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Sportwissenschaft: Augenrollen über dem Trampolin

Trampolinspringen kann jeder, rauf und irgendwie runter kommen schließlich alle. Zu einem gelungenen doppelten Salto mit Schraube gehört da schon etwas mehr Körperbeherrschung - wobei nicht nur Arme und Beine, sondern auch Auge und Blickrichtung in Zaum gehalten werden müssen.
Ein Trampolinspringer-Blick beim Salto
Für die Allermeisten ist klar: Der wichtigste jener fünf Sinne, die wir Menschen beieinander haben möchten, ist der Lichtsinn – Sehen ist für uns von überragender Bedeutung. Wie wichtig das Auge für uns wirklich ist, machen wird uns allerdings oft erst klar, wenn es getrübt wird oder ausfällt.

Kaum weniger leicht ist zu fassen, wie ungeheuer komplex und leistungsfähig unser optischer Sinn auch unter Extrembedingungen funktioniert – oder wie viele visuelle Eindrücke aus unserem Umfeld Informationen liefern, die dabei helfen, uns zu verhalten, wie wir uns verhalten. Wo zum Beispiel schaut ein Autofahrer überall hin, wenn er auf der Landstraße zum Überholen ansetzt? Welche Stellen sucht ein Käufer im Supermarkt schon beim flüchtigen Durchmustern der Artikel ab?

Antworten auf solche Fragen liefert das so genannte Eye Tracking – die Kunst, Blickbewegungen zu erfassen. Sie sieht auf eine lange Tradition zurück: Seit den 1780er Jahren bemüht man sich darum, vom Lesen bis zum Autofahren allerlei Tätigkeiten unter dem Blickwinkel der Blickrichtung zu beleuchten. Anfangs verlangte dies allerdings große und sperrige Apparaturen und war bei komplexen Handlungen und Bewegungen nicht denkbar.

Erst mit neuesten Entwicklungen – etwa dem Einsatz von mobilen Funksystemen und der Miniaturisierung der Apparate – wird es nun möglich, auch die visuelle Kontrolle bei hochdynamischen und komplexen Bewegungen zu untersuchen.

Wo kuckst Du denn hin?

Die größte Herausforderung für alle Eye-Tracking-Experten stellt sich dabei im Hochleistungssport – hier übertreffen die meisten den Augen und Körpern der Sportler abverlangten Handlungen nicht nur Alltagsanforderungen weit, zudem laufen sie häufig auch unter Zeitdruck ab. Ob gute Noten beim Turnen, Turm- oder Trampolinspringen perfekte Salti und Pirouetten erfordern, oder ob Schlag- und Wurfbewegungen mit höchster Geschwindigkeit oder Präzision gefragt sind: Die Frage nach visueller Orientierung, Informationsaufnahme und Umsetzung in Bewegung entscheidet oft unmittelbar über Sieg und Niederlage.

Vier Kameras verfolgen einen Trampolin-Sprung | Vier Kameras filmen Trampolinsprung und Augenbewegung: Eine richtet sich über ein Spiegelsystem auf ein Auge, eine zweite Kamera von der Stirn des Athleten nach vorne, zwei weitere filmen die Bewegungsausführung des Sportlers. Mittels verschiedener mathematischer Verfahren kann dann die tatsächliche Blickrichtung des Athleten bei verschiedenen Sprüngen rekonstruiert werden.
Die Wissenschaftler vom Psychologischen Institut der Deutschen Sporthochschule Köln schauen seit einiger Zeit Trampolinturnern bei unterschiedlichen Übungen mit einem Eyetracker-System zu. Sie fixieren das Messgerät dafür auf dem Kopf des Athleten und filmen per Kamera über ein Spiegelsystem die Bewegung eines Auges. Eine zweite Kamera ist zugleich senkrecht zum Kopf in Höhe der Stirn angebracht. Sie gibt einen Einblick in das frontale Blickfeld des Springers. Zwei weitere Kameras filmen die Bewegungsausführung des Sportlers. Mittels verschiedener mathematischer Verfahren kann dann die tatsächliche Blickrichtung des Athleten bei verschiedenen Sprüngen rekonstruiert werden.

Auf dem Sprung

Die Kölner Sportwissenschaftler baten verkabelte Anfänger und Experten des Trampolinsports auf das Gerät und ließen sich verschiedene Sprünge vorführen. Das abverlangte Programm reichte von einfachen Sprüngen und Salti bis hin zum Doppelsalto mit doppelter Schraube. Die ersten Untersuchungen deuten nun auf Unterschiede zwischen Anfängern und Experten bei gleichen Sprüngen hin.

Beim einfachen Salto rückwärts scheinen Experten mehr, aber diskretere Fixpunkte zu suchen als Anfänger. So fixiert ein erfahrener Könner beim Absprung zunächst das Trampolintuch. Mit dem Abflug heftete sich sein Blick dann schnell an einen Punkt an der Decke. Kurz vor und während der Landung wird dann erneut das Trampolintuch fixiert. Beim Anfänger fehlt die Fixierung an der Decke dagegen in den meisten Fällen.

Ein Doppelsalto mit doppelter Schraube | Die Momentaufnahme zeigt den Athleten und seine Blickrichtung bei einem Doppelsalto mit doppelter Schraube.
Jeweils andere Blickstrategien verfolgen Experten auch beim Salto rückwärts in gehockter beziehungsweise gestreckter Ausführung: Das oben genannte Fixieren der Decke geschieht beim gestreckten Salto bereits kurz vor Verlassen des Trampolintuches. Komplizierter, aber zugleich interessanter wird die Beschreibung der Blickstrategien, wenn kombinierte Salto- und Schraubenbewegungen ausgeführt werden.

Die Sportpsychologen sehen sich auf einem guten Weg, mit ihren Daten in Zukunft Trainingsprogramme zu optimieren: Wüsste man etwa, wie sich Experten mit ihren Augen im Raum orientieren und könnte daraus bestimmte Muster ableiten, dann könnte die Entwicklung solcher günstiger Blickstrategien trainiert und Augenbewegungen gezielt dorthin gelenkt werden, von wo aus der Athlet eine größtmögliche Information zur Steuerung seiner eigenen Bewegungen zu erwarten hat.

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