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Lernen: Auch Einzelgänger lernen von Artgenossen

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Auch im Tierreich ist es ungemein nützlich, wenn man nicht alle Fehler selber machen muss, sondern den Erfolg von Problemlösungsstrategien zunächst bei Artgenossen beobachtet, um sich dann nur die sinnvollen Tricks abzuschauen. Dieses "soziale Lernen" hatten Wissenschaftler bislang allerdings nur sozialen Tieren zugetraut, die ihr Leben ohnehin in ständigem engen Austausch mit Artgenossen verbringen. Ein Trugschluss, meinen nun Anna Wilkinson und ihre Kollegen von der Universität Wien: Selbst Schildkröten, die ihr ganzes Leben als Einzelgänger gestalten, können von ihresgleichen durch Zuschauen lernen.

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Köhlerschildkröte | Die einzelgängerischen Köhlerschildkröten (Geochelone carbonaria) stammen aus Südamerika und stellen besondere Ansprüche an ihren Lebensraum: heiß und feucht muss er unbedingt sein. Obwohl sie Artgenossen in freier Wildbahn selten eines Blickes würdigen, können sie sich doch erfolgreiche Problemlösungsstrategien von ihnen abschauen, berichten Wissenschaftler.
Die Wissenschaftler testeten dies mit insgesamt acht Köhlerschildkröten (Geochelone carbonaria) aus Südamerika. Diese Tiere treffen sich höchstens zur Paarungzeit einmal mit Artgenossen und sind Einzelgänger, sobald sie aus ihrem Ei schlüpfen. Wilkinsons Team stellte nun ihren gepanzerten Probanden ein für Reptilien kniffliges Problem in der Laborarena: Den einzelnen Schildkröten wurden eine Leibspeise präsentiert, von der sie aber durch einen V-förmigen Zaun abgeschirmt waren – diesen mussten sie erst umgehen, wobei sie sich sogar kurz ganz von der begehrten Leckerei abwenden mussten, um nach einer Kehrtwendung zum Futter zu gelangen. Auf sich allein gestellt gelang dies keinem von vier auf die Probe gestellten Tiere auf Anhieb.

Im nächsten Schritt dressierten die Forscher nun mühsam eine der Schildkröten, den V-Zaun rechts zu umgehen: insgesamt waren rund 30 wiederholte Lerneinheiten mit fünf Versuchen nötig, um dem Reptilienhirn die Aufgabe verlässlich einzuprägen. Das dressierte Tier diente dann in einem weiteren Versuch vier neuen Probanden als Vorbild: sie konnten dem erfolgreich belehrten Tier dabei zusehen, wie es den Zaun auf seiner Salatjagd umkurvte. Dann durften alle Tiere, die den Vorgang tatsächlich aufmerksam verfolgt hatten, selbst ihr Glück versuchen.

Das Resultat war eindeutig: Alle Tiere stellten sich nach der Beobachtung der praktischen Demonstration geschickter an als Schildkröten, die unvorbereitet mit dem Zaun konfrontiert wurden. Meisterhaft schlug sich dabei die Schildkröte "Aldous", die nach genauem Beobachten in allen zwölf eigenen Versuchen den Zaun umgehen konnte; gut gelernt hatte auch "Moses", während "Molly" und "Quinn" immerhin zwei- bis dreimal doch zum Futter gelangten.

Auch nicht soziale Tiere sind zum sozialen Lernen fähig, freuen sich die Forscher. Noch sei allerdings unklar, ob nicht vielleicht jedes Wesen als Lehrer taugt, oder ob tatsächlich ein Artgenosse als Vorbild dienen muss. Ein nächster Versuch soll dies klären, in dem womöglich sogar animierte Objekte zum Einsatz kommen um den Schildkröten auf die Sprünge zu helfen. Vielleicht, so grübeln die Wissenschaftler, ist die nachgewiesene Fähigkeit zum "sozialen Lernen" ja einfach nur eine Folge der Fähigkeit, beim Problemlösen generell lernfähig zu sein. (jo)
13. KW 2010

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 13. KW 2010

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  • Quellen
Wilkinson, A. et al.: Social learning in a nonsocial reptile (Geochelone carbonaria). In: Proceedings of the Royal Society Bioloogy Letters 10.1098/rsbl.2010.0092, 2010.
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