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Sprache: Auch in Frankreich wird übers Gendern gestritten

In Deutschland geht es um »Sternchen«, in Frankreich um »Pünktchen«. Die Wirkung ist die gleiche: Vor dem inneren Auge erscheinen mehr Frauen. Oft entsteht dennoch kein ausgewogenes Bild.
Die Gleichstellung von Mann und Frau, symbolisiert mit Würfeln
Mann und Frau sprachlich gleichzustellen, ist im Deutschen wie im Französischen eine schwierige Aufgabe.

Liebe Leser! Diese Formulierung ist zweideutig: Sie kann spezifisch nur Männer meinen, oder sie steht generisch für Männer und Frauen. Das generische Maskulinum lässt allerdings mehr an Männer als an Frauen denken. Dennoch sind Versuche, Frauen und nonbinäre Personen mittels Gendersternchen in der Sprache sichtbarer zu machen, im Deutschen umstritten. Ähnlich ist es in Frankreich: Dort gibt es Pünktchen – und ebenfalls viele Menschen, die sich an ihnen stören.

Doch während es hier wie dort hitzige Debatten um Sternchen beziehungsweise Pünktchen gibt, bleibt das eigentliche Problem weiter ungelöst, wie nach einer deutschen nun auch eine französische Studie zeigte. Demnach gelingt es bislang weder mit Sternchen noch mit Pünktchen, geschlechterneutral zu formulieren. Denn die inklusive Schreibweise neutralisiert den männlichen Bias, der durch das generische Maskulinum entsteht, lediglich bei einem Teil der Berufsbezeichnungen. Das berichtet eine Gruppe um die Sozialpsychologin Hualin Xiao von der École normale supérieure in Paris im »Journal of Language and Social Psychology«.

Das Team hatte rund 450 Versuchspersonen angeworben. Ein Teil von ihnen sollte einen kurzen Text lesen, in dem es um ein berufliches Treffen unter anderem von Bankangestellten und Musikschaffenden ging, beides weitgehend geschlechtsneutrale Berufe. Verwendet wurden dabei drei verschiedene Formen: das generische Maskulinum (musiciens), die männliche und die weibliche Form (musiciens et musiciennes) oder die Variante mit Pünktchen (musicien.ne.s).

Danach sollten die Versuchspersonen einschätzen, wie viele der beim beschriebenen Treffen Anwesenden jeweils Männer oder Frauen waren. Nach der Lektüre von Texten mit generischem Maskulinum wurden im Schnitt elf Prozent mehr Männer vermutet. Dieser Effekt trat nicht auf, wenn beide Geschlechter genannt oder Pünktchen verwendet wurden. Die geschlechtergerechten Sprachvarianten erfüllten also ihren Zweck.

Komplizierter war es, wenn es um Bezeichnungen für Berufe ging, die mehrheitlich mit Frauen oder mehrheitlich mit Männern verbunden werden, wie Kassiererin und Elektriker. Besonders in den stereotyp männlichen Berufen stieg bei Verwendung des generischen Maskulinums der vermutete Anteil an Männern. Bei Verwendung von Pünktchen oder Nennung beider Geschlechter nahm wie erwartet der Anteil der Frauen zu. »Gendergerechte Sprache erhöht den Anteil an Frauen in mentalen Repräsentationen besonders in männlich dominierten Berufen«, schlussfolgerten die Forschenden.

Allerdings wirkte keine der drei Varianten zufrieden stellend. Stets wichen die Schätzungen in die eine oder andere Richtung ab, wie der Vergleich mit Zahlen ergab, die den Forschenden zufolge die realen Verhältnisse gut abbilden. Bei typisch männlichen Berufen schossen die Schätzungen des Frauenanteils über das Ziel hinaus; es entstand also ein weiblicher Bias. Bei den weiblichen Berufen dagegen war der Korrektureffekt nicht stark genug.

Die entscheidende Frage ist demnach immer noch offen: welche sprachlichen Formen keinen Bias erzeugen. Gibt es solche Formen vielleicht gar nicht? Wenn wir mit einer Art von Bias leben müssen, was wäre der beste Kompromiss?

In Frankreich ist das Gendern ähnlich umstritten wie in Deutschland. Kritiker wie Kritikerinnen wenden ein, es ändere wenig an den Geschlechterstereotypen, und Formen wie die Pünktchen erschwerten das Lesen und Schreiben. Die konservative Académie Française, die sich als Sprachwächterin versteht, sieht damit nicht nur die Rechtschreibung, sondern gar die Existenz der französischen Sprache gefährdet. In den Schulen ist die inklusive Schreibweise verboten. Doch ihr zunehmender Gebrauch hinterlässt seine Spuren auch in den Nachschlagewerken der französischen Sprache: Das französische Duden-Äquivalent »Le Petit Robert« hat bereits das neutrale Personalpronomen »iel« neben »il« (er) und »elle« (sie) aufgenommen.

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