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News: Augenblicklich erfasst

Kinder müssen erst lernen, dass hinter ein Sofa rollende Bälle auf der anderen Seite wieder zum Vorschein kommen. Hinterherrobben müssen sie dafür nicht - es reicht, wenn sie das Geschehen mit den Augen verfolgen.
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Kinder sehen die Welt anders. So vieles um sie herum müssen die Kleinen erst begreifen und in einen Zusammenhang bringen, bevor sie es auf andere Situationen übertragen können. Ständig gibt es Neues zu entdecken, zu staunen und zu lernen – Dinge, die für uns Erwachsene selbstverständlich sind.

Zum Beispiel der Ball, der hinter ein Sofa rollt. Für uns ist klar: Er kommt auf der anderen Seite wieder zum Vorschein. Für einen zwei Monate alten Säugling hingegen ist der Ball verschwunden, warum also noch hinsehen? Schon zwei bis vier Monate später jedoch hat er erfasst, dass das rollende Objekt hinter der anderen Seitenlehne wieder auftauchen kann und heftet seinen Blick erwartungsvoll dorthin.

Wie aber hat sich ihm diese neue Welt erschlossen? Durch ausgedehnte Ballspiele im doch noch so eingeschränkten eigenen Aktionsradius, den vielen vergeblichen Versuchen, das runde Etwas festzuhalten, das dann doch immer wieder entgleitet und sich seinen Weg sucht, verfolgt von den staunenden Kinderaugen? Ist monatelanges Training nötig, um jene Erkenntnis zu gewinnen?

Nein, sagt Scott Johnson von der New York University. Mit einem Infrarotsignal verfolgten seine Kollegen und er die Augenbewegung von vier und sechs Monate alten Kindern, während diese auf einem Computerbildschirm eine rollende Kugel betrachteten, die gelegentlich von einem großen Viereck verdeckt wurde. Die Großen hatten ihre Erfahrungen offenbar schon gemacht: Sie erwarteten mit aufmerksamen Blick die Kugel auf der anderen Seite des Verstecks. Die meisten ihrer jüngeren Versuchskollegen dagegen schlossen offenbar, dass das spannende Objekt nun wohl verschwunden sei und wandten sich anderen Dingen zu.

Ein ganz anderes Bild bot sich nach einem kurzen, aber offensichtlich erfolgreichen Intensivunterricht: Konnten die Kleineren vorher für zwei Minuten auf dem Bildschirm eine hin und her rollende Kugel beobachten, die nicht zwischenzeitlich verborgen wurde, ging ihnen offenbar ein Licht auf. Spielten ihnen nun die Wissenschaftler wieder die Sequenz mit der zeitweise verdeckten Kugel vor, richteten auch sie ihre Augen nun ebenfalls erwartungsvoll dorthin, wo sie wieder auftauchen müsste.

Kein wochenlanges Üben, kein angeborenes Objektverständnis – ein Blick, und die Kleinen haben es erfasst, so scheint es. Das Schöne aber ist, dass sie sich trotz der neuen Erkenntnis immer wieder aufs Neue begeistert über jeden hinter dem Sofa wieder hervorrollenden Ball staunen und freuen – als bemerkten sie das zum ersten Mal. Kinder sehen die Welt eben anders. Und sie lernen schnell, sehr schnell.

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