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Wahrnehmung: Merkwürdige Vorgänge bleiben oft unbemerkt

Ein unerklärliches Ereignis fällt in der Regel nicht auf, sofern die Aufmerksamkeit auf etwas anderem liegt – selbst dann nicht, wenn es sich unmittelbar vor unseren Augen abspielt.
Eine fantasievolle Illustration zeigt eine märchenhafte Waldszene mit übergroßen Pilzen und einer großen Schnecke. Eine kleine, menschliche Figur steht unter einem der Pilze, während eine andere Figur mit Schmetterlingsflügeln auf der Schnecke sitzt. Ein gepflasterter Weg führt durch das grüne Gras zu den Pilzen. Die Szene ist von üppigem Laub umgeben und vermittelt eine mystische, naturverbundene Atmosphäre.

Laufen die Menschen halb blind durch die Welt? Ein Experiment von französischen Psychologen legt das nahe. Wie sie in der Fachzeitschrift »Psychonomic Bulletin & Review« schreiben, fiel den meisten ihrer Versuchspersonen ein eigentlich höchst unlogisches Geschehen nicht weiter auf. Und daran änderte sich selbst dann nur wenig, wenn sie mit der Nase darauf gestoßen wurden, berichten Cyril Thomas und André Didierjean von der Université Marie et Louis Pasteur in Besançon.

Die Psychologen hatten 88 Studierende zunächst an einem Tisch eine Denkaufgabe lösen lassen. Anschließend sollten sie ihre Matrikelnummer und eine vierstellige Geheimzahl auf ein Blatt Papier schreiben. Die Geheimzahl diente vermeintlich dazu, die Daten später derselben Person zuzuordnen und dabei die Anonymität zu wahren. Was die Versuchspersonen nicht wussten: Das Klemmbrett unter dem Papier übertrug die Zahlen an den Versuchsleiter, der an einem zweiten Tisch saß und von dort die Zahlen nicht hätte sehen können.

Während das Papier weiter auf dem ersten Tisch lag, gingen die Probanden zum zweiten, um dort noch einen Test zu absolvieren. Scheinbar zum Datenabgleich las der Versuchsleiter danach ihre Matrikelnummer und die Geheimzahl von einem Zettel ab – was eigentlich unmöglich erscheinen musste, da das Papier weiter auf dem ersten Tisch lag. Im Anschluss sollten die Versuchspersonen sagen, ob ihnen etwas Ungewöhnliches aufgefallen war, wo sich ihr Zettel befinde und wie der Versuchsleiter wohl an die Geheimzahl gekommen war. Die Hälfte erhielt noch den zusätzlichen Hinweis, dass das Experiment einen Zaubertrick enthielt.

Dennoch war der großen Mehrheit nichts aufgefallen. Ohne den Hinweis bemerkten 93 Prozent der Teilnehmenden nichts von der unlogischen Ereigniskette, aber auch mit Hinweis begriffen rund 80 Prozent nicht, dass es bei dem erwähnten Zaubertrick um ihre Geheimzahl ging. Die meisten erinnerten sich dabei chronologisch korrekt an den Ablauf der Ereignisse – und übersahen trotzdem, dass der Versuchsleiter ihre Geheimzahl nicht hätte kennen dürfen. Lediglich eine Minderheit erinnerte sich falsch, etwa dass der Versuchsleiter den Zettel geholt habe oder sie ihm die Nummer selbst mitgeteilt hätten.

Aufmerksamkeit ist begrenzt

Die Autoren erklären ihre Befunde mit begrenzter Aufmerksamkeit, in Anlehnung an das Phänomen der »Unaufmerksamkeitsblindheit«, bekannt aus dem Gorilla-Experiment von 1999: Darin bekamen die Probanden einen Kurzfilm über ein Basketballspiel vorgespielt und sollten dabei die Pässe des in Weiß gekleideten Teams zählen – und viele merkten so nicht, dass eine Person in einem Gorilla-Kostüm übers Feld lief und sich dabei sogar auf die Brust trommelte. So auch beim vorliegenden Experiment: Die Teilnehmenden hätten sich auf ihre Aufgabe konzentriert und deshalb logische Brüche in der Ereigniskette übersehen, erklären Thomas und Didierjean. Dazu beigetragen habe auch, dass der Versuchsleiter zunächst eine legitime Information (die Matrikelnummer) und erst danach die Geheimzahl vorlas.

Die Studie ist nur eingeschränkt aussagekräftig, weil die Laborsituation künstlich war: Der Anspruch, das Geschehen zu verstehen, ist hier womöglich geringer als in einer Alltagsumgebung. Die Autoren glauben dennoch daraus schließen zu können, dass logische Unstimmigkeiten oft gar nicht erst bemerkt werden. Und wenn sie doch auffielen, werde die Erinnerung daran im Nachhinein passend gemacht – wie in anderen klassischen Experimenten dokumentiert: Darin belegt die Gedächtnisforscherin Elizabeth Loftus, dass Menschen Ereignisse im Nachhinein aktiv umdeuten, wodurch falsche Erinnerungen entstehen können.

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  • Quellen
Thomas, C., Didierjean, A., Psychonomic Bulletin & Review 10.3758/s13423–026–02867-x, 2026

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