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News: Auch die alten Römer hatten es eilig

Sieben Jahre lang wurden südlich von Graz, in Kalsdorf, die Reste einer römischen Kleinstadt ausgegraben. Bei dieser ersten großflächigen Ausgrabung einer zivilen römischen Ortschaft des ehemaligen Noricum stieß man auf interessante Funde, die Zeugnis einer frühen Dienstleistungsgesellschaft ablegen und so den Alltag einer nicht urbanen Siedlung des Römischen Reiches illustrieren.
Das rund 5 000 Quadratmeter große Areal in Kalsdorf wurde von 1990 bis 1997 vom Grazer Institut für Klassische Archäologie im Rahmen einer Notgrabung erforscht. Thuri Lorenz, Leiter des Instituts, vermutet in der Siedlung, die am Verbindungsweg vom römischen Poedicum (Bruck/Mur) nach Flavia Solva (Wagna) gelegen ist, eine Art Raststation, in der sich eine "Dienstleistungsgesellschaft für den Reisebetrieb" entwickeln konnte. Unter anderem weisen die Funde auf eine Kleider-Schnellreinigung in der römischen Siedlung hin.

Vor knapp 2 000 Jahren haben sich dort allem Anschein nach Gasthäuser, Läden für Reiseproviant, Reperaturwerkstätten für Reisewägen, Hufschmiede und sogar eine sogenannte Fulonica befunden. "In solchen Betrieben wurde nicht nur die Wolle der Bauern weiterverarbeitet sondern auch die Kleiderpflege übernommen", berichtet Ute Lohner, die die Grabungsfunde aufarbeitet. Die Existenz einer solchen römerzeitlichen Reinigung belegen mehrere Bleiplättchen, kleine mit einem Loch versehene Metallmarken. In diese wurde der Name des Besitzers geritzt, der seine Toga zum Reinigen oder Färben abgab, so Lohner.

Projektleiter Lorenz schätzt die Zahl der Kalsdorfer Bevölkerung der ersten beiden nachchristlichen Jahrhunderte auf rund 500 Personen. Die seit Ende der achtziger Jahre auch in Österreich an Bedeutung gewinnende Vicus-Forschung (vicus heißt kleine Siedlung) untersucht die Lebensformen der Menschen in den kleineren Siedlungen, die Handelszentren für das Umland und Raststation der Reisenden auf dem Weg in die Hauptstädte waren. "Die Funde zeigen, daß die Romanisierung hier weiter fortgeschritten als angenommen war", so Lohner. Fibeln, importiertes Tafelgeschirr, mehrere Glasflaschen und Toilettegegenstände legen vom gehobenen Lebensstandard der Siedlung Zeugnis ab. Zu den wertvollsten Fundstücken gehört eine reich verzierte Bronzeschale, die vermutlich als Opfergeschirr zum Darbringen von Wein verwendet wurde.

Das damals typische Kalsdorfer Wohnhaus weist eine Eigenheit auf: Es bestand aus einem quadratischen Raum mit einem mehrere Meter breiten, überdachten dreiseitigen Umgang, der als Wirtschaftsbereich genutzt wurde. "Der Kalsdorfer Hausumriß war eine Erweiterung des ursprünglichen keltischen Einraumhauses, der typischen Wohnform der einfachen Leute", erläutert Lorenz. Beheizt wurden diese Häuser des keltisch-römischen Mittelstandes über die Feuerstelle in der Küche.

Die vollständige Aufarbeitung der Unmengen an Funden, die im Keller des Bundesdenkmalamtes in Graz gestapelt sind, soll bis Sommer nächsten Jahres abgeschlossen sein.

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