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Mumienforschung: "Auspacken, drauflegen, reingucken!"

spektrumdirekt-Außenreporter Jan Dönges sieht sich von Angesicht zu Angesicht einer ägyptischen Mumie gegenüber. Und behält einen kühlen Kopf.
Mumie im CTLaden...
Es könnte eine Einbalsamierung erster Klasse gewesen sein, die die Ägypterin bekam: sauberer Schnitt in den Bauchraum, feinste Substanzen und Harze, Goldauflagen. Hier konnten die Einbalsamierer alle Register ihrer Kunst ziehen. Heute, 2400 Jahre später, bekommt es die Dame erneut mit Hightech zu tun: Ein Hochleistungscomputertomograf soll in ihr Inneres blicken. Und die Presse – und das heißt in diesem Fall auch: ich – darf zuschauen.

Für den Ansturm der Medienvertreter ist der CT-Raum an der Mannheimer Uniklinik eindeutig nicht ausgelegt. Man tritt sich gegenseitig auf die Füße, verstellt die engen Gänge. Hier wird die Mumie wohl oder übel durchkommen, argwöhne ich. Der knappe halbe Meter Luft, der dann Leichnam und Reporter trennen wird, lässt viel Raum für gemischte Gefühle in der Magengegend. Gott sei Dank gibt es Brezeln.

Anlass für die Einladung ist eine kürzlich von der Firma Siemens vermittelte Kooperation: Das hiesige Institut für Radiologie stellt dem German Mummy Project der Curt-Engelhorn-Stiftung und den Mannheimer Reiss-Engelhorn-Museen seinen leistungsfähigsten Scanner zur Verfügung. Zwölf der insgesamt 40 Mumien im Projekt sollen hier in die Röhre geschoben werden, und Nummer drei fährt soeben in einem silbernen Transporter vor.

Röntgen statt Skalpell

Die verschlossene Sperrholzkiste, die daraufhin in den Röntgenraum geschleppt wird, wirkt wenig standesgemäß für ein so bedeutendes Objekt – und nicht gerade Vertrauen einflößend: Fiel nicht auch Tutanchamun-Entdecker Carter einem heimtückischen Grabespilz zum Opfer? Wir seien schließlich nicht ohne Grund im Krankenhaus, werden schlechte Scherze mit den berechtigten Sorgen einiger Anwesender getrieben. Die speziell angepasste, klimatisierte Transportbox sei aus Gewichtsgründen zu Hause geblieben, erklärt Projektleiter Wilfried Rosendahl von den Reiss-Engelhorn-Museen. Eine Infektionsgefahr bestehe trotzdem nicht.

Anlieferung in der HolzkisteLaden...
Anlieferung in der Holzkiste | In einer einfachen Holzkiste wurde die Mumie vom Museum in die Klinik transportiert. Normalerweise hat sie ihre eigene voll klimatisierte Transportbox.
Von den computertomografischen Aufnahmen der wertvollen Fundstücke versprechen sich die Wissenschaftler eine Fülle an Detailerkenntnissen, an die man andernfalls nur mit Hilfe eines Skalpells gelangen würde. Das aber ist heutzutage ausgeschlossen. Im Gegenteil: Eine seiner wichtigsten Aufgaben sieht das Mannheimer Forschungsprojekt in der Restaurierung der Mumien. Durch fachgemäße Behandlung will man dem zwar langsamen, aber dennoch unaufhörlichen Verfall entgegenwirken, wobei die Röntgendaten Unterstützung leisten. Dem Forschungsprojekt wurden eigens dazu Mumien von anderen Museen überlassen. Im Gegenzug dürfen die Mannheimer an den Objekten Forschung betreiben.

Wie gut die Computertechnik dabei helfen kann, demonstrierten die Reiss-Engelhorn-Wissenschaftler übrigens kürzlich an einer peruanischen Frauenmumie. Bei einer früheren Durchleuchtung waren ihnen in deren fest verschnürten Händen zwei rätselhafte Objekte aufgefallen – ein Detail, das ihnen ohne den Röntgeneinblick zwangsläufig entgangen wäre. Doch mehr noch: Die Technik ermöglichte überhaupt erst eine Identifizierung der mutmaßlichen Glücksbringer.

Geheimnisvolle Talismane

Dazu mussten die Wissenschaftler die Objekte sozusagen aus den geschlossenen Händen herauskopieren. Mit Hilfe des Rapid-Prototyping-Verfahrens fertigten sie anhand der 3-D-Daten ein exaktes Kunststoffmodell der unförmigen Klumpen an. Erst jetzt zeigte sich: Es waren zwei Milchzähne, die man der Südamerikanerin nach dem Tod in die Hand gedrückt hatte.

Die Nachbildung der ZähneLaden...
Die Nachbildung der Zähne | Die Nachbildung der Kinderzähne mit dem Rapid-Prototyping-Verfahren. Rechts befindet sich der Backenzahn, links der Eckzahn.
"Vor ziemlich genau 20 Minuten sind die neuesten C-14-Daten reingekommen", klärt uns Rosendahl auf. Die Frauenmumie ist rund 2400 Jahre alt. Sehr viel mehr weiß man allerdings nicht über das Leihstück aus dem Museum für Naturkunde in Basel. Wo sie einst beerdigt war, ist ebenso unbekannt wie die Identität der Toten. "Biografische Daten bekommen wir eigentlich nur über den Sarkophag", meint der Forscher – sofern es denn der richtige ist. Eine vor Kurzem an gleicher Stelle untersuchte Männermumie sei im Sarg von Pharao Amenophis I. bestattet worden. "Mit wem wir es tatsächlich zu tun haben, können wir nicht sagen. Nur so viel: Amenophis ist es nicht, der liegt im Museum in Kairo."

Über die Einbalsamierungspraxis im alten Ägypten hat bereits der griechische Geschichtsschreiber Herodot ausführlich berichtet. Von ihm stammt auch die Information, dass die Behandlung in drei Klassen angeboten wurde: Von billig bis extrem teuer konnten die Angehörigen bestimmen, wie kostbar präpariert der Verstorbene ins Jenseits reisen sollte. Die Hinterbliebenen der ägyptischen Frau aus Basel hatten sich die Einbalsamierung wohl einiges kosten lassen. Davon künden die Goldauflagen, die man noch immer erkennen könne und die nun auch unsereins endlich zu sehen bekäme. "Auspacken, drauflegen, reingucken", sagt Rosendahl, sei der einzige Weg, um mehr herauszufinden.

Pfeilwunde oder Schädelbruch?

Es dauert einige Augenblicke, bis ich mich an den Anblick des dürren, schwärzlichen Leichnams gewöhnt habe. Was da aus der Kiste gehoben wird, ist nicht das erwartete runde Leinenbündel, eine Mumie, sorgsam verpackt in eine Unmenge Stoff. Irgendwann auf der Reise von ihrem Grab in Ägypten in den Mannheimer CT-Raum wurde die Frau ausgewickelt. Vor 100 Jahren war das gängige Praxis, diente sogar zur gruseligen Abendunterhaltung.

Bevor es losgehtLaden...
Bevor es losgeht | Wilfried Rosendahl von den Reiss-Engelhorn-Museen (ganz links) erläutert einige mit bloßem Auge erkennbare Details, bevor die Mumie in den Computertomografen geschoben wird. Bei der eigentlichen Untersuchung übernehmen Katrin Koziel (rechts) und Christian Fink (links) die Regie.
Jetzt liegt sie nackt und bloß auf der Liege des Scanners. Ein Laser zeichnet ein rotes Kreuz auf ihre Stirn. Nächster Schritt ist das prüfende Einsaugen der Raumluft: Ich will mich nicht von einem möglicherweise unangenehmen Geruch unvorbereitet treffen lassen. Aber auch hier Entwarnung. Nach erster Inaugenscheinnahme tippe ich auf eine Pfeilspitze im Rücken unserer Mumie als Todesursache, vielleicht auch auf einen Schädelbasisbruch als Ergebnis hofinterner Intrigen. Von mir aus kann's losgehen.

Rosendahl legt Wert auf die Feststellung, dass hier nicht etwa der Presse zuliebe eine Showuntersuchung betrieben werde: "Wir machen mit jeder Mumie alles nur ein einziges Mal." Die Aufnahmen, die heute angefertigt werden, seien diejenigen, die auch später in die Analyse kommen. Man habe sich die Behandlungsweise der Körper von der Ethikkommission des Internationalen Museumsrats absegnen lassen.

Die Mumie wird geröntgt

Insbesondere im Vorfeld der großen, im vergangenen Jahr zu Ende gegangenen Mumienausstellung des Museums, die jetzt in der Ötzi-Heimat Bozen Station macht, hatte es Kritik gegeben. Der Direktor des Ägyptischen Museums in Berlin hatte seinen Mannheimer Kollegen in einem Interview beispielsweise "Mumienpornografie" vorgeworfen. Diskussionen um die ethische Zulässigkeit der Mumienforschung begleiten das Projekt seitdem. Und apropos "Ötzi": "Bei mir bekommt keine Mumie einen Spitznamen", macht Rosendahl meine Hoffnungen auf einen knackigen Aufmacher zunichte.

Während die "Baseler Frauenmumie" also von Privatdozent Christian Fink, der das Projekt von Seiten der Uniklinik betreut, und seiner Assistentin noch sorgfältig positioniert wird, nimmt die gut 20 Köpfe zählende Reporterschar hinter Glas Aufstellung. Das Kämmerchen ist normalerweise ausschließlich für CT-Bediener und Arzt vorgesehen. Blitzschnell entscheide ich mich für den Bildschirm der Bedienerin. Weil ich mein linkes Bein zwischen den Dreifuß einer Fernsehkamera schiebe und das rechte unter einen Stuhl, kann ich das Geschehen auf dem Monitor recht gut mitverfolgen. Leider liefert der von Dr. Fink die besseren Aufnahmen. Sobald der Kameramann neben mir die Perspektive wechselt, werde ich meine Chance nutzen.

Christian Fink kommentiert erste BefundeLaden...
Christian Fink kommentiert erste Befunde | Privatdozent Christian Fink kommentiert die nach und nach auf dem Monitor auftauchenden Bilder. Die Mumie hat zahlreiche Brüche und einen eingedellten Wirbel. Bis zu ihrem Tod scheint die Frau allerdings ein gesundes Leben geführt zu haben.
Dass Rosendahl dem Trubel ins Nachbarzimmer entflieht, interessiert mich nicht weiter. Ich jedenfalls werde alle Entdeckungen live mitbekommen. Fink fährt mit dem Mauszeiger über den Monitor. "Hier haben wir einen Bruch des linken Unterarms. Das ist aber wahrscheinlich nicht mehr zu Lebzeiten passiert." "Fraktur Elle links, post mortem", protokolliere ich souverän. "Und hier sieht man Bandagen, die bei der Einbalsamierung den Oberkörper auffüllen sollten." – "Bandagen od. Papyrus-Rollen (?) im Thoraxbereich." Weitere Aufzeichnungen betreffen "Körperl. Allgemeinzustand: gut", "keine hochgradige Osteoporose" und "Zähne kompl., inkl. Weisheitszahn".

Erste Zwischenergebnisse

Aus den Reihen der Umstehenden wird der Ruf nach einer Ad-hoc-Bestimmung des Individualalters laut. "Zwischen 20 und 40 Jahren", schätzen Rosendahl und Fink unisono, was man aber auch vorsichtig schon zuvor vermutet habe. Die Vielzahl der weiteren Knochenbrüche nehme ich jetzt nur noch sporadisch auf: Offenbar hat man die Mumie vor einiger Zeit nicht eben pfleglich behandelt.

Natürlich wird die Auswertung der 16 000 bis 20 000 Einzelbilder umfassenden Ganzkörperaufnahme ihre Zeit dauern. Knochenlängen etwa müssen vermessen werden und der Körper nach schwerer zu entdeckenden Auffälligkeiten abgesucht werden. Vielleicht gibt ja eine der Verletzungen doch noch Aufschluss über Episoden aus dem Leben der Frau.

"Mumien ins CT zu legen, ist an sich nichts Neues", räumt Rosendahl ein. Aber Christian Fink erläutert die Vorzüge des neuen Scanners. Mit der "Dual Energy Technik", bei der das Objekt von zwei Röntgenquellen mit unterschiedlicher Stärke durchleuchtet wird, könnten Knochen und Gewebe deutlich besser dargestellt werden. Insbesondere habe man bei der herkömmlichen Technologie Probleme, zwischen den Bandagenresten und der Haut zu unterscheiden. Außerdem sei der neue Scanner wesentlich schneller. "Bei Patienten können wir damit das schlagende Herz bewegungsfrei darstellen. Bei der Untersuchung der Mumien spielen Körperbewegungen selbstverständlich keine Rolle."

Gedanken auf dem Nachhauseweg

Angesichts der Vielzahl weltweit bereits ausführlich untersuchter ägyptischer Mumien seien die aus anderen Weltgegenden in der Regel spannender, meint Rosendahl. Auch Tote aus der Zeit des Dreißigjährigen Kriegs kommen in den Tomografen. "Wir sammeln Bausteine über Leben und Leiden der jeweiligen Zeit", sagt Rosendahl – ablesbar an Erkrankungen und Abnutzungserscheinungen, die nur bei der Durchleuchtung sichtbar werden.

Die vermeintliche Babymumie stammt von einem KleinkindLaden...
Die vermeintliche Babymumie stammt von einem Kleinkind | Was dem Äußeren nach eine Babymumie zu sein schien, stammt tatsächlich von einem Kleinkind. Erst im CT war erkennbar, wie die Beine nach oben geschoben wurden: Der Schenkelhals sitzt auf Höhe des Schlüsselbeins.
Während ich mich auf dem Nachhauseweg in den Fluren der Uniklinik verlaufe, beglückwünsche ich mich dazu, mich nicht vom Fieber der anderen angesteckt haben zu lassen. Was Mumienroutiniers wie ich schon immer ahnten, bestätigt auch der Forscher: Natürlich besteht die Arbeit der Wissenschaftler aus langwieriger Detailarbeit. Bis beispielsweise die Dual-Energy-Berechnungen vorliegen, wird noch einige Zeit vergehen.

Nicht immer ist der Blick ins Innere so spannend wie in dem Fall einer vor Kurzem untersuchten vollständig eingewickelten Babymumie. Hier hatten Ägyptologen beim Lesen der Bandagen festgestellt, dass Teile der daraufgeschriebenen Geschichte fehlen. Erst im CT wurde klar, warum: Bei dem Toten handelte es sich um ein Kleinkind, dessen Mumie vielleicht von Grabräubern beschädigt wurde. Beim Reparieren schoben die Einbalsamierer die Körperteile einfach zusammen und packten den Leichnam in Säuglingsgröße neu ein. Die fehlenden Teile der Geschichte blieben auf der Strecke.
29. Woche 2009

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 29. Woche 2009

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