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News: Autoteile just-in-time

Zeitnot und Zeitsouveränität in der just-in-time-Fabrik - Wie wirkt sich die JIT-Produktion auf Zeitmanagement, Personalpolitik, Arbeitszeiten und Arbeitsbedingungen in der europäischen Automobilzulieferindustrie aus?
Die vielfältigen Probleme der just-in-time-Logistik, die die europäischen Automobilhersteller seit Mitte der 80er Jahre unter massivem Preisdruck bei ihren Zulieferern durchsetzen, werden zum großen Teil auf dem Rücken der Beschäftigten in den Zulieferbetrieben ausgetragen. Die Produktionsarbeiter in der Automobilzulieferindustrie sind durch die vorherrschende Praxis der überbetrieblichen Rationalisierung mit den Anforderungen pünktlicher Lieferung auf Bestellung bei Null-Fehler-Qualität einer permanenten Zeitnot unterworfen, ohne ausreichende Handlungsmöglichkeiten, selbst auf eine bessere Gestaltung von Arbeitsabläufen einzuwirken.

In einem umfangreichen Forschungsprojekt hat die Abteilung Arbeitsmarkt des Instituts Arbeit und Technik (IAT/Gelsenkirchen) bei Betriebsbesuchen und Expertengesprächen Manager und Mitglieder der Belegschaftsvertretungen von rund 50 Automobilzulieferern in Deutschland, Frankreich, Spanien und Großbritannien zu Handhabung und Auswirkungen der JIT-Produktion befragt. Der Forschungsbericht von IAT-Projektleiter Dr. Steffen Lehndorff ist jetzt unter dem Titel „Zeitnot und Zeitsouveränität in der just-in-time-Fabrik“ im Rainer Hampp Verlag erschienen.

„Mit der Einführung von just-in-time-Systemen ist in den letzten Jahren die Liefergenauigkeit wesentlich erhöht worden. Von einer umfassenden, überbetrieblichen Optimierung der Produktionskette ist die Branche jedoch noch weit entfernt“, so Lehndorff. In der bisherigen Praxis stehen die Kostenersparnisse im Vordergrund, die durch pünktliche Lieferung und reduzierte Lagerhaltung erzielt werden. Eine viel größere und entscheidendere Reserve der Kostensenkung wird jedoch erschlossen, wenn die reduzierte Lagerhaltung als Hebel einsetzt wird, „alles sofort richtig zu machen“. Entscheidende Produktivitätsressourcen bleiben so meist noch ungenutzt.

Dies ist innerhalb der Zulieferfabriken besonders deutlich erkennbar. Dort sind die Materialpuffer erheblich reduziert worden, doch an ihre Stelle sind „menschliche Puffer“ getreten. Der dramatische Personalabbau der letzten Jahre verstärkt diesen Effekt. Die Arbeit in den Zulieferbetrieben ist bei häufigen Programmänderungen innerhalb der vorgesehenen Zeit kaum zu schaffen. Die Anforderungen an die Beschäftigten in Bezug auf Flexibilität und Qualifikation wurden erhöht, ohne daß jedoch die Rahmenbedingungen dem angepaßt und die Kompetenzen erweitert worden wären. Dies widerspricht offenkundig dem weithin akzeptierten Leitbild der gegenwärtigen Rationalisierungsprozesse, der Förderung von Engagement, Eigenverantwortlichkeit und Problemlösungskompetenz der Beschäftigten.

Ein weiteres Problem in den Zulieferunternehmen ist die häufige Mehrarbeit, die als „Allheilmittel“ bei kurzfristigen Abrufänderungen, mittelfristigen Auftragsschwankungen, zu kurzen Nutzungszeiten automatischer Anlagen und bei Abwesenheit von Arbeitskräften helfen muß. Zudem sind im Zuliefersektor befristete und geringfügige Beschäftigungsverhältnisse sehr verbreitet, die als „Flexibilitätspuffer“ die feste Stammbelegschaft ergänzen. „Materialpuffer wurden durch menschliche Puffer ersetzt, obwohl für das Funktionieren der JIT-Kette Problemlösungskompetenzen auch der Beschäftigten in der Produktion erforderlich wären“, so Lehndorff.

Die Zulieferer sehen sich vor der Frage, ob sie sich von der JIT-Praxis ihrer Kunden lediglich treiben lassen oder ob sie eigene Gestaltungsspielräume entdecken und nutzen wollen. Kapazitätsplanung und Personalbemessung sind heute vielfach so knapp kalkuliert, daß bei geringen Änderungen im Produktionsprogramm die Grenzen der vereinbarten Arbeitszeit und der herkömmlichen Arbeitszeitorganisation schnell erreicht sind. Innovative Arbeitszeitmodelle können sich hier als wichtiger Baustein betrieblicher Umstrukturierungen erweisen, um durch mehr Zeitsouveränität eigenständigen Gestaltungsspielraum zu gewinnen.

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