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Autismus-Spektrum-Störung: Was verbirgt sich hinter dem Asperger-Syndrom?

Vom »kleinen Professor« bis hin zum gefühlskalten Genie – um das Asperger-Syndrom ranken sich viele Mythen. Wir erklären, was es mit dieser Form des Autismus auf sich hat.
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Ob frühkindlich, atypisch oder »Asperger«: Autismus hat viele Gesichter. Entsprechend unterschiedlich ticken die Menschen, die diese Diagnose erhalten – den Autisten gibt es nicht.

Unter Asperger-Autismus verstehen Wissenschaftler eine eher milde Variante der Entwicklungsstörung, die sich vor allem durch Schwierigkeiten in der Kommunikation und im sozialen Umgang äußert. Schon im Kindesalter tun sich Betroffene schwer damit, Freundschaften zu schließen, sie vermeiden direkten Blickkontakt und körperliche Nähe. Es bereitet ihnen zudem Probleme, die Mimik, Gestik oder den Tonfall ihres Gegenübers richtig zu deuten. Entsprechend ignorieren Asperger-Autisten oft nicht nur die nonverbalen Signale anderer Menschen, es gelingt ihnen auch selbst kaum, ihre Emotionen nonverbal mitzuteilen.

Menschen mit Asperger-Autismus neigen außerdem zu repetitiven, stereotypen Verhaltensmustern und fokussieren sich stark auf bestimmte Interessen oder Aktivitäten. Manche Betroffene klammern sich an Routinen und haben Schwierigkeiten, Veränderungen zu akzeptieren. Andere sammeln bestimmte Dinge, lernen Fakten auswendig oder beschäftigen sich leidenschaftlich etwa mit biologischen oder physikalischen Details. Eine beeinträchtigte Sprachentwicklung oder verminderte Intelligenz kennzeichnet das Asperger-Syndrom anders als andere Autismusformen jedoch nicht. Dafür sind die Betroffenen manchmal motorisch ungeschickt oder haben Koordinationsschwierigkeiten.

Über die genaue Verbreitung des Asperger-Syndroms gibt es keine Zahlen. Basierend auf Daten aus Europa, den USA und Kanada geht der Bundesverband Autismus Deutschland e. V. davon aus, dass auf 1000 Menschen ungefähr ein bis drei Asperger-Autisten kommen. Wie bei allen Autismusformen scheinen auch beim Asperger-Syndrom Männer häufiger betroffen zu sein als Frauen. Das exakte Geschlechterverhältnis ist jedoch unklar. Während manche Untersuchungen zeigen, dass Jungen etwa achtmal so häufig betroffen sind wie Mädchen, deuten andere Studien, je nach verwendeten Diagnosekriterien, auf ein Geschlechterverhältnis von 2:1 hin. Gene und Hormone könnten Frauen einen gewissen Schutz vor Autismus bieten, glauben Forscher. Manche Experten vermuten allerdings auch, dass gerade milde Ausprägungen wie das Asperger-Syndrom bei Mädchen häufiger übersehen werden. So scheinen die Symptome bei ihnen subtiler zu sein als bei männlichen Betroffenen, weshalb sie oft eine andere Diagnose erhalten.

Der Mythos vom gefühlskalten Genie

Asperger-Autisten wird – wie anderen Autisten auch – häufig unterstellt, sie seien kalt und gefühllos. Das stimmt jedoch nicht. Selbstverständlich haben auch Menschen mit Autismus Gefühle, sie teilen sie oft nur nicht auf die gewohnte Art und Weise mit anderen, weil ihnen das Verständnis für die entsprechenden nonverbalen Signale fehlt. Forscher um Giorgia Silani von der Universität Wien konfrontierten 2016 unter anderem Personen mit Asperger-Syndrom sowie Kontrollprobanden mit verschiedenen moralischen Dilemmata. Dabei entdeckten sie, dass der moralische Kompass beider Gruppen ähnlich gepolt war. Autisten hatten sogar mehr Hemmungen als die Kontrollpersonen, anderen Menschen unmittelbar zu schaden – auch, wenn sie dafür das Leben einer größeren Gruppe retten konnten.

Menschen mit Autismus zeigen allerdings eine Persönlichkeitseigenschaft häufiger, die Wissenschaftler als Alexithymie oder Gefühlsblindheit bezeichnen. Die Betroffenen haben Schwierigkeiten damit, ihre eigenen Gefühle zu erkennen und zu beschreiben. Entsprechend nehmen sie ihre Empfindungen meist nur auf körperlicher Ebene wahr, zum Beispiel als Bauch- oder Kopfschmerzen. In Deutschland ist schätzungsweise rund jeder Zehnte betroffen, unter Autisten dürfte die Quote allerdings höher liegen, wie Studien zeigen.

Der moralische Kompass von Menschen mit und ohne Autismus ist ähnlich gepolt

Spätestens seitdem Hollywood das Thema Autismus für sich entdeckt hat, ist ein weiteres, irreführendes Bild in den Köpfen vieler Menschen verankert: Das Bild des autistischen Genies, das komplizierte mathematische Gleichungen im Kopf löst oder den Inhalt ganzer Bücher rezitieren kann. Tatsächlich sind derart außergewöhnliche Leistungen kein Kennzeichen von Autismus – ob in der frühkindlichen oder der Asperger-Variante –, sondern vom so genannten Savant-Syndrom, das viel seltener auftritt als Autismus. Als »erstaunliche« (»prodigious«) Savants, deren Fähigkeiten auf einem Gebiet weit über das hinausgehen, was Menschen normalerweise zu leisten im Stande sind, haben Wissenschaftler bislang nur rund 100 Personen auf der Welt klassifiziert. Etwa die Hälfte davon waren Autisten. Das heißt aber im Umkehrschluss, nicht jeder Autist ist auch ein Savant!

Vom Asperger-Syndrom zur Autismus-Spektrum-Störung

Zumindest in der Fachliteratur könnte der Begriff Asperger-Syndrom schon bald deutlich seltener Verwendung finden. Da es für Ärzte und Psychologen in der Vergangenheit nicht immer einfach war, die Betroffenen eindeutig den verschiedenen Kategorien des frühkindlichen (auch Kanner-Autismus genannt), des atypischem sowie des Asperger-Autismus zuzuordnen, taucht in der aktuellen Fassung des Diagnostischen und Statistischen Manuals Psychischer Störungen (DSM-5) der American Psychiatric Association nur noch der übergreifende Begriff der Autismus-Spektrum-Störung (ASS) auf.

Sie ist grundsätzlich definiert durch Defizite in der sozialen Kommunikation und Interaktion sowie eingeschränkte, repetitive Verhaltensmuster und Interessen. Zudem müssen sich die Symptome bereits im Kindesalter bemerkbar machen und das Leben der Betroffenen merklich beeinträchtigen. Die Schwere der beiden Symptomkategorien bestimmen die Behandler jeweils auf einer Skala von 1 (»Unterstützung erforderlich«) bis 3 (»sehr umfangreiche Unterstützung erforderlich«). Außerdem geben sie an, ob eine intellektuelle oder eine sprachliche Beeinträchtigung – oder beides – vorliegt.

Auch das internationale Klassifikationssystem der WHO wird sich in seiner elften Fassung (ICD-11) voraussichtlich von Begriffen wie Asperger-Syndrom, frühkindlicher und atypischer Autismus trennen und nur noch eine Autismus-Spektrum-Störung aufführen. Die neue Leitlinie soll noch in diesem Jahr verabschiedet werden und ab 2022 offiziell gelten.

Diese Änderungen in den Diagnosehandbüchern dürfte jene freuen, die den Ausdruck Asperger-Syndrom zuletzt noch aus einem anderen Grund kritisierten: Sein Namensgeber, der österreichische Kinderarzt und Autismusforscher Hans Asperger, hatte in den 1940er Jahren offenbar enger mit dem NS-Regime zusammengearbeitet als lange angenommen. Aspergers Beteiligung an den Medizinverbrechen der Nationalsozialisten wird in Fachkreisen bereits seit geraumer Zeit diskutiert. Vor allem englischsprachigen Forschern galt der Wiener lange Zeit als Gegner des NS-Regimes, der durch seine Diagnosen manche Kinder vor dem sicheren Tod bewahrt habe.

2018 zeichnete Herwig Czech von der Universität Wien in einer Veröffentlichung im Fachmagazin »Molecular Autism« allerdings ein ganz anderes Bild von Aspergers Wirken. Czech fand bei seinen Recherchen heraus, dass Asperger der NS-Ideologie durchaus zugetan war und seiner Karriere zuliebe immer wieder mit dem Regime kooperierte. Er war Mitglied in mehreren NSDAP-nahen Organisationen (wenn auch nicht in der NSDAP selbst), befürwortete die Grundsätze der »Rassenhygiene« und überwies mindestens ein psychisches krankes Mädchen in die Wiener Anstalt »Am Spiegelgrund«, in der zwischen 1940 und 1945 mehr als 700 Kinder und Jugendliche ermordet wurden. Dieser Umstand müsse auch Asperger selbst damals bereits bewusst gewesen sein, so Czech.

Für manche ist das Grund genug, die Bezeichnung Asperger-Syndrom auch jenseits der Diagnosehandbücher grundsätzlich in Frage zu stellen. Czech selbst spricht sich zwar nicht dafür aus, den Begriff auf Grund von Apergers Vergangenheit aus dem medizinischen Sprachgebrauch zu tilgen. Jedoch solle man ihn als Gelegenheit nutzen, um das Bewusstsein für die problematische Herkunft des Konzepts zu schärfen.

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