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Ornithologie: Auf in den Kampf!

Bei der Verteidigung ihres Reviers zeigen Singammermännchen individuelle Charakterzüge.
Singammer

Auch für Vögel gilt: Wer am meisten droht, ist nicht zwangsweise der gefährlichste Gegner. Ein Forscherteam der Washington University um Çağlar Akcay hat verschiedene Persönlichkeiten bei männlichen Singammern (Melospiza melodia) festgestellt. Sie differieren nicht nur darin, wie vehement sie ihr Territorium verteidigen, sondern auch darin, wie deutlich sie ihre Kampfabsichten vorher ankündigen. Vögel, die nicht zuerst drohen, sind aber nicht unbedingt weniger kampflustig als solche, die ihren Gegner vorwarnen.

Im Rahmen eines größeren Projekts beobachteten die Ornithologen, wie die Vögel bei der Verteidigung ihres Territoriums kommunizieren. Dazu hatten sie im Herbst 2009 und Frühjahr 2010 den einzelnen Singammermännchen in ihrem Revier jeweils den Gesang vermeintlicher Konkurrenten vorgespielt.

Die so provozierten Vögel kündigten einen Kampf auf verschiedene Weisen an. Einige flogen sehr nahe an den Lautsprecher heran, bevor sie angriffen, andere warnten den vermeintlichen Eindringling durch "Winken" mit einem einzigen Flügel oder leises, drohendes Singen. Manche Vögel zeigten diese Verhaltensweisen allerdings gar nicht, sondern gingen direkt zum Angriff über. Andere drohten nur, ohne anzugreifen, während wieder andere nicht drohten und auch nicht kämpften. Jedes der 69 beobachteten Männchen zeigte also ein sehr individuelles Maß an Aggressivität und Drohverhalten.

Im Frühjahr 2011 machten die Forscher einen weiteren Versuch mit einer ausgestopften Singammer zusätzlich zu dem Gesang vom Band und stellten fest, dass sie die Angriffslust der Vögel vom Verhalten des Vorjahres exakt vorhersagen konnten: Die Tiere änderten sich im zeitlichen Verlauf folglich nicht.

© Çağlar Akçay, Cornell University
Männliche Singammer signalisiert Angriffslust

Diese Verhaltensweisen führen die Forscher auf die individuelle Persönlichkeit der Tiere zurück. Vögel, die mehr Angriffslust signalisieren, als sie später wirklich zeigen, sind demnach "Angeber". Sie setzen darauf, den Gegner zu verjagen, ohne einen Kampf riskieren zu müssen.

Das Verhalten der Vögel, die gleich angreifen, ohne zu warnen, ist schwerer zu erklären. Möglicherweise sind diese einfach so kampferprobt, dass sie sich mit Drohgebärden nicht aufhalten müssen. Es könnte aber auch sein, dass diese Vögel die Signale selbst schlechter verstehen.

Unterschiede in dem als "Kommunikationsfähigkeit" ("communicativeness") bezeichneten Persönlichkeitsmerkmal könnten laut dem an der Studie beteiligten Biologen Michael Beecher auch die Frage klären, ob Drohgebärden im Allgemeinen so genannte "ehrliche Signale" sind, also verlässlich einen folgenden Kampf ankündigen. Çağlar Akçay sieht in den Ergebnissen der Studie Potenzial für weitere Untersuchungen: "Dieser neu entdeckte Einfluss der Persönlichkeit könnte auch beim Verhalten in anderen Situationen eine Rolle spielen, etwa bei der Balz oder wenn Partner und Nachwuchs vor Fressfeinden gewarnt werden müssen."

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