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Österreich: Auf dem Grund dieses Alpensees liegt ein 14 000 Jahre alter Schatz

Der Sulzkarsee im österreichischen Nationalpark Gesäuse ist geschichtsträchtig. Tief in seinen Sedimenten steckt, was seit Jahrtausenden an dem Alpenort geschah.
Eine malerische Berglandschaft mit einem ruhigen See im Vordergrund, der die umliegenden Tannenbäume und die felsigen Berge im Hintergrund spiegelt. Der Himmel ist teilweise bewölkt, und das grüne Gras verleiht der Szene eine lebendige Farbe. Ein Wanderer ist am rechten Bildrand zu sehen, was auf Freizeitaktivitäten in der Natur hinweist.
Mitten im österreichischen Nationalpark Gesäuse liegt der Sulzkarsee.

Wo der Hochzinödl steil in den Himmel ragt, der Aar durch die Lüfte kreist, Gämsen meckern und Murmeltiere ihre Warnrufe pfeifen, liegt ein unscheinbarer See, dunkel und trüb. Das war nicht immer so. Das Gewässer am Rand einer blumenbunten Alm war einmal glasklar. Hier sausten Ruderfußkrebse durchs Wasser, lebten Wasserflöhe, siedelten Kieselalgen und es gab Amphibien. Der Sulzkarsee war ein Tummelplatz für Erdkröten, Grasfrösche und Bergmolche. Bis jemand im Jahr 1979 Fische einsetzte.

Robert Schabetsberger ist zu dem Gewässer auf 1450 Metern Höhe marschiert, um Proben zu nehmen. Gemeinsam mit dem Nationalpark Gesäuse hat er die Idee entwickelt, dessen einzigen See wieder fischfrei zu bekommen. Die Österreichische Akademie der Wissenschaften bewilligte ein aufwendiges Projekt. Dafür wurden 2018 die eingeschleppten Elritzen (Phoxinus sp.) im See abgefischt, dann hat man das Gewässer leergepumpt und der Grund mit Löschkalk bedeckt, um selbst den allerkleinsten dieser Kleinfische zu erwischen.

Das Vorhaben misslang.

Doch für die Forschungen am Sulzkarsee bedeutete das nicht das Ende. Ein Teil des Projekts, der ursprünglich nur als Beiboot gedacht war, erwies sich als paläolimnologischer Volltreffer.

Bohrkerne aus der Vergangenheit

»Zwei Meter waren beantragt, aber dann haben wir uns gedacht«, erzählt Robert Schabetsberger, Gewässerökologe an der Universität Salzburg: »Wenn schon der ganze Aufwand, warum nicht gleich bis ganz runter bohren?« 2018 errichtete das Projektteam eine schwimmende Plattform im See und fixierte sie mit langen Seilen über der tiefsten Stelle. Dann setzten die Fachleute den Bohrer an und gingen hinab. Die gewonnenen Sedimentkerne aus dem Grund des Sees ließen sich auf eine Länge von mehr als sechs Metern zusammensetzen, wobei die obersten 50 Zentimeter nach der Löschkalk-Aktion nicht mehr auswertbar waren.

Die 8,6 Zentimeter dicken Bohrkerne wurden anschließend längs halbiert. Eine Hälfte liegt in Folie eingeschweißt in den Kühlfächern der Universität Innsbruck. Proben aus den anderen Teilen gingen an Fachleute in halb Europa: In Innsbruck wurden großkörnige Partikel aus dem Sediment wie Flechten und Samen ins Mikroskop gelegt und Pollenkörner analysiert; in Bern datierten Forschende mithilfe der Radiokarbonmethode Holzfasern; in Skopje wurden Kieselalgen bestimmt; und im norwegischen Tromsø kam eine noch recht junge Methode zum Einsatz: die Sequenzierung von altem Erbgut, das die Forschenden aus den Sedimenten gepickt haben, sogenannte »sedimentary ancient DNA«, kurz sedaDNA.

Sedimente sind Ablagerungen am Grund von Gewässern, in Torfmooren, Permafrostböden und Höhlen. Erbgut kann darin Tausende Jahre überdauern – nur war diese Information lange Zeit kaum entzifferbar. Dank der Fortschritte im Next-Generation Sequencing(NGS) während der 2010er-Jahre öffnen sich jetzt diese Sedimentarchive (siehe »Revolution in der Genetik«). Denn nun braucht es nicht mehr ganze Genabschnitte: Allein anhand von Fragmenten lassen sich Arten sicher bestimmen, auch solche, die bisher wenig beachtet wurden, wie Pilze und Mikroorganismen.

Seither herrscht Goldgräberstimmung in den Paläowissenschaften. Aus der Archäobotanik, Archäozoologie bis hin zur Paläoanthropologie werden neue Erkenntnisse erwartet. Wie haben sich Ökosysteme und Artengemeinschaften über die Zeit gewandelt? Wie haben frühe Menschen gelebt, gegessen, ihre Umwelt verändert? »Als Robert mit der Idee vom Bohrkern gekommen ist, hatten wir keine Ahnung, was da alles drinsteckt«, schwärmt der Forschungsleiter des Nationalparks, Alexander Maringer. Man verfüge nun über »ein komplettes Klimaarchiv fürs Gesäuse bis in die Eiszeit«.

Abtauchen bis in die Altsteinzeit

Was erzählen die hellen und dunklen beige-braun-grau gestreiften Schichten über die Vergangenheit? Am Tisch beim Kaiserschmarrn breitet Robert Schabetsberger lupenwinzig bedruckte Tabellen aus. Darauf sind entlang von Zeitachsen lateinische Artnamen eingetragen – von Bäumen, Kräutern, Wasserorganismen, Wildtieren, Nutztieren, Amphibien und vielem mehr. Es sind Hunderte Puzzleteile, die Schabetsberger und seine Forschungskollegen demnächst in einer Publikation zusammenfügen wollen. Dem Zickzack in der Tabelle folgend taucht er in die Zeit am Sulzkarsee ab.

An dieser Stelle befindet sich eine Bildergalerie, die gedruckt leider nicht dargestellt werden kann. Vielen Dank für Ihr Verständnis.

Vor etwa 15 000 Jahren zogen sich die Eiszeitgletscher zurück – auf ihren Moränen wandert Schabetsberger heute, wenn er zum See will. Damals hinterließen die schwindenden Gletscher in einer Senke mineralische Tonpartikel. Sie dichteten den Boden ab. Anders als sonst in Karstgebirgen konnte sich so Wasser sammeln. Der Sulzkarsee entstand. Und wie die dicht gepackten Überreste von Wasserflöhen in den 14 000 Jahre zurückreichenden Sedimenten zeigen: Rasch gab es darin auch Leben.

Die folgenden ungefähr 3000 Jahre waren nordisch karg. Zwergbirken, Latschen, Erlen bildeten ein lichtes Gehölz um das noch mineralientrübe Wasser. Dann wurde der Wald dichter: Vor 11 300 Jahren traf die Fichte ein, bis heute Königin der Gegend. Ulmen, Linden, Eichen gesellten sich zu ihr. Erst spät kam die Tanne. Ihr Weg vom Eiszeitdomizil im heutigen Italien bis hoch in die Alpen war weit. Als sie vor 7000 Jahren, also während der frühen Jungsteinzeit, an den See gelangte, tummelten sich darin seit mindestens 3000 Jahren Amphibien – derzeit liefert der Sulzkarsee den frühesten genetischen Nachweis für diese Tiere in den Alpen.

Von Mäusen und Braunbären

Immer lebendiger wurde die Gegend: Bald naschten Mäuse Himbeeren und Holunderbeeren – und Braunbären naschten Mäuse –, Rotwild und Gämsen sprangen umher, das Schneehuhn balzte, und selbst Biber könnten kurz mal da gewesen sein.

»Und jetzt das Spannendste«, ruft Schabetsberger. Sein Finger landet auf der Linie für den Zeitraum von vor etwa 3500 Jahren, in der mittleren Bronzezeit. »Da kamen die Menschen erstmals mit Schafen hier herauf.« Seither wird die Sulzkaralm kontinuierlich beweidet. Zunächst trieb man nur Schafe an den See, eventuell ein paar Ziegen. So lief es ungefähr 2500 Jahre lang.

In den entsprechenden Sedimentabschnitten zeichnet sich ab, wie die Almwirtschaft die Landschaft veränderte: Die Bäume gingen zurück, typische Weidezeiger wie der Germer (Veratrum) tauchten häufiger auf. Erstmals schlichen sich Getreidepollen ins Sediment, die womöglich aus tieferen Lagen an das Gewässer geweht wurden.

Viel Holzkohle landete nun im See. Offensichtlich hatten die Menschen durch Brandrodung die Weiden vergrößert. Ob sie damals wie im Tal auch in der Höhe Köhlerei betrieben, ist ungeklärt. Unten im Tal wurde jedenfalls Holzkohle verfeuert, um Kupfer und Zinn für Bronze zu schmelzen.

Ging deshalb oben viel Wald verloren? Jedenfalls vermehrte sich parallel zu den Kohleresten im Sediment die Erosion: Muren und Lawinen trugen ungewöhnlich dicke Materialschichten in den See ein – und damit in den Bohrkern, in dem sich solche kurzzeitigen Ereignisse als Event-Lagen abzeichnen. Besonders oft ging Boden vor 3500 bis 3000 Jahren ab.

Römer, Pferde und Schweine auf der Alm

Jahrhunderte vergingen. Vor 1700 Jahren tauchten dann Pollen von Nuss und Kastanie auf: Die Römer dürften diese Pflanzen eingeführt haben. Und noch einmal 1000 Jahre später weideten Ziegen und Pferde auf der Alm. Vielleicht trieb man auch Schweine auf die Weide – eine übliche Praxis im Mittelalter –, doch die geborgenen Genfragmente könnten ebenso gut von Wildschweinen stammen. Besonders wichtig wurde aber das Rind. Mit den Nutztieren veränderte sich die Gegend. Ihre Hinterlassenschaften düngten den See: Vor 700 Jahren hat sich wohl deshalb erstmals die Kieselalge eingenistet, die nährstoffreiches Wasser mag.

Am Werkeln | Um den Sulzkarsee fischfrei zu bekommen, pumpten Gewässerökologe Robert Schabetsberger (im Bild) und seine Kollegen das Gewässer leer und kalkten den Grund.

Die Umgestaltung ging noch weiter. Die Rinder fraßen und trampelten die Flächen frei. Und das hatte seine guten Seiten: »Wenn man offene Flächen schafft wie hier, dann schafft man die Grundlage für all die Kräuter, Blumen und Gräser«, sagt Schabetsberger und deutet um sich herum auf die Biodiversität der Almwiesen. 2025 hat er zusammen mit zahlreichen Kolleginnen und Kollegen in »Nature Communications« dargelegt, wie sehr sich die pflanzliche Vielfalt durch die Tierhaltung auf den Almen erhöhte. Dazu untersuchte die Forschungsgruppe Bohrkerne aus insgesamt 14 Alpenseen, den Sulzkarsee eingeschlossen. Die Daten zeigten, dass Nutz- und Wildtiere seit Jahrtausenden entscheidend zur Vielfalt von Gräsern und Kräutern in den Alpen beigetragen haben. Mit ihnen kamen sicher auch auf solche Wiesen spezialisierte Schmetterlinge, Vögel und sonstige Tiere. Robert Schabetsberger nickt. Und wer waren die größten Artenbooster? Rindviecher auf Sommerfrische!

Der Effekt trat aber erst in Symbiose mit dem Menschen auf, der seit jeher viel Arbeit in die Pflege der Almen steckte. Jedenfalls erzählt die Sennerin, die gemeinsam mit Kindern, Mann und Hund und Katz’ schon sieben Sommer auf der Sulzkaralm verbracht hat: Jenen Bauern, deren Kühe sie und ihr Mann in Weidegemeinschaft hüten, sei ganz besonders wichtig, dass sie den giftigen Germer ausreißen und den Farn mähen. Eine Lehre, die (nicht nur) aus dem Bohrkern gezogen werden kann, lautet also: Pflege Weiden jahrtausendelang, und du erntest Almen.

Leider sind längst nicht alle Eingriffe des Menschen so nützlich – und viele Veränderungen auch nicht mehr umkehrbar. Wie am Sulzkarsee: Kurz nach der Kalkung des Seegrunds jedenfalls kehrten, wie erhofft, algenfressende Wasserflöhe in den See zurück. Doch die vom Menschen eingeschleppten Elritzen, die überlebt hatten, vermehrten sich rasant – und haben alle aufgefressen.

Revolution in der Genetik: Next-Generation Sequencing (NGS)

Ganze Genome, einzelne DNA-Abschnitte oder kleinste Erbgutfitzelchen – DNA lässt sich heute viel schneller auslesen als noch vor zwei Jahrzehnten. Das liegt vor allem an einer verbesserten Technik. Mit dem sogenannten Next-Generation Sequencing können Fachleute millionenfach DNA-Fragmente gleichzeitig entziffern.

Dabei fassen die Sequenziergeräte anders als zuvor mehrere Schritte zusammen und arbeiten automatisiert. Dadurch können Forscher selbst unscheinbare Genüberreste aus Proben picken und sie mithilfe von Datenbanken bestimmten Organismen zuordnen. So entdecken sie beispielsweise in den Zähnen längst verstorbener Menschen noch Spuren von Krankheitserregern oder rekonstruieren aus der DNA in alten Sedimenten einstige Ökosysteme mit ihren Pflanzen, Pilzen, Tieren und Menschen.

Die Recherche für diesen Artikel wurde im Rahmen des Stefan M. Gergely-Stipendiums für Biodiversität der Österreichischen Akademie der Wissenschaften gefördert.

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  • Quellen

Garcés-Pastor, S. et al., Nature Communications 10.1038/s41467–025–59028–2, 2025

Schabetsberger, R. et al., Water 10.3390/w15071332, 2023

Zetter, S., Echoes of the Past, 2025

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