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Ozeane: Außergewöhnliches Treibgut erreicht Antarktis

Heftige Winde und Strömungen isolieren die Antarktis relativ stark vom Rest der Welt. Meeresforscher waren daher überrascht, als sie ein spezielles Strandgut entdeckten.
Seeelefant ist unbeeindruckt vom Seetang

Als »Roaring Forties« und »Furious Fifties« kennen Seeleute die berüchtigte Zone starker Westwinde auf der Südhalbkugel mit regelmäßigen Stürmen und hohen Wellen. Dieses Windband und Meeresströmungen rund um den Eiskontinent sorgen jedoch dafür, dass die Antarktis relativ isoliert vom Rest des Planeten ist – inklusive einer sehr eigenen Tier- und Pflanzenwelt. Der chilenische Wissenschaftler Erasmo Macaya von der Universidad de Concepción war deshalb sehr überrascht, als er während eines Forschungsaufenthalts Seetang an einem antarktischen Strand entdeckte. Niemand zuvor hatte in der Region angeschwemmte Braunalgen bemerkt oder zumindest beschrieben, weshalb sich Macaya und Kollegen an eine Analyse des Treibguts machten, deren Ergebnisse sie in »Nature Climate Change« vorstellten.

Ursprünglich stammte der Seetang von den zu Frankreich gehörenden Kerguelen-Inseln sowie vom britischen Überseeterritorium South Georgia, wo die Pflanzen wahrscheinlich von Stürmen losgerissen wurden. Bis zum Zielort legten sie rund 20 000 Kilometer zurück, was eine der längsten Treibgutstrecken ist, die bislang nachverfolgt wurden. Bisher waren Meeresforscher davon ausgegangen, dass Treibgut aus diesen Breiten von den Westwinden und den vorherrschenden Meeresströmungen nach Norden verfrachtet würde – die Antarktis erreicht es auf diese Weise eigentlich nicht. Auch eine Computersimulation bestätigte diese These anfänglich. Als die Forscher in ihre Modelle starke antarktische Stürme einfließen ließen, änderte sich das Bild: Die dabei auftretenden riesigen Wellen durchbrechen quasi die zirkumpolaren Strömungen und damit auch die Isolation der Antarktis. Dank der so genannten Stokes-Drift, bei der das Material in Richtung der Wellenausbreitung reist, gelangte der Seetang in den Antarktischen Ozean und schließlich an die Küste.

Der Fund dürfte kein Einzelfall sein: Während einer späteren Schiffsexpedition rund um die Antarktis bemerkten Wissenschaftler an Bord treibenden Seetang vor der Antarktischen Halbinsel und der Ostantarktis. Gegenwärtig können die Pflanzen in südpolaren Gewässern noch nicht überleben, doch erwärmen sich Teile der Region rapide, so dass sich das durchaus mittelfristig ändern kann. »Der Tang wächst nicht in der Antarktis, aber wir wissen jetzt, dass er dorthin gelangen kann. Er kann also auch als Floß für andere Pflanzen und Tiere aus der Gezeitenzone dienen«, so Macaya. Die sturmbedingte Stokes-Drift werde zudem von Modellen noch nicht richtig abgebildet, sie könnte aber auch für anderes Treibgut wie Plastikmüll, Teile abgestürzter Flugzeuge oder von Tsunamis abgerissene Infrastruktur wie nach dem Starkbeben in Japan 2011 von Bedeutung sein, meinen die Wissenschaftler.

29/2018

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 29/2018

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