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Evolution: Auch der moderne Mensch unterliegt natürlicher Selektion

Kommt die biologische Evolution des Menschen zum Stehen, weil er sich der natürlichen Umwelt immer mehr entzieht? Neue Studiendaten sprechen dagegen.
Eine große Menschenmenge bewegt sich durch eine helle, geräumige Halle. Die Personen sind unscharf dargestellt, was auf Bewegung hinweist. Einige tragen formelle Kleidung, während andere lässiger gekleidet sind. Die Umgebung wirkt geschäftig und lebendig, typisch für eine Messe oder Konferenz. Im Hintergrund sind weiße Wände und große Fenster zu sehen, die viel Licht hereinlassen.
Wir leben heute in einer weitgehend künstlichen Umgebung und sind der natürlichen Umwelt viel weniger ausgesetzt als unsere Vorfahren. Unsere biologische Evolution geht trotzdem weiter – in mancher Hinsicht sogar schneller als zuvor.

Die natürliche Selektion hat das Genom des modernen Menschen weitaus stärker geprägt als bisher angenommen. Das zeigt eine groß angelegte Studie an DNA-Überresten von fast 16 000 Menschen, die während der zurückliegenden 18 000 Jahre in Westeurasien gelebt haben. Demnach hat jener entscheidende Mechanismus der Evolution seit dem letzteiszeitlichen Maximum (24 500 bis 18 000 Jahre vor heute) die Verbreitung Hunderter Genvarianten in dieser Region geprägt. Die Selektionsrate scheint sich sogar beschleunigt zu haben, als unsere Vorfahren vom Jagen und Sammeln zur sesshaften Landwirtschaft übergingen.

Ein Forschungsteam um David Reich von der Harvard University erstellte eine Sammlung menschlicher DNA-Sequenzen von Personen, die während der vergangenen Jahrtausende im heutigen Europa sowie in Teilen des Nahen Ostens gelebt hatten. Insgesamt erfasste es dabei Daten von 15 836 Individuen. Die Daten von 6438 heute lebenden Menschen vervollständigten das Bild. Durch computergestützten Vergleich dieser Sequenzen ließen sich Selektionsmuster erkennen. Dabei mussten die Fachleute jedoch weitere Einflüsse berücksichtigen, die über die Häufigkeit von Erbfaktoren bestimmen, etwa Migrationsereignisse, Vermischungen von Populationen und zufällig auftretende genetische Schwankungen.

Die Forscherinnen und Forscher identifizierten 479 Genvarianten, die während des untersuchten Zeitraums einer gerichteten Selektion unterlagen. Viele davon hängen mit äußeren Merkmalen und der Wahrscheinlichkeit für Krankheiten zusammen. Sie betreffen beispielsweise die Haut- und Haarfarbe, die Neigung zu Haarausfall, das Risiko für Autoimmunerkrankungen sowie die Anfälligkeit gegenüber viralen und bakteriellen Infektionen. In einigen Fällen standen Genvarianten unter kollektivem Selektionsdruck, da sie gemeinsam zu sogenannten polygenen Merkmalen beitragen, die von mehr als einer Erbanlage abhängen. Das betraf Varianten, die einen Einfluss auf die allgemeine körperliche Fitness haben, auf den Sozialstatus oder die Intelligenz. Ihre Selektion über die vergangenen Jahrtausende hinweg hat unter anderem die Neigung zu Schizophrenie verringert und die kognitive Leistungsfähigkeit erhöht.

Insgesamt, so zeigen die Daten, hat die natürliche Selektion nach Einführung der Landwirtschaft zu beschleunigten Veränderungen des Erbguts geführt. Wahrscheinlich liegt das daran, dass der Übergang zu sesshaften Bauernkulturen völlig neue Selektionsdrücke hervorbrachte. Er begünstigte etwa die Fähigkeit von Erwachsenen, Milch zu verdauen.

Einige der nachgewiesenen Selektionsmuster erscheinen nachvollziehbar, andere nicht. So haben sich genetische Risikofaktoren für Glutenunverträglichkeit verbreitet, nachdem die Menschen begonnen hatten, Weizen anzubauen. Die Forschungsgruppe betont allerdings: Zusammenhänge zwischen Erbanlagen und phänotypischen Merkmalen, die in der jetzigen Welt wichtig sind, waren nicht unbedingt ausschlaggebend dafür, warum sich eine Genvariante ursprünglich verbreitet hat. Die Genmutation beispielsweise, die das Risiko für die Erbkrankheit Sichelzellanämie erhöht, bietet zugleich einen Selektionsvorteil bei Malaria-Infektionen. Ihre Verbreitung war aus evolutionärer Sicht also nicht nur schädlich, sondern auch nützlich.

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  • Quellen
Reich, D. et al., Nature 10.1038/s41586–026–10358–1, 2026

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