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Sportwissenschaft: Ballschule

Taxifahrer, Tubabläser, Tennisspieler - Menschen mit besonderen Begabungen oder Eigenheiten wecken das Interesse der Forschung. Was macht sie so herausragend? Warum können sie manches besser als andere? Welchen Effekt hat gezieltes Training? Verschiedene Profi-Ballkünstler, geübt auf Rasen, Sand, Kunststoff und Beton, traten in Lausanne an gegen Triathleten und Gelegenheitssportler. Die Spielregeln bestimmten Neurowissenschaftler.
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249,4 Kilometer pro Stunde – wer Andy Roddick auf dem Tennisplatz gegenüber steht, kann sich auf etwas gefasst machen. Nur dauert ein Spiel eben ein paar Sätze, und deshalb halfen Roddick beim Davis Cup 2004 selbst seine Weltrekord-Aufschläge nicht: Die USA verloren im Finale gegen Spanien. Auch wüsste der US-amerikanische Tennisstar sicher gern ein Mittel gegen den Eidgenossen Roger Federer, der ihm schon so manche bittere Lehrstunde erteilte.

Vielleicht kann ihm dessen Landsmännin Leila Overney nun schlaue Tipps geben. Die Neurowissenschaftlerin an der Ecole Polytéchnique Fédérale de Lausanne hatte 18 Tennisprofis ins Labor gebeten, um die besonderen Effekte des Tennistrainings auf die Wahrnehmung zu untersuchen. So entstand in den 1950er Jahren die Meinung, Tennisspieler zeichneten sich durch ein herausragendes Sehvermögen aus. Einen wirklich geschärften Blick konnte bislang allerdings keine Studie nachweisen – einzig dass versierte Sportler in sportrelevanten Aufgaben irgendwie besser abschneiden als Neulinge und Ungeübte, zieht sich durch die Fachliteratur. Was wohl wenig verwundert.

Overney und ihre Kollegen wollten nun etwas genauer wissen, wie Training wirkt. Und ließen ihre Tennisexperten antreten gegen die üblichen Wenig- bis Nichtsportler sowie Triathleten – aus dem Gedanken heraus, dass Letztere körperlich ähnlich intensiv trainieren und körperlich fit sind, aber weniger Herausforderungen durch sich rasend schnell bewegende Objekte meistern müssen.

Ganz bewusst wählten die Forscher nicht nur tennisspezifische Tests – dass die Courtgrößen darin brillieren, war ihnen zu vorhersagbar. Einzig eine Bildersuche – "Ist hier ein Tennisball auf dem Tennisplatz?" – stellte den Bezug zur Profession her. Sonst mussten sich sämtliche Teilnehmer durch auf Bildschirmen strömende Punkte, Mustercollagen und Buchstabenreihen klicken.

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Suchbilder | Anhand solcher Bilder versuchten die Forscher herauszufinden, wie gut trainiert ihre Probanden in der Wahrnehmung vertrauter Objekte waren. Doch die Tennisspieler erkannten Tennisbälle nur dann zuverlässiger, wenn sie ihnen in der vertrauten Umgebung des Tennisplatzes präsentiert wurden.
Wer gewann die virtuelle Ballsuche? Rein rhetorische Frage: Die Tennisprofis natürlich. Doch steigert die Expertise im Wahrnehmen schnell fliegender, kleiner, runder Objekte in Tennisplatzumgebung keineswegs die Perfektion, solcherart auch in freier Wildbahn besser zu meistern als Tennisungeübte. Nun sind tieffliegende Tennisbälle auch eher eine unübliche Begegnung im Alltag, der uns dafür durch zahlreiche andere Objekte wie Autos, Straßenbahnen und Co ständig darin übt, sich rapide Bewegendes auch im Augenwinkel zu registrieren und angemessen zu reagieren. Womöglich ist die Schule des Lebens in solchen Fällen sogar erfolgreicher bei Ottonormalverbraucher als das Balltraining auf dem verkehrssicheren Tennisplatz.

Tennisspieler sind außerdem prima darin, Geschwindigkeiten von Objekten abzuschätzen – aber nur, wenn diese auf sie zu fliegen. Entfernt sich das Ding, bleiben sie genauso durchschnittlich wie ihre Testkollegen. Auch irgendwie nachvollziehbar: Im ersten Fall gilt es, die eigene Reaktion vorzubereiten, im zweiten Fall ist jede Einflussnahme ausgeschlossen – warum sich also mit unnötigen Gedanken belasten?

Insgesamt zeigten die Tennisprofis in den Tests gelegentlich eine schnellere Verarbeitung bestimmter Informationen. Anders als erwartet vielleicht, hoben sie sich jedoch nicht durch eine verbesserte Aufmerksamkeit hervor oder die Fähigkeit, sich stärker auf eine einzelne Aufgabe konzentrieren zu können: Sollten sie in einer rasch ablaufenden Buchstabenfolge erkennen, ob ein bestimmtes Zeichen nach einem gegebenen Signal folgte, zeigten sie keine besonders bemerkenswerten Resultate [1].

Was bringen solche Erkenntnisse nun Andy Roddick? Oder seinen Gegnern? Die Forscher vermuten, dass eine gezielte Schulung auch abseits des Courts in Bewegungs- und Geschwindigkeitswahrnehmung sowie Objekterfassung das normale Training hervorragend ergänzen und die Leistungsfähigkeit fördern könnte. Aber dafür möchten sie erst eine größere Studie durchführen – vielleicht sogar mit Roger Federer?

Interessant wäre dann bestimmt noch, Golfspieler als Testteilnehmer zu gewinnen – um zu sehen, wie sie im "Such den Ball" in natürlicher Umgebung abschneiden. Schließlich müssten sie darin ja gut trainiert sein. Schulungsbedarf besteht hier wohl auch an ganz anderer Stelle: in Fahrstunden. Denn offenbar haben sich Unfälle mit Golf-Caddys in den USA mehr als verdoppelt [2]. Den meisten Schaden nahmen die Betroffenen, weil sie vom Karren fielen oder sprangen. Wobei sich Golf dabei ganz klar als ein Sport für jedes Alter offenbart: Die Verletzten zählten zwischen zwei Monate und 96 Jahre. Zum Glück schafft ein Caddy keine 250 Kilometer pro Stunde.
12.06.2008

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 12.06.2008

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  • Quellen
[1] Overney L. S. et al.: Enhanced Temporal but Not Attentional Processing in Expert Tennis Players. In: Public Library of Science One 3(6): e2380, 2008.
[2] Watson, D. S. et al.: Golf Cart–Related Injuries in the U.S.. In: American Journal of Preventive Medicine 35, S. 55–59, 2008.

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