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Welterbe in Gefahr: Ausverkauf eines Kronjuwels

Der Grand Canyon ist einer der berühmtesten Nationalparks weltweit und Heimat einer vielfältigen Tier- und Pflanzenwelt. Doch Klimawandel, Massentourismus und Uranabbau könnten ihn zu einer toten Kulisse verkümmern lassen.
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Rote, mit Kiefern und Wachholder bewachsene Hänge und ausladende gelbe Schotterpisten münden in Schwindel erregend tiefe Schluchten. Wanderer müssen ihre Füße bedacht setzen, um auf dem Geröll nicht ins Rutschen zu geraten. In anderthalb bis zwei Kilometer Tiefe schlängelt sich der Colorado River. Winzig sieht er von oben aus und hat doch in der vergleichsweise kurzen Zeitspanne von vielleicht nur fünf Millionen Jahren diese spektakuläre Landschaft gestaltet, in der die Gesteinsschichten wie Jahresringe von den Zeitaltern der Erdgeschichte zeugen. So gilt der Grand Canyon als berühmteste Schlucht der Welt, zählt zum UNESCO-Weltnaturerbe und ist der am zweithäufigsten besuchte Nationalpark der USA: »Er ist ein Wunder und eine großartige Erfahrung«, begeistert sich Larry Stevens. Der Zoologe leitet das Springs Stewardship Institute in Flagstaff, eine Initiative zum Schutz der Quellen in den westlichen Vereinigten Staaten. Seit über vier Jahrzehnten forscht er im Grand Canyon und sorgt sich zunehmend um dessen Erhaltung: »Der Canyon und das ihn umgebende Colorado-Plateau werden aufs heftigste ausgebeutet.«

Der Grand Canyon ist ein sensibles Mosaik diverser Ökosysteme: In Nordarizona gelegen, vermittelt er auf engstem Raum eine Reise durch fünf Klimazonen von Kanada nach Nordmexiko. An den höchsten Stellen des North Rim, also des Nordhangs, wechseln sich warme Sommer und kalte Winter mit bis zu fünf Meter dicken Schneedecken ab. Am niedriger gelegenen South Rim gibt es spärlich bewachsene Halbwüsten ebenso wie ausgedehnte Wälder der Ponderosa-Kiefer. An den Hängen und Kliffs trotzen Beifuß, Wachholder und die robuste Pinyon-Kiefer den Temperaturen von über 40 Grad Celsius in praller Sonne. Unten im Tal ist man in der Wüste zwischen Kakteen und einigen dürreresistenten Sträuchern angekommen. Nur der Colorado River und die wenigen Zuflüsse bilden sattgrüne Streifen im kargen Rotbraun. Sie und auch die kostbaren Quellen und Sickerstellen zwischen den Felsen ermöglichen die Existenz einer vielfältigen Pflanzen- und Tierwelt – darunter Dickhornschafe, Klapperschlangen oder der seltene, wieder angesiedelte Kalifornische Kondor, der über dem Canyon seine Kreise zieht.

Zu gut drei Viertel seiner 450 Kilometer ist der Grand Canyon als Nationalpark ausgeschrieben: »Mittlerweile besuchen ihn über sechs Millionen Menschen pro Jahr«, berichtet Stevens. Fast alle entscheiden sich für den spektakulären South Rim fünf Autostunden von Las Vegas entfernt. Eine weitere Million steuern den West Rim an: Er liegt außerhalb des Parkgeländes und wird von den indigenen Hualapai verwaltet. Zusammengenommen sind das etwa sämtliche Einwohner Bulgariens – in wenigen Jahren Österreichs, wenn der Aufwärtstrend anhält. Hunderte Helikopterflüge pro Tag lassen besonders entlang des West Rim die majestätische Szenerie zum Bienenstock mutieren. Kritiker befürchten, der Canyon könne zum Erlebnispark mutieren. »Aber vor allem benötigen all diese Menschen Wasser«, betont Stevens: »Es wird von den Quellen in der Schlucht hinaufgepumpt und ist für die trockene Region eine andauernde Belastung.« Ein Mammutprojekt könnte dieses Problem eskalieren lassen. Meist wird es mit dem Ortsnamen Tusayan bezeichnet.

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Touristen am Grand Canyon | Der Nationalpark gehört zu den am meisten besuchten der USA – zu den Hauptreisezeiten drängen sich die Massen an den beliebtesten Aussichtspunkten.

Der Kampf ums Wasser

Jenseits des Canyons steht das Land zumeist unter Verwaltung des US Forest Service, einer Behörde des Landwirtschaftsministeriums. Hier fließt zwischen den Bodenschichten das Grundwasser, das in den Schluchten die Quellen und Sickerstellen speist. Und hier liegt am Highway zum South Rim das 600-Seelen-Örtchen Tusayan. Vom Flughafen aus starten Helikopter, es gibt sieben Hotels und einen Campingplatz: »Doch die italienische Investorgruppe Stilo besitzt Land bei Tusayan und plant, den Ort wesentlich zu erweitern«, schildert Stevens. Unter anderem geht es um über 2000 Häuser, ein Spa, diverse Hotels und eine Ferienranch. »Für all dies braucht man ungeheure Mengen an Wasser«, führt Stevens aus: »Und wenn Stilo hier nach Grundwasser bohrt, würde das viele Quellen im Canyon erheblich schwächen oder versiegen lassen.«

In der oft sengend heißen Schlucht sind Wildtiere und auch Wanderer auf die Wasserstellen angewiesen. Und viele Quellen sind von Bedeutung für indigene Stämme: »Es wäre ein ungeheurer Verlust für die Ökologie und die kulturelle Vielfalt und würde den Charakter des Canyons erheblich verändern.« Seit gut zwei Jahren liegen die Pläne auf Eis. Eine notwendige Straße würde über Land des Kaibab National Forest führen und wurde von Leiterin Heather Provencio nicht genehmigt: »Doch Stilo macht weiterhin Druck. Es ist sehr wahrscheinlich, dass das letzte Wort noch nicht gesprochen ist«, vermutet Stevens.

Gerade auch im Hinblick auf den Klimawandel sei es wichtig, den Wasserhaushalt des Canyons zu schützen – das betont Cerissa Hoglander, Leiterin der Abteilung Landmanagement von der Naturschutzorganisation Grand Canyon Trust. »Durch weniger Niederschlag und höhere Verdunstung trocknet das Becken des Colorado River immer stärker aus«, weiß die Umweltwissenschaftlerin: »Schon jetzt bemerken Wissenschaftler geringere Fließmengen an Quellen.« Metropolen wie San Diego, Phoenix und Los Angeles und auch die Landwirtschaft beziehen Wasser aus dem Colorado: »Auf Dauer ist nicht nur die Ökologie des Flusses bedroht, sondern auch die Versorgung der Menschen.« Zwei Stauseen des Colorado River – Lake Powell stromaufwärts des Grand Canyon und Lake Mead stromabwärts – lagen Ende des Jahres nur bei 40 Prozent ihrer Kapazitäten. Erste Nutzungskonflikte zeichnen sich ab. Einige Naturschutzorganisationen fordern, den Lake Powell abzulassen und so die Verdunstung einzudämmen.

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Hubschrauber-Rundflug über dem Grand Canyon | Im Nationalpark sind Hubschrauberflüge mittlerweile eingeschränkt worden. Doch im benachbarten Havasupai-Reservat wird munter weitergeflogen – mit enormer Lärmbelästigung.

Staudämme verändern die Ökologie

Das würde auch der Flora und Fauna des Colorado River helfen: Derzeit fließt hier sehr kaltes Wasser vom Grund des Lake Powell, und der Staudamm verhindert natürliche Überflutungen und hält Sedimente zurück. »Einheimische Fische können sich an die neuen Bedingungen schwer anpassen, Sandbänke verschwinden und an den Ufern dominiert die Tamariske«, zählt Stevens auf. Die aus Eurasien stammende Baumart profitiert vom geregelten Wasserfluss. Da sie viel Feuchtigkeit aufsaugt und ganze Bäche austrocknen lassen kann, hat das US-Landwirtschaftsministerium einen Käfer ausgesetzt, der sich von ihren Blättern ernährt: »Tatsächlich ist die Tamariske in vielen Bereichen des Grand Canyon abgestorben. Allerdings weiß man nicht, ob der Käfer auf Dauer auch andere Pflanzen schädigt.«

Brände werden intensiver und geraten schneller außer Kontrolle, ergänzt Stevens: »Das liegt auch an den zu dichten Wäldern, die durch die Unterdrückung natürlich vorkommender Feuer entstanden sind.« Und am Cheatgrass, der ebenfalls invasiven Dach-Trespe: »Sie kommt vor allem auf überweideten Böden vor«, so Stevens. Über anderthalb Jahrhunderte haben Rinder, Schafe oder Pferde die kargen Böden übernutzt. Und auf dem North Rim leben mehrere hundert verwilderte Bisonhybride, im Volksmund schlicht Beefalos genannt. In der Region hat es niemals Bisons gegeben: »Doch sobald sie sich im Nationalpark aufhalten, dürfen sie nicht mehr bejagt werden«, erläutert Stevens. Die Tiere vermehren sich explosiv. Sie zerstören die Ufer, verkoten und wälzen sich in den kostbaren Wasserstellen und zertreten die ursprünglich heimische Vegetation. Das nachwachsende Cheatgrass ist besonders schnell entflammbar – und kann sich nach Bränden leicht regenerieren.

Mitarbeiter des Grand Canyon Trust renaturieren Quellen und testen Methoden, um die Ausbreitung der Dach-Trespe einzudämmen. Hoglander hat mit anderen Autoren einen Plan für die Landnutzer auf dem North Rim ausgearbeitet, mittels dessen sie sich besser auf die Folgen des Klimawandels einstellen können: »Und gemeinsam mit Landwirten und Landmanagern arbeiten wir daran, die Überweidung auf dem Colorado-Plateau zu reduzieren und heimische Grassorten zu fördern«, berichtet sie. Der Trust betreibt Öffentlichkeitsarbeit gegen den Ausbau des Örtchens Tusayan und bezieht Stellung gegen den Abbau fossiler Energieträger auf dem Plateau. Und besonders aktiv geht er gegen ein Problem vor, das auch Stevens als gravierendste Bedrohung für den Canyon sieht: »In großen Teilen des Colorado-Plateau ruhen Vorkommen an Uranerz«, schildert er. Und die Minenschächte durchqueren jene Grundwasservorkommen, die dem Canyon das bitter benötigte Wasser spenden.

Begehrtes Uran

Seit Mitte des vorigen Jahrhunderts wird auf dem Plateau Uran abgebaut. Der niedrige Uranpreis Ende der 1980er Jahre ließ die Konzerne flächendeckend die Minen stilllegen. Doch bedingt durch einen Boom Anfang der 2000er Jahre beantragten sie Tausende neuer Minen – und das zum Teil in unmittelbarer Nähe zum Nationalpark. Für diese Region sprach im Jahr 2012 die Regierung Barack Obamas ein temporäres Abbauverbot aus: Mehr als 20 Jahre soll das staatliche Forschungsinstitut U.S. Geological Survey Faktoren wie die Strömungen des Grundwassers untersuchen. Amber Reimondo, Leiterin der Abteilung Energie des Grand Canyon Trust, zweifelt daran: »Das Institut ist hoffnungslos unterfinanziert und liegt schon jetzt hinter dem Zeitplan. Für dieses Jahr hat die amtierende Regierung die Förderung komplett gestrichen.« Darüber hinaus gilt das Verbot nur für neu beantragte Minen. Davon ausgenommen ist zum Beispiel die Canyon Mine unweit von Tusayan und nur 15 Kilometer vom South Rim entfernt.

Die Canyon Mine wurde bewilligt, als die Uranpreise sanken, und lag etwa 25 Jahre brach. Vor drei Jahren nahm der Betreiber Energy Fuels ihre Erschließung wieder auf – und Naturschützer wie Ureinwohner laufen dagegen Sturm. »Der Stamm der Havasupai ist auf das Grundwasser angewiesen, das unter der Canyon Mine verläuft«, betont Reimondo: »Es ist ihre einzige Trinkwasserquelle.« Als einziger der acht Indianerstämme der Gegend leben die Havasupai nicht auf dem Plateau, sondern in einem Seitencanyon. Die Havasu-Quelle speist den gleichnamigen Bach, den die Havasupai zur Bewässerung der Felder nutzen und der durch seine pittoresken Wasserfälle und türkisfarbenen Bassins Touristen anzieht.

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Glen-Canyon-Damm mit Lake Powell | Der große Staudamm verändert nachhaltig die Ökologie des Colorado River: Statt des warmen und sedimentreichen Oberflächenwassers von früher strömt heute kaltes und eher klares Wasser unterhalb des Damms – woran viele Arten nicht angepasst sind. Da der Stausee in den vergangenen Dürrejahren deutlich geschrumpft ist, fordern viele Naturschützer, das Stauwerk abzureißen und dem Colorado wieder etwas mehr Freilauf zu geben.

Auf Nachfrage bei Energy Fuels nimmt der stellvertretende Marketingleiter Curtis Moore Stellung: »Trotz der Beschwerden einiger Kernkraftgegner ist Uranabbau in den USA streng reguliert und überwacht. Viele Kontrollsysteme und Absicherungen sorgen dafür, dass die Anlage das Grundwasser nicht belastet.« Reimondo hingegen weist auf Testbohrungen aus dem Jahr 2017 hin: »Energy Fuels hat die unterirdische Wassermenge unterschätzt, und ein Minenschacht ist geflutet. Seitdem wird pausenlos das kontaminierte Wasser abgepumpt. Da das Abwasserbecken längst voll ist, geben sie es mit Sprühanlagen in die Luft ab, und es verseucht die Gegend rund um die Canyon Mine.« Derzeit stagniert der Betrieb, da die Uranpreise gesunken sind. Die Pumpen laufen kontinuierlich weiter.

Nach Untersuchungen des U.S. Geological Survey sind 15 Quellen und 5 Senken im Grand Canyon radioaktiv belastet. Als Ursache vermuten Wissenschaftler stillgelegte Minen in der Nähe. Die Pinenut Mine am Nordhang wurde im Jahr 2009 wieder geöffnet – dabei traten mehrere Millionen Liter kontaminiertes Wasser aus. Im nahe gelegenen Reservat der Navajo vergiften noch immer 500 Minen aus den 1940er bis 1980er Jahren das Grundwasser. Die Menschen in den betroffenen Gebieten leiden an Krebs und Nierenkrankheiten, berichtet Reimondo: »Schon Babys haben erhöhte Uranwerte im Blut.«

Der Abbau nütze lediglich den Konzernen, erklärt Reimondo: »Das bis heute in den USA geförderte Uran reicht sowohl für militärische als auch zivile Zwecke bis zum Jahr 2060.« Und selbst unter besten Marktbedingungen könne der Uranabbau nur 600 zeitlich begrenzte Arbeitsplätze in ganz Nordarizona liefern: »Der Tourismus bringt 18 000 Jobs, die Hälfte davon allein im Nationalpark.« Larry Stevens sieht die Touristen als Alliierte: »Das öffentliche Interesse hilft, den Canyon vor mehr Raubbau zu schützen. Aber wir benötigen eine sanftere Form von Tourismus und vor allem mehr Aufklärung.«

Die Havasupai, der Grand Canyon Trust und andere Organisationen haben vor Gericht mittlerweile die Möglichkeit errungen, die Bewilligung der Canyon Mine anzufechten. Und Ende Februar stellte der US-Kongressabgeordnete Raul Grijalva einen Gesetzentwurf vor, der das Abbauverbot auf unbegrenzte Dauer ausdehnen soll. Allerdings muss das Gesetz den Ausschuss für Natürliche Ressourcen und den Senat passieren und schließlich vom Präsidenten bewilligt werden. Zudem diskutiert das Handelsministerium eine Quote für die Nutzung inländisch geförderten Urans. »Diese Entwicklung könnte genug politischen Druck erzeugen, um das Abbauverbot ganz aufzuheben«, fürchtet Reimondo und bilanziert: »Wir haben noch einen langen Weg vor uns.«

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