Aufmerksamkeit: Kann das Gehirn zwei Gesprächen gleichzeitig folgen?

Wer auf einer Party einem Gespräch folgt, bekommt oft dennoch mit, was am Nebentisch gesagt wird. Einer neuen Studie zufolge beruht diese Fähigkeit nicht einfach auf einem guten Gehör. Offenbar kann das Gehirn zwei Gespräche parallel verarbeiten – zumindest für eine kurze Zeit.
Lange nahm man an, wir könnten uns immer nur auf einen Sprecher konzentrieren. Doch wie ein Team um Giovanni Di Liberto vom Trinity College in Dublin herausfand, kann das Gehirn für wenige Sekunden zwei Gesprächen gleichzeitig folgen, bevor die Aufmerksamkeit vollständig zu einer der beiden Unterhaltungen hin wandert.
Die Fachleute hatten die Hirnaktivität von Versuchspersonen per Elektroenzephalografie (EEG) aufgezeichnet, während diese das Geplauder zweier Personen gleichzeitig hörten – eingebettet in das Geräusch einer Menschenmenge. Ein Pfeil auf einem Bildschirm signalisierte den Teilnehmern, auf welchen Sprachstrom sie ihren Fokus richten sollten. Alle 15 bis 30 Sekunden wechselte der Pfeil seine Richtung. Nach jedem Durchgang mussten sie Fragen zum Inhalt des Gehörten beantworten.
Dabei zeigte sich, dass die Aufmerksamkeit bereits dem neuen Sprecher folgt, bevor sie den bisherigen vollständig aus dem Fokus entlässt. So entsteht eine kurze Übergangsphase, in der beide Gespräche gleichzeitig im Gehirn repräsentiert sind. Dieses Phänomen lässt sich im EEG an einer charakteristischen neuronalen Signatur ablesen.
Wie Di Liberto berichtet, gelingt es einigen Menschen besonders gut, beim Wechsel der Aufmerksamkeit den Überblick über mehrere Gesprächsstränge zu behalten. »Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass manche Menschen von Natur aus besser multitasken können als andere«, erklärt er in einer Pressemitteilung des Trinity College. »Sie sind dadurch in der Lage, ihre Umgebung besser zu erkunden, ohne den Fokus auf das aktuelle Gespräch sofort zu verlieren.« Das könne erklären, warum einige Personen sich in belebten Umgebungen souveräner zurechtfinden als andere.
Allerdings bildet der Versuchsaufbau die Komplexität alltäglicher Gespräche nur teilweise ab, da die Teilnehmer auf Anweisung zwischen zwei vorgegebenen Sprachströmen hin und her wechselten. Ob ähnliche Prozesse auch in natürlichen Gesprächssituationen außerhalb des Labors auftreten, müssen weitere Studien zeigen.
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