete Paare mit ein, welche die Erziehung tatsächlich gemeinsam übernehmen. In 85 Prozent der erfassten Fälle sind Mütter die allein Erziehenden. Das allein Erziehen hat sich somit in den letzten zwei Jahrzehnten von einer sozialen Randerscheinung zu einer weit verbreiteten Lebensform entwickelt.

In einer vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend am 23. Juni 2000 in Berlin veranstalteten Fachtagung "Alleinerziehen in Deutschland – Ressourcen und Risiken einer Lebensform" diskutierten mehr als 170 Expertinnen und Experten aus Politik, Wissenschaft, Jugendforschung und Justiz über der Situation von allein Erziehenden. Dabei wurden familienrechtliche, wirtschaftliche und sozialpsychologische Aspekte beleuchtet und bislang vorherrschende Klischees über Alleinerziehende thematisiert. So machte Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Christine Bergmann, auf einer Pressekonferenz deutlich, dass besonders in den Großstädten sich das Alleinerziehen zu einer neuen Familien-Normalität entwickelt hat. Dabei heißt allein Erziehen immer seltener, allein und ohne Partner zu sein, sondern vielfach leben die Partner in nichtehelicher Lebensgemeinschaft zusammen. Es bedeutet zunehmend eine nichteheliche Eltern-Kind-Konstellation und damit eine grundsätzliche Veränderung. Aber nach wie vor führen auch unfreiwillige Notlagen zum Alleinerziehen, zum Beispiel als Folge von Trennung und Scheidung.

Das Klischee von vernachlässigten und in der Entwicklung beeinträchtigten beziehungsweise verhaltensgestörten Kindern von Alleinerziehenden stimmt nicht, betont die Ministerin. Dieses Klischee sei aber besonders gefährlich, weil es – insbesondere auch im Schulalltag – nicht selten zu Diskriminierungen und ungerechten Beurteilungen führt. Sicherlich ist es richtig, dass dort, wo dauerhaft eine Vaterfigur fehlt, viele spezifische Belastungssituationen für Mutter und Kind entstehen. Aber andererseits berichtet die Mehrzahl von befragten allein Erziehenden Positives über die Auswirkung dieser Familienkonstellation auf das Kind.

Wie der Soziologe Hans-Jürgen Andreß von der Universität Bielefeld berichtete, müssen allein Erziehende häufig mit finaziellen Problemen kämpfen. So haben Einelternhaushalte seinen Forschungsergebnissen zufolge ein Durchschnittseinkommen von nur 2500 Mark monatlich. Damit gerät ein Drittel der allein Erziehenden nach seinen Worten an die Armutsgrenze, ein weiteres Drittel ist sogar auf Sozialhilfe angewiesen. Sie machen ein Fünftel aller Bezieher aus und stecken auch deutlich länger in der "Sozialhilfefalle" als Elternpaare, wie der Soziologe erklärte.

Der beste Weg, Armut zu vermeiden, ist auch für Alleinerziehende die Erwerbsarbeit, so die Ministerin. Aber hier stehen allein Erziehende häufig vor dem Problem der Kinderbetreuung. Insbesondere in den alten Bundesländern sind die Betreuungsangebote für Kinder unter drei Jahren und für Kinder im Schulalter nicht ausreichend, und auch Ganztagsschulen werden kaum angeboten. Während es in den neuen Ländern für mehr als 40 Prozent der Kinder unter drei Jahren Betreuungsangebote gebe, seien es im Westen nur etwa zwei Prozent.

Trotz der häufig schlechteren wirtschaftlichen Lage entwickeln Kinder mit nur einem Elternteil nach neueren Studien nicht häufiger Auffälligkeiten als andere Jungen und Mädchen. Ausschlaggebend sei nicht die Tatsache, dass Vater oder Mutter allein erzögen, sagte der Rostocker Kinderpsychiater Jörg Fegert. Das Risiko von Verhaltensstörungen steige nur dann, wenn andere Probleme hinzu kämen, so etwa Sucht oder Depressionen des Erziehenden oder Gewalterfahrung der Kinder vor der Trennung.

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