Neurodivergenz: Menschen mit Autismus kommen in den Flow

Beim »Flow« ist man vollkommen in eine Tätigkeit vertieft. Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung können solche Zustände womöglich leicht erreichen, und diese Erfahrung scheint für ihre Psyche wichtig zu sein. Darauf deutet eine qualitative Studie aus England hin, für die ein Team um Daniella Wain von der York St John University ausführliche Interviews mit zehn Betroffenen geführt und ausgewertet hat.
Flow-Erlebnisse spielen den Gesprächen zufolge eine zentrale Rolle für das Wohlbefinden autistischer Menschen: Sie helfen ihnen, sich angesichts von Reizüberflutung oder Überforderung wieder zu regulieren. Die Befragten fühlen sich dann wie »in ihrer eigenen Welt« oder »in einer Blase«, sei es beim Bogenschießen, Rudern oder kreativen Schreiben. Störungen wie Lärm, Gespräche oder grelles Licht lösen dagegen Stress aus.
Bei Menschen mit Autismus-Spektum-Störung fördern bekannte Umgebungen, eine stark fokussierte Aufmerksamkeit, rhythmische Bewegungen oder eine vertraute Geräuschkulisse den Übergang in die geistige Versenkung. Viele Teilnehmende hatten bereits eigene Strategien und Rituale entwickelt, beispielsweise indem sie die Tätigkeit immer zu festen Zeiten oder am selben Ort ausführen.
Autistische Verhaltensweisen, die oft als »defizitär« betrachtet werden – wie das »Stimming«, also selbststimulierende, wiederholte Bewegungen –, könnten daher unter anderem dem Ziel dienen, einen Flow-Zustand zu erreichen, so die Autorinnen und Autoren. Ihre Bedeutung für die Betroffenen sei stärker zu würdigen.
Allerdings ist die Aussagekraft der Studie begrenzt: Sie basiert auf den Berichten von lediglich zehn Menschen und erlaubt keine Rückschlüsse darauf, wie verbreitet oder typisch die beschriebenen Erfahrungen im Autismus-Spektrum sind. Zudem handelt es sich um subjektive Selbstauskünfte, die nicht unabhängig überprüft wurden.
Menschen mit Autismus oder autistische Menschen – wie heißt es richtig?
Die beiden großen internationalen Diagnosemanuale (DSM und ICD) zählen alle autistischen Störungen zu den Autismus-Spektrum-Störungen. Der Kürze wegen ist aber oft nur von Autismus die Rede. Doch auch der offizielle Begriff ist umstritten, weil er Autismus als Störung definiert. Viele Betroffene argumentieren, Autismus sei eine Variante in der Funktionsweise des Gehirns, und bezeichnen sich als neurodivergent. Manche bevorzugen dagegen Autist oder Autistin, andere wiederum Mensch mit Autismus-Spektrum-Störung. Die Vorlieben können sich auch von Land zu Land unterscheiden. Der Selbsthilfeverband Autismus Deutschland e.V. verwendet viele verschiedene Begriffe, zum Beispiel Autisten, Autist:innen, Menschen mit Autismus und autistische Kinder. Dem schließen wir uns an: Spektrum der Wissenschaft wechselt mehrere Begriffe ab, wie auch beim Gendern. So schreiben wir der Kürze halber in der Überschrift häufig nur Autisten, in längeren Texten auch Autistinnen und Autisten oder Menschen mit Autismus-Spektrum-Störung.
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