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Angemerkt!: Aufgesessen

Der Druck, publizieren zu müssen, verleitet so manchen Wissenschaftler dazu, seinem Glück etwas nachzuhelfen. Da werden schon mal alte Ergebnisse für neu verkauft oder Klüngel gebildet, die frei nach dem Motto arbeiten: Zitierst du mich, zitier ich dich.
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Die Top-Meldung: Eine international renommierte Fachzeitschrift berichtet von Astronomen, die den heißesten Weißen Zwerg im Universum gefunden haben wollen. "Aufmacher!", meint der Chefredakteur und lässt den Journalisten aus der dazugehörigen Pressemitteilung eine Story verfassen. Schnell noch mit Hintergrundinformationen verlinken und die Sache steht! – hätte stehen können... Denn Recherchen ergaben, dass diese Meldung alt ist, sehr alt sogar: Sie lief bereits vor Jahren über den Ticker – im Großen und Ganzen wortwörtlich. Also Anruf in der Pressestelle, die an den verantwortlichen Wissenschaftler weiterleitet. Fazit: Das Neue steht auf Seite zwei im letzten Absatz – man hätte nun auch relativ große Mengen Magnesium in dem alternden Stern entdeckt. Ein Einzelfall verfehlter Pressearbeit?

Wir wissen jetzt nicht, ob die Meldungen übereifrigen Öffentlichkeitsarbeitern zu verdanken sind oder Wissenschaftlern, die sich gern mal wieder in der Presse lesen wollen. Doch stehen Forscher und ihre Einrichtungen immer mehr unter dem Druck, publizieren zu müssen. "Publish or perish" gilt in der Forschergemeinde: Wer nicht publiziert, hat nichts mehr zu melden unter den Kolleginnen und Kollegen. Und wenn schon veröffentlichen, dann in einer Zeitschrift mit hohem "Impact Factor" bitte schön. Denn je höher dieser ist, desto öfter werden die Artikel gelesen und darauf Bezug genommen. Science und Nature spielen da ganz oben mit in der Liga.

Dass man die Häufigkeit, mit der man von anderen zitiert wird, auch bei solch hochwertigen Zeitschriften durchaus beeinflussen kann, davon kann Ulrich Schmoch vom Karlsruher Fraunhofer-Institut für Systemtechnik und Innovationsforschung ISI berichten. Für ein Wissenschaftsmagazin hat er vor einiger Zeit einmal den Science Citation Index (SCI) ausgewertet. Er enthält eine Sammlung von gut 20 Millionen wissenschaftlichen Aufsätzen, die in den vergangenen 45 Jahren aus über 3000 internationalen Zeitschriften aus mehr als einhundert Fachgebieten gesammelt wurden und nach Themen, Autoren, Kurzfassungen und Zitaten durchforstet werden kann. Jährlich kommen über eine halbe Million Artikel neu hinzu.

Der Science Citation Index ist oftmals die Basis für die Arbeit von Bibliometrikern wie Schmoch. Sie erforschen den Fortschritt in Wissenschaft und Technik, um Managern oder anderen Entscheidungsträgern aus Forschung und Entwicklung Daten an die Hand zu geben, welche Gebiete aussichtsreiche Perspektiven bieten und ob es sich lohnt, sich dort zu engagieren. Darüber hinaus beraten die Publikationsforscher Regierungen von Bund und Ländern beim zielgerichteten Einsatz von Fördermitteln.

Bibliometriker gehen zunächst davon aus, dass ein Schriftstück um so bedeutsamer ist, je öfter Bezug darauf genommen wird. Doch wissen sie ebenfalls um die Schwächen und Fallstricke solcher Statistiken. Schließlich kennen auch sie das Bonmot "Traue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast", das Winston Churchill in den Mund gelegt wird, obwohl es von Joseph Goebbels stammen soll, der den englischen Premier damit in Misskredit bringen wollte.

So wird in Fachkreisen beispielsweise getuschelt, dass ein niederländischer Astronom in einer Gleichung seines Beitrags bewusst einen kleinen Fehler eingebaut haben soll, der offenbar selbst den Gutachtern verborgen blieb. Die Gemeinde der Wissenschaftler stürzte sich jedenfalls nach der Veröffentlichung auf diese Arbeit, um sie kritisch zu hinterfragen und richtig zu stellen. Die Folge: Der Autor stieg für eine Zeit lang zu den am häufigst zitierten seines Faches auf.

Zwar sei besagter Fall – so versichern die Niederländer – nie passiert. Er zeigt aber die potenzielle Anfälligkeit solcher Datensammlungen. Der Teufel steckt auch hier im Detail, und die eigentliche Kunst der Bibliometriker ist die Interpretation der Fakten, über die sich dann ebenso trefflich streiten lässt.

Doch um nicht durch Fehler glänzen zu müssen, die zudem oft nicht lange unbemerkt bleiben, sehen sich einige vom Ehrgeiz Besessene nach ausgeklügelteren Strategien um. Ein durchaus beliebter Trick ist es beispielsweise, seine Ergebnisse scheibchenweise zu veröffentlichen. Kenner der Szene sprechen vom so genannten LPU, der "least publishable unit", der kleinsten zu veröffentlichenden Einheit eines Ergebnisses also. Eine weitere Taktik ist, sich regelmäßig selbst als Quelle anzugeben. Doch das ist für Publikationsforscher meist relativ einfach zu durchschauen und wird daher oft in Untersuchungen berücksichtigt. Schwieriger wird es schon, Seilschaften ausfindig zu machen, die sich gern gegenseitig zitieren.

So berichtet Wolfgang Franz, Präsident des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim, beispielsweise von einem durchaus viel versprechenden Nachwuchswissenschaftler, der ihm haarklein auseinander setzte, wie er mit Hilfe eines "strategischen" Zitierens einen Beitrag in einer sehr angesehenen wissenschaftlichen Zeitschrift untergebracht habe. Vom Inhalt des Beitrags sprach der junge Wissenschaftler allenfalls am Rande, meint Franz konsterniert. Solche Zitierungskartelle sind selbst für Insider wie Schmoch kaum aufzudecken.

Wegen solcher und anderer Verfehlungen von Wissenschaftlern hat die Deutsche Forschungsgemeinschaft DFG vor Jahren bereits Vorschläge zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis ausgearbeitet und dem Thema unter der Überschrift "Probleme im Wissenschaftssystem" ein eigenes Kapitel gewidmet. Etwas resigniert sprechen die Autoren in ihrer Einleitung aber davon, dass Unredlichkeit in der Wissenschaft genauso wenig ausgeschlossen werden kann wie in anderen Lebensbereichen.

Daher bleibt nur der Appell, ehrlich zu bleiben – sich und anderen gegenüber. Denn Transparenz ist durchaus ein Kennzeichen des Wissenschaftssystems. Das bekam kürzlich auch der Physiker Jan Hendrik Schön von der Universität Konstanz zu spüren. Nach Fälschungsvorwürfen musste er seinen Doktortitel nun zurückgeben. Das war bislang der jüngste Fall wissenschaftlicher Verfehlung in Deutschland, der aber gleichzeitig internationales Aufsehen erregte. Da jedoch niemand die Dunkelziffer kennt, steht zu befürchten, dass es nicht der letzte gewesen sein wird.
28.07.2004

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 28.07.2004

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