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Klimaforschung: Auf der Kippe

Weltreiche kommen und gehen - so in Europa, in Amerika oder auch im fernen China. Meist erschütterten Kriege oder innere Unruhen die althergebrachten Dynastien und machten Platz für Neues. Doch auch der Monsun hatte ein Wörtchen mitzureden.
Keramik aus der Tang-Dynastie
China, im Jahr 907: Im Land herrscht Chaos. Kaiser Ai Di, ein Knabe von 16 Jahren, wird zur Abdankung gezwungen. General Zhu Weng, der neue Herrscher, ist am Ziel seiner Wünsche – hat er doch bereits drei Jahr zuvor Ai Dis Vater, Kaiser Zhaozong, beseitigen lassen, um seine Macht zu festigen. Konsequenterweise ermordet er jetzt nicht nur den Ex-Kaiser, sondern rottet auch sämtliche kaiserliche Prinzen nebst der ihnen ergebenen Beamten aus. Nach 290 Jahren ist die Tang-Dynastie – eine kulturelle Blütezeit mit Erfindungen wie Buchdruck, Schießpulver und Porzellan – am Ende.

Etwa zur gleichen Zeit auf der anderen Seite der Erdkugel: Einst mächtige Städte wie Tikal oder Calakmul werden aufgegeben. Die blühende Hochkultur der Maya, deren Wurzeln 3000 Jahre zurückliegen, ist endgültig zusammengebrochen.

Was hat die Ermordung eines Kind-Kaisers in China mit dem Untergang einer indianischen Gesellschaft in Mittelamerika zu tun? Außer dem zeitgleichen Ende auf den ersten Blick nicht viel. Oder doch?

Von den Maya wird schon längere Zeit vermutet, dass klimatische Umbrüche – vielleicht sogar von den Menschen durch Raubbau am Wald erst ausgelöst – ihr Ende besiegelten: Zu Beginn des 9. Jahrhunderts setzte eine Phase schwerer und langer Dürreperioden ein, die den indianischen Stadtstaaten im wahrsten Sinne des Wortes das Wasser abgrub.

Nach ähnlichen klimatischen Ereignissen in China fahndeten jetzt Wissenschaftler um Gerald Haug vom Geoforschungszentrum Potsdam in einem südchinesischen Binnensee. Das Huguang-Maar hat sich für Paläoklimatologen als ein wahres El Dorado erwiesen, da der See ohne größere Zuflüsse auskommt und mit drei Quadratkilometern ein geradezu winziges Einzugsgebiet besitzt. Fast alles was hier hineingelangt und zum Seeboden absinkt, kommt demnach von oben – beispielsweise das Element Titan, das von nördlichen Winden des trockenen Wintermonsuns herbeigeweht wird. Das Sediment des Maars stellt demnach ein Klimaarchiv dar, dass nur noch ausgewertet werden braucht.

Tatsächlich konnten die Forscher aus Sedimentbohrkernen die regionale Klimageschichte der vergangenen 16 000 Jahre grob rekonstruieren. So spiegeln sich die feuchten Warmphasen der so genannten Bölling- und Allerödzeiten vor 12 000 Jahren genauso wider wie die trockenen Kaltphasen während der Dryaszeit.

Vor knapp 1100 Jahren zeichnete sich abermals ein verhältnismäßig hoher Titan-Eintrag ab – der winterliche Nordostmonsun muss also stärker, das Klima entsprechend kälter und trockener geworden sein. Genau in dieser Zeit fällt der Untergang der Tang-Dynastie – und der Maya-Kultur.

Wie passt das zusammen? Die klimatischen Schwankungen erklären die Forscher mit einer Verschiebung der innertropischen Konvergenzzone – jener Tiefdruckrinne rund um den Äquator, wo die Passate der beiden Erdhalbkugeln zusammentreffen. Verlagert sich ihr sommerlicher Schwerpunkt weiter nordwärts, dann verstärkt sich in Südostasien der sommerliche Südwestmonsun, das Klima wird entsprechend wärmer und feuchter. Eine weiter südwärts liegende Zone zieht dagegen ein kälteres, trockeneres Klima nach sich.

Die innertropische Konvergenzzone wirkt nun weltweit – auch der amerikanische Doppelkontinent wird von ihr beeinflusst.
"Die Vorstellung, dass alle Perioden sozialer Umbrüche durch Klimaereignisse ausgelöst werden, wäre grob vereinfachend"
(Gergana Yancheva et al.)
So könnte ein Klimawandel auf entgegengesetzten Seiten der Erde Kulturen auslöschen. Und nicht nur die Tang-Kaiser fanden während eines klimatischen Umbruchs ihren Untergang, auch das Ende anderer chinesischer Dynastien fiel mit derartigen Klimaänderungen zusammen.

"Die Vorstellung, dass alle Perioden sozialer Umbrüche durch Klimaereignisse ausgelöst werden, wäre grob vereinfachend – vor allem bei einer so hochentwickelten und komplexen Gesellschaft wie im kaiserlichen China", schränken die Forscher ein. Doch es könnte sein, dass Klimaänderungen der Tropfen sind, der das Fass einer untergehenden Kultur zum Überlaufen bringt.

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