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Ernährung : Balanceakt

Ob tot oder lebendig, ganz oder portioniert in Stücke - die Mehrzahl der Tiere verspeist andere Organismen. Bei der Futteraufnahme achten offenbar selbst Spinnen und Käfer auf eine ausgewogene Ernährung. Denn nach einer einseitigen Diät bringen diese Wirbellosen die Schieflage der Nährstoffe mit verschiedenen Taktiken wieder ins Lot.
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Geschmäcker sind bekanntlich verschieden, auch im Tierreich: Vegetarisch ernähren sich Gorillas, Rinder, Hasen, Landschnecken und Seeigel – und zählen zu den Herbivoren. Auf dem Speiseplan von Karnivoren wie Haien, Greifvögeln, Spinnen und Schlangen stehen hingegen andere Tiere. Omnivoren (wie Schaben, Krähen und Schweine) sind weniger wählerisch, denn sie verschlingen sowohl pflanzliche als auch tierische Nahrung. Viele Pflanzen- und Allesfresser besitzen eine gut entwickelte Fähigkeit, die Aufnahme vielfältiger Nährstoffe auszubalancieren. Doch wie sieht es bei den Fleischfressern aus?

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Pardosa prativaga | Nach einer einseitigen Diät verspeist die Wolfsspinne Pardosa prativaga umso mehr Taufliegen, wenn die protein- oder fettreiche Beute das Ungleichgewicht an Nährstoffen in ihrem Körper aufheben kann.
Bislang nahmen Forscher generell an, dass jene Futterspezialisten die Rate des Beutefangs eher zu optimieren trachten als ihre Opfer entsprechend deren Körper-Inhaltsstoffen zu selektieren. Doch verdichten sich die Hinweise, dass einige Karnivoren ebenfalls über Nährstoff spezifische, regulierende Fähigkeiten verfügen. So variieren verschiedene Insektenarten deutlich in ihrer chemischen Architektur – und diese Unterschiede können sich auf die Leistung ihrer Räuber auswirken. Eine Spinnenart wurde bereits dabei beobachtet, wie sie ihre Nahrung aus mehreren Beutespezies mischt. Möglicherweise bereitet sie auf diese Weise Mahlzeiten mit einer optimalen Aminosäure-Zusammensetzung zu.

David Mayntz von der Universität Oxford und seine Kollegen überprüften die These genauer, ob Wirbellose ihr Futter tatsächlich nach den enthaltenen Nährstoffen aussuchen. Als Versuchstiere dienten ihnen drei Räuber mit äußerst verschiedenen Jagdstrategien: der höchst bewegliche Laufkäfer Agonum dorsale, die aus dem Hinterhalt angreifende Wolfsspinne Pardosa prativaga und die Netze webende Röhrenspinne Stegodyphus lineatus.

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Stegodyphus lineatus | Die Netze webende Röhrenspinne Stegodyphus lineatus kompensiert ein Ungleichgewicht von Proteinen oder Fetten in ihrem Körper, indem sie selektiv mehr der ihr fehlenden Nährstoffe aus der gefangenen Beute extrahiert.
Zunächst setzten die Forscher ihren Probanden einen oder zwei Tage lang protein- oder fettreiche Speisen vor und testeten anschließend, wie sie auf die bereits verabreichte Nahrung und/oder eine Nährstoff ergänzende Alternative reagierten. Im Falle des Laufkäfers boten sie gleichzeitig beide Futtervarianten an, um das Szenario eines umherstreifenden Räubers nachzuahmen, der aktiv zwischen unterschiedlichen Beutetypen auswählt.

Wie die Ergebnisse zeigten, war die Aufnahme der zwei Testdiäten stark abhängig von der Ernährung vor dem eigentlichen Experiment: Hatten die Käfer zuvor mit Lipiden angereicherte Mahlzeiten vertilgt, konsumierten sie nun verstärkt Speisen mit hohem Proteingehalt. Ihre Artgenossen, die zuerst viel Proteine verzehrt hatten, bevorzugten indes Futter mit hohem Fettanteil. Zudem nahmen sie insgesamt mehr Nahrung zu sich.

Die Wolfsspinne – ein Räuber, der oftmals zwischen Jagdgebieten mit qualitativ unterschiedlichem Nahrungsangebot wechselt – fand im Versuch lediglich einen Beutetyp vor: lebende Drosophila-Fliegen, die entsprechend ihrer Aufzucht in verschiedenen Medien ein hohes oder niedriges Verhältnis von Proteinen zu Fetten aufwiesen. Die achtbeinigen Tiere verspeisten umso mehr Futter, wenn die Beute eine hohe Konzentration jenes Nährstoffes besaß, der in den vorigen Mahlzeiten Mangelware war: So fraßen die zunächst mit proteinreicher Nahrung gefütterten Wolfsspinnen größere Portionen, wenn die Fliegen einen hohen Lipid-Anteil besaßen und umgekehrt.

Die Röhrenspinne spannt langlebige Netze auf und verharrt relativ lange Zeiträume an einer einzigen Jagdstelle. Da sich Beutetiere sporadisch in den Seidenfäden verheddern und deren chemische Zusammensetzung nicht der Kontrolle des Jägers untersteht, maßen die Forscher, ob diese Spinnenart einem einzelnen Opfer Stickstoff oder Kohlenstoff unterschiedlich zu entziehen vermag. Und tatsächlich: Selektiv extrahierten die Tiere ihrer gefangenen Beute mehr von den Nährstoffen, die ihnen fehlten.

"Unsere Studie zeigt, dass wirbellose Räuber ihre Aufnahme von Proteinen und Fetten regulieren und diese Fähigkeit nutzen können, um ein existierendes Ungleichgewicht von diesen Nährstoffen zu beseitigen", folgern die Wissenschaftler. Doch jede untersuchte Art kompensierte die Schieflage mithilfe ihrer eigenen Technik: Während die einen zwischen Futter mit unterschiedlicher Zusammensetzung auswählten (Laufkäfer), passten die anderen den Verzehr eines einzigen Beutetyps abhängig von dessen chemischem Bauplan an (Wolfsspinnen) oder entzogen dem Opfer spezifische Nährstoffe (Röhrenspinnen). Wie die Ergebnisse nahe legen, sind fein abgestimmte Regulationsmechanismen am täglichen Ernährungsverhalten beteiligt – zumindest bei einigen räuberischen Tieren.
08.01.2005

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 08.01.2005

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