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News: Aus dem Takt

Warum fällt es manchen Kindern so schwer, Lesen und Schreiben zu lernen? Eine Ursache für Legasthenie könnte in einer gestörten Wahrnehmung für die Sprachrhythmik liegen.
Lesen- und Schreibenlernen gilt als kinderleicht, und dennoch gibt es Kinder, die diese Grundfertigkeiten unserer Kultur erheblich verzögert und unter großen Schwierigkeiten erlernen. Bei den Ursachen dieser Legasthenie genannten Störung, die nichts mit fehlender Intelligenz oder schlechtem Schulunterricht zu tun hat, tappt die Wissenschaft noch im Dunkeln. Vermutet werden Störungen in bestimmten informationsverarbeitenden Bereichen des Gehirns, beispielsweise in den Sehzentren.

Doch Usha Goswami vom University College London und ihre Kollegen vermuten die Störung eher in den Hörzentren – und zwar in den Bereichen, die für Wahrnehmung der Sprachrhythmik zuständig sind. Diese Rhythmik, die sich beispielsweise in den unterschiedlichen Silben eines Wortes widerspiegelt, beruht in erster Linie auf plötzlichen Veränderungen in der Schallamplitude: Ändert sich die Amplitude, also die Stärke des Schalls, in weniger als 120 Millisekunden, so nehmen wir das als deutlichen Takt wahr; dauert die Änderung länger als 250 Millisekunden, dann hören wir dagegen nur eine Änderung der Lautstärke.

Und diese unterschiedliche Wahrnehmung testeten die Wissenschaftler bei elfjährigen Schülern. Von den insgesamt 101 Kindern litten 24 unter Legasthenie, während weitere 28 dagegen eine besonders hoch entwickelte Lesefähigkeit zeigten. Die Kinder sollten Schallreize voneinander unterscheiden, deren Amplitude sich entweder innerhalb von 15 Millisekunden oder von 300 Millisekunden veränderte.

Um ihren kleinen Versuchspersonen das Experiment etwas schmackhafter zu machen, sicherten sich die Forscher die tatkräftige Unterstützung durch die Figuren aus Alan Alexander Milnes berühmten Kinderbuch "Pu der Bär": Den 300 Millisekunden-Reiz vertrat Pu, indem er an einem Strohalm herunter glitt, während Tieger und I-Ah durch rhythmisches Schaukeln den 15-Millisekunden-Stimulus erzeugten. Die Kinder mussten dann nur noch die gehörten Geräusche den entsprechenden Figuren zuordnen.

Und die Ergebnisse waren eindeutig: Während die meisten Kinder keine Probleme hatten, die Geräusche von Pu gegenüber denen von Tieger und I-Ah deutlich voneinander zu unterscheiden, taten sich die Legastheniker hier erheblich schwerer. Auf der anderen Seite schnitten junge Leseratten besonders gut ab.

Daraus schließen die Wissenschaftler, dass Legastheniker besondere Probleme haben, die Rhythmik der Sprache sicher wahrzunehmen. Dadurch können sie schlechter die Silben der einzelnen Worte voneinander trennen und werden deshalb besonders anfällig für die Tücken der Rechtschreibung.

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