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Angemerkt!

Außerirdische Ente paddelt um die Erde

„Tunguska-Rätsel gelöst: Aliens haben durch Abschuss eines gewaltigen Meteors die Menschheit vor dem Untergang gerettet“. So und ähnlich tickerte kürzlich eine Meldung um die Welt, die Fachleute zum Kopfschütteln und manchen Journalisten zum Abschreiben brachte.
Tunguska 1927
Tunguska 1927
Tunguska 1927 | So fand der russische Forscher Leonid Kulik die Region um Tunguska im Jahr 1927 vor.
Eines der großen Rätsel des 20. Jahrhunderts ist die Explosion im Tunguska-Tal. Am 30. Juni 1908 um kurz nach 7 Uhr hatte ein gigantischer Lichtblitz am Himmel der ostsibirischen Taiga die Bewohner im weiten Umkreis aufgeschreckt. Noch in 800 Kilometer Entfernung war der gewaltige Knall zu hören gewesen. Einige Augenzeugen berichteten von mehreren Explosionen und die frei werdende Hitze soll bis in 100 Kilometer Entfernung zu spüren gewesen sein. Bis heute ist unklar, was dort vor fast 100 Jahren explodierte, und das ist auch gut so. Ungeklärte Phänomene sind der Stoff, aus dem das Futter ausgehungerter Journalisten am spärlichen Informationsbuffet in heißen Sommermonaten ist – und so manche Zeitungsente.

Tunguska heute
Tunguska heute | Auch heute, mehr als 90 Jahre später, zeugen umgeknickte Bäume noch von der gewaltigen Explosion.
Heutzutage kann man den Medienmachern nicht mit langweiligen Geschichten, wie etwa der Vermutung, dass dort ein herkömmlicher Meteorit eingeschlagen sei, kommen. Diese Theorie hinkt zudem, da weder ein Krater noch Teile eines Meteoriten gefunden wurden. Auch die Vorstellung, dass sich schlicht und ergreifend ausströmendes Erdgas entzündet haben könnte und detonierte, reißt keinen Redakteur vom Hocker. Doch im Sog des großen schwarzen Sommerlochs haben selbst die skurrilsten Meldungen eine Chance auf Verbreitung – und so schlug auch die Nachricht von der Rettung durch Aliens im August wie eine Bombe ein. Der russische Hobbywissenschaftler Juri Labwin soll schon vor Antritt seiner Tunguska-Expedition prophezeit haben, er werde Hinweise für den Absturz eines Ufos finden. In weiser Voraussicht druckten einige Journalisten die Ankündigung bereits Ende Juli ab, um im Ernstfall der Nachrichtenflaute ein Ass im Ärmel zu haben. Und siehe da, nur rund zehn Tage später die unfassbare Meldung: Labwin und sein Team sollen an der Explosionsstelle von 1908 Wrackteile eines Raumschiffes entdeckt haben. Ein metallener Gegenstand, der angeblich ebenfalls ausgegraben wurde, soll von dem Projektil stammen, mit dem die Aliens uns das Leben retteten.

Labwin glaubt anscheinend, dass Außerirdische an jenem historischen 30. Juni einen Meteor kurz vor dem Aufprall auf der Erde abschossen, um die menschliche Zivilisation vor dem Untergang zu bewahren. Unter Einsatz ihres Lebens feuerten sie auf den zerstörerischen Brocken, der daraufhin explodierte. Durch die Detonation stürzte das Raumschiff der unbekannten Helfer tragischerweise ab – aber das ist nun einmal das Berufsrisiko selbst extraterrestrischer Bodyguards.

Auch für die Tatsache, dass trotz zahlreicher Untersuchungen bis heute kein Mensch etwas an der Absturzstelle fand, hat Labwin eine Erklärung, die den Journalisten offensichtlich einleuchtete. Nur dank seiner genialen Idee, das Gebiet mit Metalldetektoren abzusuchen, stieß er auf Wrackteile, die unter umgestürzten Bäumen begraben waren.

Ausgehend von russischen Nachrichtenagenturen wie Interfax und der Moskauer Website MosNews paddelte die Ente los und schaffte es bis in die russische Zeitung Prawda. Internationale Agenturen von China bis Australien schnatterten nach, was sie dort lasen, und verhalfen der Ente wohl vorsätzlich innerhalb von 48 Stunden zu einem Höhenflug bis in die Washington Times – Sommerloch gefüllt!
19.08.2004

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 19.08.2004

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