Solarenergie: So einfach lässt sich eigener Strom auf dem Balkon erzeugen

Die Unsicherheit ist zurück, nur vier Jahre nach Beginn des Ukrainekriegs: Der Krieg im Iran schürt die Angst vor einer neuen Energiekrise. Öl und Gas sind deutlich teurer, und wahrscheinlich werden auch die Strompreise anziehen. Als Reaktion steigt schon jetzt die Nachfrage nach Solar sprunghaft an, hoch im Kurs steht Sonnenstrom vom Balkon.
Ein Balkonkraftwerk kostet wenig, bringt viel und lässt sich selbst montieren. Komplettpakete lassen sich an jeder Ecke und sogar beim Discounter kaufen. Und trotzdem zögern die meisten Deutschen noch. Doch wie viel Strom lässt sich wirklich sparen? Und kann man mit einem Balkonkraftwerk unabhängig vom Stromnetz werden?
Die meisten Interessenten hätten bei der Internet-Recherche den Überblick verloren, sagt Till Meinrenken. Der Biologe ist einer von sechs ehrenamtlichen Balkon-Scouts, die für den Verein Fesa in Freiburg kostenlos Menschen beraten, die in ihren Privatwohnungen in Zukunft auf Sonnenstrom vom Balkon setzen wollen. Bei seinen Besuchen in den Wohnungen nimmt er Balkone und Terrassen in Augenschein. Schnell sieht er, ob sich ein Balkon für eine Anlage überhaupt eignet – und falls ja, wie man die Solarmodule montieren sollte. Für die meisten Balkongeländer gebe es heute gute Montagelösungen, sagt er, insofern sei das heute kein Hinderungsgrund mehr. Dafür ist Meinrenken da. Er beantwortet Fragen, erklärt Details, gibt Tipps, nur beim Aufbau darf er nicht helfen.
Vereine unterstützen und beraten
In Freiburg leistet die Solarbranche in Deutschland Pionierarbeit. Hier entstand das erste selbstdrehende Solarhaus der Welt, das Heliotrop, und auch eine der ersten Solarsiedlungen des Landes. Einen Boom erlebt hier im Südwesten auch das Balkonkraftwerk: In der Stadt sieht man die schwarzen Module immer häufiger an Balkonen hängen, die kleinen Mini-PV-Kraftwerke gedeihen wie Primeln in der Sonne. Sie sind eine simple wie effiziente Möglichkeit für Bürgerinnen und Bürger, selbst etwas gegen den Klimawandel zu unternehmen. Und nebenbei ordentlich Geld zu sparen.
Dass die kleinen Kraftwerke in Freiburg boomen, ist auch das Verdienst von Sebastian Müller. Müller ist Vorstand und Gründungsmitglied des Freiburger Vereins Balkon.Solar. Vor zwei Jahren hat er mit drei Kollegen einen Leitfaden in Buchform über Balkonkraftwerke veröffentlicht, jetzt sitzt er gemütlich auf dem Sofa einer kleinen Werkstatt in einem Freiburger Gewerbegebiet und spricht über die Anfänge. Einen richtigen Erfinder des Balkonkraftwerks gebe es nicht, sagt Müller. In den 90er-Jahren wurde die Idee geboren, der große Durchbruch der Balkonkraftwerke gelang aber erst Ende der 2010er-Jahre, als China begann, Solarpaneele in großen Mengen zu produzieren und damit die Photovoltaik bezahlbar machte. Seither purzeln die Preise für Solarmodule.
Freiburg ist nicht die Keimzelle des Balkonkraftwerks in Deutschland, aber eines der wichtigsten Zentren. Bis sich die Sonnenenergie auf dem Balkon in Deutschland endgültig durchsetzte, gab es einige Hürden zu überwinden. Sebastian Müller nennt Mietrecht und Energierecht als die größten Hindernisse auf dem Weg zum Balkon-PV-Boom. Seit die rechtlichen Fragen geklärt sind, gehen die Zahlen in Deutschland durch die Decke, ein Treiber war zudem der russische Angriffskrieg auf die Ukraine. Offiziell sind zwar nur 1,3 Millionen Balkonkraftwerke im Marktstammdatenregister gemeldet, aber die Zahl dürfte drei- bis viermal so hoch liegen, zeigen Umfragen. Vier Millionen Steckersolargeräte dürften es in Deutschland sein, ihre denkbare maximale Leistung liegt bei vier Gigawatt.
Das Recht auf Solarstrom
Seit fast zwei Jahren nun haben Mieter ein Recht auf steckerfertige Solargeräte, notfalls können sie es einklagen. Einfach montieren und einstecken, ohne dass ein Elektriker kommen muss – fertig ist der Strom vom Balkon. Zuvor bewegten sich viele Solarfreunde in einer Grauzone, Mieter seien häufig von Vermietern gegängelt oder von großen Wohnungsbaugenossenschaften mit absurden Auflagen überzogen worden, sagt Müller. Teilweise werden sie das noch immer. Rechtsklarheit gibt es zudem bei den technischen Standards für Anschluss, Leitung und Sicherheit. Im Dezember ist eigens eine Steckersolarnorm in Kraft getreten, die die bereits im Mai 2024 von der Bundesregierung verabschiedeten Anschlussbedingungen im Detail regelt.
Seither ist es jedem Bürger erlaubt, Solarmodule mit maximal 960 Watt Leistung unter optimalen Bedingungen und mit einem handelsüblichen Stecker auf seinem Balkon zu installieren. Das entspricht etwa zwei Modulen mit 1,75 Metern Länge. Die Wechselrichter, die den Gleichstrom in netzüblichen Wechselstrom umwandeln und ins Wohnungsnetz einspeisen, sind dabei auf 800 Watt gedrosselt, damit die Leitungen nicht überlastet werden. Insgesamt sind sogar 2000 Watt Balkonstrom zulässig, wenn man einen speziellen Stecker nutzt – was aber die wenigsten tun. Bis zum Mai 2024 waren nur 600 Watt Maximalleistung in Deutschland theoretisch erlaubt.
Einsteigern empfiehlt auch Till Meinrenken zwei solcher Module. Idealerweise richtet man sie nach Süden aus, um die maximale Sonnenscheindauer auszunutzen. Sinnvoll sind aber auch Ausrichtungen nach Osten und Westen, weil viele Menschen mittags ohnehin nicht zu Hause sind – und weil Geräte im Haushalt beständig Strom ziehen. So erhalten sie Unterstützung vom Balkonkraftwerk morgens und abends, wenn Frühstück oder Abendessen zubereitet wird – oder die Spülmaschine angeschaltet wird. Kühlschrank und WLAN-Router ziehen ja ohnehin ständig Strom.
Der Vermieter redet mit – teilweise
Ein nach Norden ausgerichteter Balkon ist hingegen für ein Balkonkraftwerk zu dunkel. Denn die maximale Leistung erzielen die kristallinen Zellen bei direkter Einstrahlung, die Erträge von diffusem Licht sind deutlich geringer. Deshalb ist auch die Stromausbeute an bedeckten Tagen schlechter. Wer testen will, wie gut der eigene Balkon für Photovoltaik geeignet ist, kann das beispielsweise auf der Homepage der HTW Berlin tun.
Doch bevor Meinrenken ins Detail geht, macht er sich zunächst bei seinen Besuchen in Freiburger Wohnungen ein Bild von der Eigentumsfrage. Wohnen die Interessenten zur Miete – oder gehört ihnen die Wohnung? Bei Eigentum ist die Sache einfach: Niemand darf dem Besitzer eines Hauses ein Balkonkraftwerk untersagen, wie man im Wohnungseigentumsgesetz nachlesen kann. Bei Mietern ist die Lage ähnlich – kein Eigentümer darf pauschal Nein sagen –, trotzdem empfiehlt Meinrenken, mit den Eigentümern frühzeitig zu sprechen, auf Fragen vorbereitet zu sein und sich gute Argumente zurechtzulegen. Am Ende gibt es nur wenig Gründe, ein Balkonkraftwerk abzulehnen. Der Gesetzgeber schreibt außerdem vor, dass Mieterinnen und Mieter ein Anrecht auf Zustimmung haben.
Dieses Recht bedeutet allerdings nicht, dass man ungehemmt in die Bausubstanz eingreifen darf. Hier wird es juristisch knifflig: Wer für ein kleines Kraftwerk Balkonbrüstung oder Fassade anbohrt, muss in der Regel den Vermieter um Erlaubnis fragen. Kleinere Bohrungen, die die Fassade nicht erheblich oder dauerhaft schädigen, erlaubt der Gesetzgeber allerdings.
Wie sicher sind Balkonkraftwerke?
Zum Glück sind solche größeren Eingriffe meistens gar nicht nötig. Auf dem Markt sind für alle Arten von Balkonen mittlerweile pfiffige Konstruktionen erhältlich, sogar für Betonbrüstungen haben Tüftler Halterungen mit Klemmen entwickelt. Nur bei Designerbalkonen, die häufig mit Glas oder Metall verkleidet sind, wird es mitunter zur Herausforderung, eine Solaranlage sicher zu befestigen.
Aus ästhetischen Gründen darf ein Vermieter ein Balkonkraftwerk jedenfalls nicht ablehnen. Viele Vermieter seien grundsätzlich zwar eher skeptisch gegenüber den Solarmodulen an Balkonen eingestellt, sagt Meinrenken, aber in der Regel kämen beide Parteien zusammen. Am schlimmsten seien hingegen oft die großen Wohnungsbaugesellschaften, beschreibt er seine Erfahrungen. Die würden sich bis heute mit fadenscheinigen Argumenten massiv gegen Balkonkraftwerke wehren.
»Ein Balkonkraftwerk im Erdgeschoss ist etwas anderes als eine Anlage im siebten Stock«Till Meinrenken, Balkon-Scout
Einer der vorgeschobenen Gründe ist die Sicherheit. Oft wird behauptet, der Balkon sei nicht stabil genug, wenn ein Balkonkraftwerk angebracht werde. Die Sicherheit könne danach nicht mehr gewährleistet werden, heißt es. Meist ist das vorgeschoben, denn wenn das wirklich stimmte, müsste die gesamte Statik des Balkons und des Geländers schnell überprüft werden. Ein Balkon muss stabil sein, auch und gerade das Geländer. Und dennoch ist es richtig, dass man auf die Windlast achtet – und auf eine sichere Montage. »Ein Balkonkraftwerk im Erdgeschoss ist etwas anderes als eine Anlage im siebten Stock«, sagt Meinrenken.
Auch die Angst vor Bränden ist technisch unbegründet. Balkonkraftwerke werden in der Regel in eine Steckdose am Balkon eingesteckt, und die Steckersolarnorm legt klare Leistungsgrenzen fest. Sie sind so ausgelegt, dass Leitungen und andere angeschlossene Geräte nicht überhitzen. »Aus diesem Grund ist die Einspeisung von Balkonkraftwerken auf 800 Watt limitiert«, sagt Leonhard Gandhi, Ingenieur am Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme in Freiburg. Damit könne ausgeschlossen werden, dass Drähte überhitzen und die Leitung Schaden nimmt. Sie teilen sich den Strom mit anderen Geräten, die ebenfalls am selben Stromkreis angeschlossen sind, erklärt er. Ein typischer Stromkreis in der Hausinstallation kann bis zu 16 Ampere Stromstärke bewältigen, erst darüber löst die Sicherung aus. In den Normen gebe es zusätzlich eine Toleranz, sagt Gandhi. Diese Toleranz nutzen Balkonkraftwerke aus.
Nach wenigen Jahren rechnet sich das eigene Kraftwerk
Die Einspeisegrenze von 800 Watt gilt auch für an die Anlage angeschlossene Stromspeicher, die ebenfalls immer beliebter werden. Denn die Preise für Akkus sind im Sinkflug, eine Kilowattstunde kostet heute nur noch ein Zehntel des Preises von vor zehn Jahren. Heimspeicher haben mehrere Vorteile: Sie speichern den überschüssigen Strom, der im Hausnetz gerade nicht genutzt wird, für die Abend- und Nachtstunden, und sie können einzelne Geräte über eine Notstromsteckdose versorgen, wenn einmal der Strom ausfällt. Dafür muss der Akku allerdings die Anforderungen an ein notstromfähiges Gerät erfüllen. Ein Speicher ergibt zudem Sinn, wenn man trotz Einspeisegrenze Solarmodule mit 2000 Watt installiert. Wird bei idealer Ausrichtung und wolkenlosem Himmel mehr als 800 Watt Leistung produziert, ist der überschüssige Strom, der sonst ohne Vergütung ins Netz abfließt, nicht verloren. Er fließt in den Speicher.
Aber lohnt sich ein Balkonkraftwerk auch finanziell? Die Daten sprechen dafür. Je nach Ausrichtung des Balkons kann ein durchschnittlicher Haushalt mit einem jährlichen Stromverbrauch von 2500 Kilowattstunden mit zwei 400-Watt-Peak-Solarmodulen rund ein Viertel seines Stromverbrauchs damit abdecken. Der relativ geringe Preis für eine Steckersolaranlage macht Photovoltaik relativ schnell rentabel. Komplettpakete sind schon ab 350 Euro zu haben, und nach drei bis vier Jahren hat man das Geld wieder drin – je höher der Strompreis, desto früher. Dagegen lohnen sich Speicher mit zwei Kilowattstunden Kapazität, die ab 400 Euro zu haben sind, oft erst, wenn die maximale Leistung von 2000 Watt installiert ist.
Dafür wird man deutlich unabhängiger vom Stromnetz. Rund die Hälfte des verbrauchten Stroms lässt sich auf diese Weise selbst herstellen und nutzen. Auch hier gilt: Bei einem Komplettpreis von etwa 1000 Euro amortisiert sich die Anschaffung schon nach wenigen Jahren. Finanziell lohnt sich das immer, denn Speicher und Solarmodule haben in der Regel eine Lebensdauer von 15 Jahren. Außerdem ist man mit einem Balkonkraftwerk im Sommer beinahe autark. Und es lassen sich die wichtigsten Geräte mit einem notstromfähigen Speicher für einige Stunden weiterbetreiben, wenn der Strom einmal ausfällt.
Solarpaneele und Speichertechnik werden immer ausgereifter
Wer sich intensiv mit dem Thema beschäftigt und auch komplexere Anlagen nicht scheut, der kann mit Solarmodulen und Speichern sogar noch mehr Strom herausholen. Auf dem Markt sind bereits Speichersysteme erhältlich, die untereinander kommunizieren und deshalb Strom austauschen können. Mit ihnen ist es möglich, die Einspeisegrenze von 800 Watt zu umgehen – und damit auch jene hohen Stromstärken zu liefern, die beispielsweise Heizstäbe in Waschmaschinen oder Spülmaschinen benötigen, um Wasser zu erwärmen.
Zudem macht die Forschung der Photovoltaik große Fortschritte: Solarzellen werden immer effizienter und langlebiger. Bifaziale Module, die nicht nur das direkte Licht auf der Vorderseite in Strom umwandeln, sondern auch das reflektierte Licht auf der Rückseite, sind auf dem Weg, Standard zu werden. An einer weißen Wand installiert, sind so Mehrerträge von bis zu 30 Prozent möglich.
Am Ende bringt der Kauf eines Balkonkraftwerks aber auch einen anderen Vorteil: Die Anschaffung einer Mini-PV-Anlage ist ein guter Anlass, um sich mit dem Thema Strom zu beschäftigen. Früher rannte man einmal im Jahr in den Keller und las den Zähler ab, mehr brauchte man von dem Thema nicht zu wissen. Heute kann man mit einem Smart Meter live mitverfolgen, wie viel Strom ins Hausnetz eingespeist wird und welche Geräte am meisten Strom ziehen. Man begreift, was man im Physikunterricht schnell wieder verdrängte, lernt, wie viel Strom die Sonne liefert – und erkennt, an welcher Stelle man sparen kann. In einer Welt, die sich zunehmend elektrifiziert, ist dieses Wissen nicht zu unterschätzen.
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