Neurodiversität: Die Hotspots der Autismusforschung

Wo schlägt das Herz der Autismusforschung? Und wer hat das Feld am stärksten geprägt? Um das herauszufinden, haben türkische Wissenschaftler 45 Jahre Forschung ausgewertet. Sie durchforsteten dazu das »Web of Science«, eine bibliografische Datenbank, die wissenschaftliche Publikationen sowie ihre Zitationen erfasst und so erlaubt, ihren Einfluss auf das Fachgebiet einzuschätzen. Zwischen 1980 und 2024 gab es demnach rund 23 000 wissenschaftliche Arbeiten zu Autismus-Spektrum-Störungen, wie Pınar Algedik von der Haliç-Universität in İstanbul und ihr Kollege Orhan Kocaman in der Zeitschrift »Journal of Health Sciences Medicine« berichten.
Die meisten Artikel erschienen in der Fachzeitschrift »Autism Research«, die auf Autismus-Spektrum-Störungen, ihre Ursachen und Grundlagen spezialisiert ist. Es folgten thematisch breitere, frei zugängliche Fachzeitschriften wie »PLOS ONE« und »Scientific Reports«. Am häufigsten zitiert wurden allerdings Forschungsarbeiten aus dem »Journal of Autism and Developmental Disorders« – rund 120 000-mal. Damit liegt es weit vor den Zweit- und Drittplatzierten, dem »Journal of Neuroscience« und »Nature«. Die Anzahl der Zitationen zeigt, wie tief die Spuren sind, die ein Artikel in seinem Fach hinterlassen hat. Trotzdem kann eine viel zitierte Studie umstritten sein, etwa wenn sie im Rahmen einer wissenschaftlichen Kontroverse immer wieder erwähnt wird.
Die überwiegende Zahl der Publikationen stammt aus den USA. Die führenden Institutionen liegen jedoch in England und Kanada: Das King’s College London ist international für seine Forschung zu Entwicklungsstörungen bekannt; die University of Toronto widmet sich den Autismus-Spektrum-Störungen gleich an mehreren Zentren. Weitere Hotspots sind die University of California in Davis sowie in Los Angeles und die Harvard Medical School.
Am meisten publiziert hat Simon Baron-Cohen von der University of Cambridge in England – und er wurde auch am häufigsten zitiert. »Simon Baron-Cohen hat das Verständnis von Autismus entscheidend geprägt. Mit seiner Theory-of-Mind-Defizit-Hypothese legte er ein Modell vor, das bis heute zentral für die Forschung ist«, schreiben Algedik und Kocaman. Christopher Gillberg von der Universität Göteborg offenbarte mit seinen epidemiologischen Arbeiten unter anderem die Vielfalt von Autismus-Spektrum-Störungen. Tony Charman vom King’s College London trug mit Längsschnittstudien wesentlich dazu bei, Autismus früher zu erkennen. An der University of Toronto konzentriert sich außerdem Evdokia Anagnostou auf die biologischen Grundlagen von Autismus, etwa mithilfe von Neuroimaging und genetischen Markern. Und in Australien forschte Helen Leonard in groß angelegten Bevölkerungsstudien nach Risikofaktoren und dem Zusammenhang zwischen Autismus und intellektueller Beeinträchtigung.
Aus den Titeln der gesammelten Studien ziehen Algedik und Kocaman auch Rückschlüsse auf Forschungstrends. Dass Autismus häufig im Kontext von Schizophrenie, Rett-Syndrom, Epilepsie und ADHS untersucht wurde, deuten sie als Hinweis darauf, dass die Forschenden diese Zusammenhänge für besonders bedeutsam halten. Über die betrachteten 45 Jahre hinweg habe es einen Wandel gegeben, weg von der klinischen und verhaltensorientierten Perspektive und hin zu genetischen, neurobiologischen und interdisziplinären Ansätzen. Seltener tauchten hingegen Begriffe wie »soziale Interaktion«, »Bildung« und »Lebensqualität« auf: Diese Themen spielten in der Autismusforschung, anders als im Leben der Betroffenen, offenbar keine große Rolle.
Die Autoren betrachten solche Trends im historischen Kontext: Diagnostische Kriterien hätten sich geändert, ebenso die Publikationspraxis. Außerdem könne die Kultur eine Rolle spielen – sie selbst hatten nur englischsprachige Publikationen berücksichtigt, die im »Web of Science« gelistet sind, wie sie einräumen. Und der wohl wichtigste Vorbehalt: Die Zahl der Zitationen sagt nichts darüber aus, inwieweit die Forschungsarbeiten das Leben von Betroffenen, die Öffentlichkeit, die Politik und die klinische Praxis beeinflusst haben.
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