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News: Auf frischer Tat ertappt

Neue Aufnahmen des Hubble Space Telescope ermöglichen einen Blick in die Kinderstube des Universums. In einem acht Milliarden Lichtjahre entfernten Galaxienhaufen entdeckten Forscher 13 Galaxienpaare, die kurz vor der Kollision stehen oder es gerade hinter sich gebracht haben. Die Bilder unterstützen die Annahme, daß große Galaxien aus Kollisionen von kleinen Galaxien hervorgehen.
Im Mai 1998 konnte ein europäisches Forscherteam mit dem Hubble Space Telescope aufregende Bilder von zusammenstoßenden Galaxien in einem sehr weit entfernten Galaxienhaufen machen. Die Forscher untersuchten 81 Galaxien des acht Milliarden Lichtjahre entfernten Galaxienhaufens MS1054-03 genauer. Von diesen 81 sind 13 Galaxien Überreste von Kollisionen, die noch nicht lange zurückliegen, oder es sind Paare, die kurz vor einer Vereinigung stehen. "Das war eine richtige Überraschung", sagt Pieter van Dokkum, der Leiter des europäischen Forschungsteams. "Eine so große Anzahl von Kollisionen wurde bisher noch nicht beobachtet. An vielen Zusammenstößen sind sehr massereiche Galaxien beteiligt, und das Endergebnis werden noch mehr massereiche Galaxien sein."

Die Gravitationskräfte verformen die ursprünglichen Bahnen der Sterne. So verlieren die Galaxien ihre äußere Gestalt, aus genau abgegrenzten spiralförmigen Galaxien werden beispielsweise große, elliptische Galaxien mit unscharfem Umriß. Auf den Bildern sieht man auch die Spuren von Sternen, die durch die starken Gezeitenkräfte aus den Galaxien herausgeschleudert wurden. Die rötliche Farbe der Sterne in den neu entstandenen Systemen zeigt, daß sie bereits ein gewisses Alter haben und bisher also nur wenige neue Sterne entstanden sind. "Es sind alte Sterne in einer jungen Galaxie", sagt Marijn Franx von der Universiteit Leiden. Der gesamte Verschmelzungsprozeß kann weniger als eine Milliarde Jahre dauern – auf der astronomischen Zeitskala ist das nicht viel.

MS1054-03 gehört zu den am weitesten entfernten Galaxienhaufen, die bisher bekannt sind. Das Licht von dort ist so lange unterwegs, daß es für Astronomen die Möglichkeit bietet, weit in die Vergangenheit des Universums zurückzuschauen. Was sie heute dort sehen, stammt aus der Zeit, als das Universum noch nicht einmal halb so alt war wie heute. Das System eignet sich daher blendend, um die Entstehung von Galaxien unter den damaligen Bedingungen zu untersuchen.

Für die Forscher, die ihre Ergebnisse am 1. August 1999 in den Astrophysical Journal Letters veröffentlichen werden, sind die Bilder ein Hinweis darauf, daß große Galaxien nach und nach aus Zusammenstößen von vielen kleinen entstehen. Das widerspricht der Ansicht, daß alle massereichen Galaxien zum selben Zeitpunkt "geboren" wurden. Auf den Bildern ist dieser Prozeß festgehalten – die Galaxien wurden praktisch "in flagranti erwischt". Wenn in anderen weit entfernten Galaxien ähnliche Hinweise gefunden werden, dann würde das die Annahme von deren schrittweiser Entstehung unterstützen.

Heute sind Kollisionen sehr viel seltener als früher, aber sie sind nicht unmöglich. Unsere eigene Galaxis, die Milchstraße, ist gerade dabei, sich mehrere kleine Satelliten-Galaxien einzuverleiben. Einige Computersimulationen sagen auch voraus, daß die spiralförmige Milchstraße in fünf bis zehn Milliarden Jahren mit der Andromeda-Galaxie zusammenstoßen wird, woraus wieder eine elliptische Galaxie resultieren würde.

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