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Internationale Schülertests: Auf dem Prüfstand

Erst Sachsen, jetzt Thüringen: Wieder hat ein östliches Bundesland Bayern und Baden-Württemberg auf die Plätze verwiesen, obwohl diese gern Lobeslieder auf ihre schulische Ausbildung singen. Keinen Wandel gibt es dafür in den sich bereits ebenso lange wiederholenden Empfehlungen nach mehr gezielter und möglichst früh einsetzender Förderung.
Gleich zwei Studien zu Leistungen von Grundschülern wurden am 9. Dezember vorgestellt: die Resultate des nationalen Ländervergleichs zur Internationalen Grundschul-Lese-Untersuchung (IGLU-E) sowie zu Kompetenzen in Mathematik und Naturwissenschaften im Rahmen der TIMS-Studie (Trends in International Mathematics and Science Study).

Bei IGLU-E schnitten Viertklässler aus Thüringen am besten ab und finden sich sogar in der internationalen Spitzengruppe. Schlusslichter bilden die Stadtstaaten Bremen und Hamburg, deren Punktedifferenz zu Platz eins beinahe dem Leistungsniveau einer ganzen Klassenstufe entspricht. Allerdings erreichen nicht einmal elf Prozent der deutschen Grundschüler die höchste Lesekompetenzstufe, die sich dadurch auszeichnet, dass die Kinder aus dem Gelesenen heraus abstrahieren, verallgemeinern und Präferenzen begründen können.

Unterschiede fanden die Forscher um Wilfried Bos vom Institut für Schulentwicklung in Dortmund dabei in den Textsorten: Generell fiel den Kindern der Umgang mit literarischen Texten leichter als mit informierenden Stücken. In Bayern, Bremen, dem Saarland und Baden-Württemberg ist die Differenz allerdings nicht signifikant. Dabei zeigt sich wieder einmal der Einfluss des Elternhauses: Kinder aus bildungsnahen Familien boten bessere Leistungen. Als bildungsnah wird dabei ein Haushalt bezeichnet, der mehr als 100 Bücher besitzt. Außerdem macht sich ein Migrationshintergrund im Abschneiden bemerkbar, wobei hier die Unterschiede in den westlichen Bundesländern stärker zu Tage treten als in den östlichen. Auch in den Stadtstaaten liegt die Differenz sehr hoch.

Der Einfluss des Elternhauses

Entscheidend ist dabei aber nicht der Anteil von ausländischen Kindern in den Klassen, sondern weit mehr die Leseförderung und Sprachkompetenz zu Hause. Bos und seine Mitarbeiter empfehlen daher, hier so früh wie möglich die Eltern einzubeziehen und gezielte Programme bereits im Kindergarten anzubieten. Überhaupt werden sowohl leseschwache als auch lesestarke Kinder in Deutschland im internationalen Vergleich zu wenig gefördert, und gerade innerhalb des Klassenverbands wird zu selten mit entsprechend auf die individuelle Leistung abgestimmten Materialien gearbeitet. Um das komplexere Textverständnis zu schulen, wären auch Projekte wichtig, in denen die Kinder Gelesenes intensiver mit dem eigenen Wissen verknüpfen und zum Beispiel Vorhersagen treffen müssten.

Für Deutschland insgesamt betrachtet, lesen Mädchen besser als Jungen, im internationalen Vergleich ist der Unterschied allerdings gering. Trotzdem sollten hier spezielle Förderprogramme greifen, wie in Form eines breiteren Textangebots. Überhaupt gelte es, die Kinder stärker für Lesen auch in der Freizeit zu begeistern, wobei hier die Mädchen ebenfalls die Nase vorn haben: Ein knappes Fünftel greift freiwillig in der Freizeit zu einem Buch, bei den Jungen sind es noch nicht einmal zehn Prozent.

Angesichts der PISA-Ergebnisse, denen zufolge die Leselust bis zur Pubertät weiter abnimmt, müsse der Anreiz zu lesen ein Anliegen quer durch alle Fächer werden, fordern Bos und seine Kollegen. Schließlich sei Lesen eine der wichtigsten Grundlagen für effizientes Lernen, weshalb auch die Lehrerausbildung für weiterführende Schulen auf den Prüfstand gehöre. Hilfreich wäre es, nach beispielsweise skandinavischem Vorbild zusätzlich Schulpsychologen, Sozialpädagogen und Sprachheilpädagogen stärker mit einzubeziehen sowie Ganztagesangebote in Schulen voranzubringen, um dort eine anregende Lernumgebung zu schaffen, die zu Hause womöglich fehle.

Wenig Leseunterricht

Sowohl die Unterrichtsstunden als auch die Schülerzahlen pro Klasse liegen im europäischen Rahmen. Allerdings unterschreitet die für Lesen aufgewendete Unterrichtszeit deutlich die der europäischen Nachbarn und hat zudem seit der letzten Erhebung 2001 auch noch von 18 auf 13,9 Prozent abgenommen. Trotzdem schließen die Autoren: "Insgesamt zeigen die Ergebnisse von IGLU 2006, nicht zuletzt auch im Vergleich zu IGLU 2001, dass die Grundschule in Deutschland auf einem viel versprechenden Kurs liegt und ihre Hausaufgaben gemacht hat. Für die Länder gilt: einige mehr, einige weniger."

An der TIMS-Grundschulstudie nahm Deutschland 2007 zum ersten Mal teil, so dass es hier nicht möglich ist, eine Entwicklung in den letzten Jahren zu verfolgen. Erfasst werden dabei in der Mathematik die Inhaltsbereiche Arithmetik, Geometrie/Messen und Daten sowie in den Naturwissenschaften Biologie, Physik und Geografie. Federführend für die Studie in Deutschland ist auch hier Wilfried Bos.

Bei Mathematik finden sich die deutschen Grundschüler im oberen Drittel aller beteiligten Staaten und damit deutlich über dem internationalen Durchschnitt, aber noch gut unter den Leistungen der führenden Altersgenossen aus Hongkong und Singapur oder auch aus England und den Niederlanden. Wie beim Lesen erreichen zudem zu wenige Kinder die oberste Kompetenzklasse: Nur sechs Prozent der Prüflinge konnten komplexe Aufgaben lösen und ihre Vorgehensweise erläutern. Demgegenüber verfügt jedes sechste Kind am Ende seiner Grundschulzeit nur über elementare mathematische Fähigkeiten. Arithmetik erwies sich dabei als die größte Hürde für die meisten kleinen Schüler. Und obwohl sich international keine Geschlechtsunterschiede beobachten lassen, gehört Deutschland zu jenen Ländern, in denen Jungen den Mädchen gegenüber einen Vorsprung aufweisen.

Nicht nachvollziehbare Geschlechtsunterschiede

In den Naturwissenschaften schneidet Deutschland ebenfalls im oberen Drittel ab, während Singapur, Japan sowie England erneut deutlich vorn liegen. Hier gab es kaum Unterschiede zwischen den einzelnen Fächern, und insgesamt erreichen zehn Prozent die oberste Kompetenzstufe, während sechs Prozent nur rudimentäre Kenntnisse offenbaren. Unter den teilnehmenden EU- und OECD-Staaten ist die BRD dabei die Nation mit den größten Geschlechtsunterschieden in den Leistungen – anders als beim Lesen wären hier also insbesondere die Mädchen zu fördern, mahnen Bos und Co.

Und wieder zeigt sich erwartungsgemäß der Einfluss des Elternhauses und der sozialen Herkunft: Kinder aus bildungsnahen Haushalten schneiden erheblich besser ab, während dieser Zusammenhang in anderen Ländern weit schwächer bis gar nicht ausgeprägt ist. Ähnliches gilt für den ebenfalls gern untersuchten Migrationshintergrund, der sich bei der TIMS-Studie teilweise in Unterschieden von einem Jahr Lernzuwachs äußerte. Dabei fallen solche Differenzen in klassischen Einwanderungsländern wie den USA, Neuseeland oder Australien weit weniger ins Gewicht. Als wichtigen Hemmschuh erkannten Bos und seine Kollegen auch hier das Sprachproblem: Betroffen waren vor allem Kinder, die zu Hause weiterhin mit der Muttersprache der Eltern aufwachsen und somit meist mangelhafte Deutschkenntnisse haben. Die seit Jahren ausgesprochenen Empfehlungen – frühe und gezielte Förderung für Schwache wie Starke, möglichst unter Einbeziehung der Eltern – bleiben damit weiterhin aktuell.

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