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Chemische Mimikry: Auf irritierender Duftspur

Wer zu spät schlüpft, den bestraft das Leben: Auf Brautsuche haben männliche Lagererzwespen oftmals das Nachsehen, da früh geborene Konkurrenten ihnen bereits alle Weibchen in der Umgebung weggeschnappt haben. Mit einem raffinierten Trick kommen die Spätzünder dennoch zum Zuge.
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Als "Brutkasten" für ihre Nachkommen haben vorratsschädigende Käfer Getreidekörner auserwählt. Aber mitunter macht ihnen die ein bis zwei Millimeter große Lagererzwespe (Lariophagus distinguendus) einen Strich durch die Familienplanung. Denn die Weibchen dieser parasitischen Insektenart durchbohren gezielt die Schale von befallenen Körnern und setzen gewöhnlich jeweils ein Ei auf der Außenseite ihres Wirtes ab. Die Überlebenschancen für den Käfernachwuchs sinken nunmehr auf Null, dient er doch der schlüpfenden Schmarotzerlarve seinerseits als Speisekammer.

In der Nachbarschaft zum Geburtsort der Wespen spielt sich auch die Paarung ab. Bereits im Puppenstadium verströmen die Weibchen einen Sexuallockstoff, der bei den Angehörigen des anderen Geschlechts ein charakteristisches Balzverhalten auslöst. Auf Grund unterschiedlicher Entwicklungszeiten schlüpfen die kurzlebigen Männchen etwa 1,5 Tage früher als ihre weiblichen Artgenossen. Kaum haben sie das Licht der Welt erblickt, gehen sie auf Brautschau. Angelockt vom verführerischen Duft harren sie auf den Getreidekörnern aus, um die Partnerin als erste in Empfang zu nehmen.

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Lariophagus distinguendus | Die Männchen der Lagererzwespe (Lariophagus distinguendus) haben ein cleveres Täuschungsmanöver ersonnen: Bereits im Puppenstadium imitieren sie den Sexuallockstoff der Weibchen, um früher auftretende Nebenbuhler irrezuführen und von der Suche nach tatsächlichen Partnerinnen abzuhalten. Mit dieser List erhöhen die Spätentwickler vermutlich ihre eigenen Paarungschancen.
Bisweilen verschiebt sich der Geburtstermin einiger Männchen nach hinten – sei es infolge eines späteren Eiablagedatums oder suboptimalen mikroklimatischen Bedingungen. Da sich die Weibchen üblicherweise nur einmal im Leben paaren und die Wespenmänner in kurzer Zeit gleich mehrere Partnerinnen erobern können, laufen die Spätentwickler Gefahr, leer auszugehen. Mit welch ausgeklügelter Strategie sie ihre bereits geschlüpften Rivalen auszubremsen versuchen, haben Sven Steiner von der Freien Universität Berlin und seine Kollegen aufgedeckt.

Im Labor gingen sie der Frage nach, wie Wespenmännchen auf Puppen beiderlei Geschlechts reagieren. Aus parasitierten Getreidekörnern operierten sie die Larven heraus und kategorisierten sie anhand deren Dunkelfärbung in verschiedene Entwicklungsstadien. Nachdem die Forscher fünf Minuten lang das Verhalten von Männchen auf die unterschiedlich alten Puppen beobachtet hatten, zogen sie die Larven einzeln weiter heran und bestimmten nach dem Schlüpfen das Geschlecht.

Interessanterweise fächerten die Männchen stets mit ihren Flügeln, ein untrügliches Zeichen für die Existenz des Sexuallockstoffes – egal, in welcher Entwicklungsphase sich die präsentierten Puppen befanden und ob später Weibchen oder Männchen aus ihnen hervorgingen. Und der verlockende Duftstoff haftete den Individuen beiderlei Geschlechts selbst kurz nach dem Verlassen des Getreidekorns noch an, entdeckten die Wissenschaftler.

Denn als sie ein zwei Tage altes Männchen jeweils mit einzelnen unverheirateten Wespendamen und –herren aus vier Altersklassen (frisch geschlüpft, 8, 24 beziehungsweise 32 Stunden alt) konfrontierten, reagierte es mit Flügelschlagen auf frisch geschlüpfte Tiere. Und auch auf ältere Weibchen. Hingegen ließen 32 Stunden alte Wespenmänner ihre Artgenossen kalt. Offenbar blieb die weibliche Pheromonaktivität auf einem konstant hohen Level, während die männliche mit zunehmendem Alter deutlich absank.

Um herauszufinden, ob der schleichende Verlust des Lockstoffes bei den Männchen auf aktiver Zersetzung oder passiver Verdunstung beruht, töteten die Wissenschaftler 20 frisch geschlüpfte männliche und weibliche Lagererzwespen durch Kälte ab und lagerten sie anschließend 72 Stunden lang bei einer konstanten Temperatur von 25 Grad Celsius und einer relativen Luftfeuchtigkeit von 75 Prozent. Die 20 Angehörigen der Kontrollgruppe hielten sie unter denselben Bedingungen 72 Stunden am Leben, bevor sie diese einfroren. Wiederum registrierten die Forscher das Verhalten von Wespenmännern auf ihre verstorbenen Artgenossen.

Unabhängig vom Geschlecht lösten frisch geschlüpfte, aber sofort getötete Individuen das Flügelfächern aus. Folglich zeichnet sich die verführerische Chemikalie durch einen hohen Stabilitätsgrad und eine geringe Flüchtigkeit aus. Blieben die Parasiten indes 72 Stunden lebendig, riefen nur die Weibchen das charakteristische Balzverhalten hervor – nicht aber die Männchen. Der Verlust der männlichen Pheromonaktivität ist demnach auf aktive Zersetzungsprozesse zurückzuführen, folgern die Wissenschaftler.

Wie sie zudem enthüllten, hielten sich Wespenmännchen wesentlich länger auf Getreide auf, berührten es mit ihren Antennen und fächerten mit den Flügeln, wenn die Körner sich entwickelnde männliche oder weibliche Artgenossen beherbergten. Ebenfalls angebotenes unbeschädigtes Getreide und nur vom Kornkäfer (Sitophilus granarius) befallenes Getreide ließen sie dagegen links liegen.

Offenbar haben die Männchen der Lagererzwespe ein cleveres Täuschungsmanöver ersonnen: Bereits im Puppenstadium imitieren sie den Sexuallockstoff der Weibchen, um früher auftretende Nebenbuhler irrezuführen und von der Suche nach tatsächlichen Partnerinnen abzuhalten. Mit dieser List erhöhen die Spätentwickler vermutlich ihre eigenen Paarungschancen, spekulieren die Forscher um Steiner. Im Gegensatz zu den Weibchen benötigen die Männchen den betörenden Duft nach dem Schlüpfen nicht länger und bauen ihn innerhalb von 24 Stunden ab – wahrscheinlich um nicht von geblufften Männchen belästigt und vom eigentlichen Ziel abgelenkt zu werden: der Brautschau.
19.03.2005

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 19.03.2005

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