Petrischale Fußballstadium: Auch Viren wollen bei der Fußball-Weltmeisterschaft mitspielen

Am 11. Juni 2026 beginnt in Nordamerika die FIFA Fußball-Weltmeisterschaft. Insgesamt fünf Millionen Menschen werden an den 16 Austragungsstätten in den USA, Mexiko und Kanada erwartet. Sie reisen aus aller Herren Länder an, um ihre Mannschaft in voll besetzten Stadien anzufeuern. Und so manche von ihnen bringen möglicherweise Keime mit, die in den Fanzonen einen idealen Nährboden für ihre Ausbreitung vorfinden.
Angesichts dieser Bedrohung hat sich in den USA ein unabhängiges Überwachungsnetzwerk gebildet: das Health Security Operations Center. Es soll das Vorkommen gefährlicher Viren im kommunalen Abwasser verfolgen – und so frühzeitig potenzielle Ausbrüche erkennen. Neben verbreiteten Erregern wie dem Masernvirus, SARS-CoV-2 und Influenzaviren erfasst es auch weniger wahrscheinliche Bedrohungen wie die Auslöser von Dengue-Fieber und Ebola. Letzteres ist für einen seit Mai 2026 anhaltenden Ausbruch in der Demokratischen Republik Kongo verantwortlich, der bis zum 10. Juni bereits mindestens 129 Todesopfer forderte.
Rebecca Katz, Expertin für globale Gesundheitssicherheit an der Georgetown University, leitet das Health Security Operations Center. Sie hatte es zusammen mit anderen Expertinnen und Experten dieser Universität sowie dem Gesundheitsunternehmen Medstar Health ins Leben gerufen. Durch Kooperation mit Abwasserüberwachungsstellen, Biotech-Unternehmen, Genomiklabors und lokalen Gesundheitsämtern behalten sie die Infektionslage im Blick. Gemeinden und lokalen Gesundheitsbehörden stellen sie tägliche Berichte sowie Benachrichtigungen über etwaige erhebliche Risiken zur Verfügung.
Das Gesundheitsmonitoring muss am Ball bleiben
»Die Weltmeisterschaft ist der Super Bowl auf Steroiden«, sagt Vindell Washington, Chief Physician Executive bei Verily Health. Das Unternehmen arbeitet an dem Monitoring-Netzwerk mit. Die Situation sei besonders heikel, weil Menschen aus aller Welt mit unterschiedlicher Grunderkrankungsprävalenz zu den Spielen kämen. »Wenn sie auf engem Raum zusammenkommen, ist diese Art von Überwachungsstrategie äußerst wichtig, um sie vor Ausbrüchen zu schützen«, erklärt er. Drei Länder richten die mehrwöchige Veranstaltung gemeinsam aus, an der 48 Fußballnationalmannschaften teilnehmen. Das macht die Koordination der Maßnahmen um ein Vielfaches komplizierter als nationale Meisterschaften. Der Austausch von Gesundheitsdaten zwischen Regionen ist ohnehin schon komplex, doch die aktuelle Lage im Bereich der öffentlichen Gesundheit in den USA erschwert die Arbeit zusätzlich, so Katz.
»Die Beziehung zwischen den Vereinigten Staaten und der Weltgesundheitsorganisation ist kompliziert«, betont Katz. Schließlich sind die USA 2026 offiziell aus der internationalen Gesundheitsorganisation ausgetreten. Und auch die heimischen Organisationen befinden sich in einer prekären Lage. »Unsere Kollegen in den lokalen, staatlichen und bundesstaatlichen Gesundheitsbehörden sind überlastet«, erläutert Katz. Ihr Team machte es sich zum Ziel, diese Lücke zu schließen, indem es ein nicht staatliches Organ für die öffentliche Gesundheit während der WM gründete.
Die Abwasserüberwachung ermöglicht es, die lokale Ausbreitung einer Erkrankung zu erfassen. Mit ihrer Hilfe lassen sich DNA-Fragmente von Viren sowie weiteren Pathogenen nachweisen, die über Fäkalien, Urin oder andere Körperflüssigkeiten in kommunale Abwassersysteme gelangen. Manchmal zeigen die Daten bereits Tage oder sogar Wochen, bevor die Fallzahlen in Krankenhäusern und Arztpraxen ansteigen, dass sich ein Erreger in einem Areal ausbreitet. Das verschafft Mitarbeitern im Gesundheitsdienst mehr Zeit, um Infektionen nachzuverfolgen, erkrankte Personen zu isolieren und mit der Verabreichung von Impfstoffen und anderen Gegenmaßnahmen zu beginnen – was letztlich Leben rettet.
Frühwarnsystem im Abwasser
Das Abwasser-Monitoring soll die klinische Nachverfolgung einzelner Patienten nicht ersetzen, sondern ergänzen, betont Marc Johnson, Abwasserdetektiv an der University of Missouri und Mitarbeiter bei SecureBio, einer der am Projekt beteiligten Organisationen. »Es liefert eine Art unvoreingenommene Bestandsaufnahme der gesamten Gemeinschaft«, erklärt er. Während des Höhepunkts der COVID-Pandemie unterstützten solche Messungen vielerorts das Krankheitsmonitoring und die epidemiologische Arbeit. Sie kamen auch bereits bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2022 in Katar und den Olympischen Sommerspielen 2024 in Paris zum Einsatz. In den USA nutzte man sie unter anderem bei politischen Parteitagen.
Die WM-Überwachung konzentriert sich in erster Linie auf die Austragungsstädte. Das Health Security Operations Center wird besonders aufmerksam auf Muster achten, die auf eine Krankheitsausbreitung hinweisen, die mit den Spielen zusammenhängt. Besucherinnen und Besucher verteilen sich nicht gleichmäßig auf die Veranstaltungsorte, erklärt Johnson. Vielmehr werden Fans vor allem in jene Städte reisen, in denen die Mannschaft ihres Landes spielt – und ihren Teams möglicherweise sogar während der gesamten Turnierphase quer durch Nordamerika von Spielort zu Spielort folgen. Infizierte Besucher könnten so an jedem Stopp Keime abladen und zusammenhängende Krankheitscluster nach sich ziehen.
Die Fachleute sind in der Lage, zahlreiche Erreger nachzuweisen. Darunter befinden sich sowohl solche, die häufig in den USA vorkommen, als auch dort seltene Krankheitsauslöser. Das Unternehmen Verily Health richtete Echtzeit-Dashboards für die Austragungsstädte ein, in denen sich fünf der relevantesten und am weitesten verbreiteten Viren verfolgen lassen, darunter SARS-CoV-2, Influenza, Masern, das respiratorische Synzytial-Virus (RSV) und Noroviren. Viele der Überwachungsstandorte stützen sich auf schnelle PCR-Tests, die selbst winzige Mengen viraler DNA nachweisen. Mit ihnen, so Vindell Washington, sei man in der Lage, »innerhalb von etwa drei Tagen eine Probe zu entnehmen, zu testen und die Ergebnisse zu liefern«. Die Daten liefern so eine Momentaufnahme davon, ob ein Erreger verbreitet ist und wie stark die Krankheit in der Bevölkerung auftritt.
Von Abwehrketten zu Infektionsketten
Eine Genomsequenzierung der Proben bietet noch tiefere Einblicke in Infektionsdynamiken. Die Firma SecureBio kann eine solche Analyse innerhalb von fünf Tagen leisten. Aus dem Erbgut der Viren lässt sich etwa auslesen, um welche Variante es sich handelt, zu welcher Abstammungslinie der Erreger gehört und ob mehrere aufgetretene Fälle auf denselben Ursprung zurückgehen. Derartige Daten helfen dabei, Ausbrüche korrekt zuzuordnen und nachzuverfolgen. Das liefert wichtige Erkenntnisse darüber, wie sich die Krankheit ausbreitet. »So könnten wir potenziell sagen: Wir haben Masern nachgewiesen, und es handelt sich um dieselbe Virusvariante, die an einem anderen Ort aufgetaucht ist – oder eben nicht«, sagt Johnson.
Das Center wird auch Mpox sowie bestimmte weitere sexuell übertragbare Krankheiten und durch Insekten weitergegebene Viren wie Dengue und Chikungunya im Auge behalten. Darüber hinaus kann es zusätzliche Erreger aufspüren, die in letzter Zeit Anlass zur Sorge geben. Johnsons Dashboard verfügt beispielsweise über einen Abschnitt für »unerwartete Befunde«, darunter das Ebola-Virus und das Hantavirus, das im April 2026 einen Ausbruch auf einem Kreuzfahrtschiff verursachte. Die Analyse sei breit gefächert, betont er. »Ob man die Krankheit nun erwartet hat oder nicht, sie würde in unseren Auswertungen auftauchen.«
Neben den Abwasserinformationen sammelt das Zentrum Klimadaten und anonymisierte Befunde aus elektronischen Gesundheitsakten. Ein Teil des Teams soll zudem die sozialen Medien auf Gespräche über mögliche Infektionen unter Fans überwachen. Steigt ein bestimmter Erreger in einem Gebiet sprunghaft an, alarmiert das Health Security Operations Center Partner in den lokalen Gesundheitsämtern und die US-amerikanische Gesundheitsbehörde CDC. Eine enge Zusammenarbeit mit der Panamerikanischen Gesundheitsorganisation ist vorgesehen, damit die Fachleute Informationen mit Gesundheitsbehörden in Kanada und Mexiko austauschen können. Diese Infrastruktur hinter den Kulissen soll dafür sorgen, dass die Fans die WM genießen können – und das Fußballfieber in keine üble Infektionskrankheit mündet.
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