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Bartholomew Roberts: Der erfolgreichste Pirat aller Zeiten

Vor 300 Jahren schleuderten Piraten den leblosen Körper ihres Captains in den Atlantik. »Black Bart« war Geschichte. Und mit ihm das goldene Zeitalter der Piraterie.
Piraten attackieren ein englisches Segelschiff, Gemälde aus der Schule von Willem van de Velde dem Jüngeren, um 1700

Für seinen letzten Auftritt am 10. Februar 1722 hatte sich Bartholomew Roberts noch einmal besonders in Schale geworfen: »Roberts selbst machte bei der Schlacht eine galante Figur, denn er trug eine karmesinrote Weste und Hosen aus Damast, eine rote Feder am Hut, eine goldene Kette um den Hals, an der ein diamantenes Kreuz hing, ein Schwert in der Hand und zwei Pistolen, die am Ende einer seidenen Schlinge hingen, die er sich über die Schultern geworfen hatte (wie es bei den Piraten Mode war)«, schreibt Charles Johnson in seinem Werk »A General History of the Robberies and Murders of the most notorious Pyrates«. An Deck stehend dirigierte Roberts ein tollkühnes Manöver: Anstatt vor dem Kriegsschiff auszuweichen, würde er seine »Royal Fortune« direkt darauf zujagen, um im richtigen Moment aus allen Rohren zu feuern und dann das Weite zu suchen.

Wie noch stets wählte Roberts in der misslichen Lage den furiosen Frontalangriff. Man kann darin ein Sinnbild für den Lebensweg des Mannes sehen, der sich nie zum Piraten berufen fühlte und doch zum erfolgreichsten seiner Zunft wurde. »Wenn ich schon Pirat sein muss«, soll er einst gesagt haben, »dann will ich wenigstens Anführer sein.«

Und wenn ihnen die Navy ein Gefecht aufzwang, dann war eine volle Breitseite seine Antwort. Doch dieses Mal nahm es einen anderen Ausgang als üblich. Nur wenige Stunden später dümpelte die »Royal Fortune« manövrierunfähig in den Wellen, die Crew hatte die Segel gestrichen und ihr Kapitän versank tot in den Tiefen des Atlantiks.

Wäre es nicht knapp drei Jahre zuvor zu einer schicksalhaften Begegnung vor der Küste des heutigen Ghana gekommen, hätte er wohl nicht den Ozean unsicher gemacht, nicht mehr als 400 Schiffe gekapert und wäre nicht in den Geschichtsbüchern gelandet. Sein Leben wäre wohl so ereignisarm verlaufen, wie es begonnen hatte um das Jahr 1682 im kleinen walisischen Dorf Casnewydd Bach (englisch Little Newcastle). John Roberts, so sein Geburtsname, soll mit 13 Jahren auf seinem ersten Schiff angeheuert haben – für die damalige Zeit nichts Ungewöhnliches. Warum John später als »Bartholomew« über die Weltmeere segelte, weiß man nicht. Doch änderten Seeleute nicht selten ihre Namen, nachdem sie auf die schiefe Bahn geraten waren. Noch bekannter ist Bartholomew Roberts unter seinem Beinamen »Black Bart« – nicht zu verwechseln mit Blackbeard, seinem noch berühmteren, aber nicht ganz so erfolgreichen Kollegen, bürgerlich Edward Thatch. Zeitgenössische Quellen beschrieben Roberts tatsächlich als »schwarz«, doch bezog sich das vermutlich auf einen besonders dunklen Teint. Der Beiname selbst ist vielleicht sogar eine moderne Erfindung des walisischen Schriftstellers Isaac Daniel Hooson (1880–1948).

Wer ist der Piratenkenner Johnson?

Wer heute an Piraten denkt, denkt zumeist an die Protagonistinnen und Protagonisten jenes »goldenen Zeitalters«, das Ende des 17. Jahrhunderts begann und zu Beginn des 18. endete. An Calico Jack, Henry Morgan, Anne Bonny und ihre cleveren Überfälle mit mutigen Manövern, grausamen Gewalttaten und sagenhaften Schätzen. Einen großen Anteil an diesem populären Bild hat das eingangs zitierte Werk jenes ominösen Captain Johnson. Bereits 1724 – also zwei Jahre nach Roberts' Tod – erschienen, fasst es die Biografien dieser Epoche zusammen und kombiniert dabei wahre Begebenheiten mit Seemannsgarn. Der Autor schenkt Roberts' Leben und Wirken besonders viel Aufmerksamkeit, da dieser »mehr Lärm in der Welt gemacht hat als jeder andere«. Als verlässliche Quelle für historische Fakten sind Johnsons »Pyrates« nur mit Vorsicht zu genießen. Doch aus Mangel an alternativen Zeugnissen bleibt oft nichts anderes, als das Werk mit Skepsis zu lesen und die Fakten von den Räuberpistolen zu trennen. Manches lässt sich mit Einzelquellen wie Zeitungsartikeln, Briefen oder Gerichtsunterlagen abgleichen, vieles nicht.

Bartholomew Roberts | Der berühmte Pirat schätzte ein glanzvolles Auftreten. Im Hintergrund sind die beiden Schiffe abgebildet, mit denen Roberts seinen letzten Kampf lieferte: die »Royal Fortune« und die »Ranger«. Der Stich stammt aus Charles Johnsons Buch »A General History of the Robberies and Murders of the most notorious Pyrates«, das 1724 veröffentlicht wurde.

Wer den Bestseller geschrieben hat, ist bis heute nicht geklärt. Bei Charles Johnson handelt es sich recht sicher um ein Pseudonym, hinter dem ein ausgewiesener Seefahrtexperte stecken muss. Kein Wunder also, dass Daniel Defoe, der Autor des »Robinson Crusoe«, als Kandidat in Verdacht geriet. Ausgaben des Buches sind sogar unter seiner Nennung erschienen. Inzwischen werden weitere Namen genannt, etwa der des Journalisten Nathaniel Mist.

»Wie ein Haufen Furien«

Dessen Zeitschrift »Weekly Journal« war es auch, die den Menschen diesseits des Atlantiks zum ersten Mal einen Piraten namens Roberts näherbrachte. Ein Artikel vom 15. Oktober 1720, der zwei Monate zuvor im amerikanischen »Boston News-Letter« erschienen war, vermittelt äußerst anschaulich einen Eindruck von einem Überfall auf das englische Schiff »Samuel« am 13. Juli 1720 südlich von Neufundland: »Das Erste, was die Piraten taten, war, sowohl den Passagieren als auch den Seeleuten alles Geld und alle Kleider, die sie an Bord hatten, abzunehmen, wobei sie jedem eine geladene Pistole an die Brust hielten, um ihn zu erschießen, der nicht sofort Rechenschaft darüber ablegte und beides herausgab. Das Nächste, was sie taten, war, mit Wahnsinn und Wut die Luken aufzureißen, wie ein Haufen Furien in die Kabinen einzudringen, wo sie mit Äxten, Hiebwaffen et cetera Truhen, Kisten, Kästen und Ballen aufschlitzten, zerrissen und aufbrachen, und wenn etwas von den Waren an Deck gelangte, das sie nicht mit an Bord ihres Schiffes nehmen wollten, warfen sie es über Bord ins Meer, anstatt es wieder ins Schiff zu werfen.«

Die beiden Piratenschiffe, so berichtet der Artikel, hätten unter dem Kommando eines gewissen Captain Thomas Roberts gestanden. Dieser sei im November 1718 als dritter Maat auf einem englischen Sklavenschiff nach Guinea aufgebrochen, das dann ebenfalls von Seeräubern überfallen worden sei. Roberts habe sich ihnen daraufhin angeschlossen »und da er ein tatkräftiger und mutiger Mann war, wählten sie ihn zu ihrem Anführer, was er auch bereitwillig annahm«, erfuhren die Leser des »Weekly Journal«.

Anfang und Ende der »Welsh Connection«

Kein Zweifel, dass es sich bei diesem »Thomas Roberts« um Bartholomew Roberts, den späteren »Black Bart« handelte. Denn in der Tat weiß man von einem Schiff namens »Princess«, auf dem Roberts Dienst tat und das im Mai/Juni 1719 vor Anomabu an der Küste des heutigen Ghana in die Hände des Piraten Howell Davis gefallen war. Dieser hatte Mitglieder der Besatzung gezwungen, sich seiner Mannschaft anzuschließen – eine übliche Vorgehensweise, um vor allem Fachkräfte wie Zimmermänner, Ärzte oder auch erfahrene Seeleute zu rekrutieren. Die einfachen Matrosen mussten häufig gar nicht lange überzeugt werden. Allein schon die zu erwartenden höheren Einnahmen entschädigten für die Gefahren des Piratenlebens. Während das durchschnittliche Jahreseinkommen eines englischen Seemanns bei etwa 15 bis 22 Pfund lag, wie der britische Historiker Ralph Davis anführt, fielen die Erlöse der Seeräuber mitunter 100- oder sogar 1000-fach höher aus.

Roberts dagegen schloss sich wohl weniger freiwillig an. Er hatte sich nach einem Vierteljahrhundert auf See herausragende nautische Fähigkeiten angeeignet und zum Offizier hochgearbeitet. Zudem war er durchaus gebildet, konnte lesen und schreiben. Für jemanden wie ihn war das angenehmere Leben in der Handelsmarine zu finden. Doch arrangierte er sich schnell mit dem neuen Berufsumfeld, vermutlich auch durch eine gewisse landsmännische Verbundenheit mit dem Anführer, der wie er aus Wales stammte und dessen Vertrauen er schnell gewann.

Die »Welsh Connection« war jedoch nur von kurzer Dauer. Denn sein neuer Vorgesetzter, der sich besonders auf Betrug, Entführung und räuberische Erpressung spezialisiert hatte, verstarb wenige Wochen später im Dienst. Wie der »Pyrates«-Autor berichtet, hatte sich der walisische Kapitän auf der Insel Principe – damals unter portugiesischer Herrschaft – als englischer Piratenjäger in königlicher Mission ausgegeben. Sein Plan, nicht nur Proviant zu bunkern, sondern auch gleich den Gouverneur der Insel zu entführen, wurde jedoch verraten. Als Captain Davis und einige seiner wichtigsten Leute ihr Opfer besuchten, um »eine Erfrischung zu nehmen«, gerieten sie in einen Hinterhalt und wurden bis auf einen getötet. Noch im Fallen habe der tödlich verwundete Davis seine Pistolen gezogen, er »feuerte sie auf seine Verfolger ab, wie ein Kampfhahn, der einen Todesstoß versetzt, damit er nicht ungerächt fällt«, so jedenfalls die dramatische Beschreibung aus der Feder Charles Johnsons.

Demokratie an Bord

An Bord von Davis' Schiff musste man alsbald bemerkt haben, dass etwas fürchterlich schiefgegangen war. Nachdem sie sich in Sicherheit gebracht hatte, beraumte die führerlos gewordene Mannschaft eine Versammlung an, um den neuen Anführer zu bestimmen. Als Kandidaten boten sich alte Weggefährten des toten Kapitäns an. Thomas Anstis oder Walter Kennedy etwa hatten Davis seit dessen Anfangstagen als Pirat begleitet, von beiden wird auch noch die Rede sein. Doch die Wahl der Mannschaft fiel auf Bartholomew Roberts, obwohl er erst wenige Wochen Teil der Crew war. Charles Johnson zitiert ein Besatzungsmitglied, das den Neuling einerseits auf Grund seines »Muts und seiner Geschicklichkeit in der Schifffahrt« vorschlug, andererseits, da er »durch seinen Verstand und seine Tapferkeit am besten in der Lage zu sein scheint, dieses Gemeinwesen zu verteidigen und uns vor den Gefahren und Stürmen eines instabilen Elements und den fatalen Folgen der Anarchie zu bewahren«.

Ob diese Rede nun wortwörtlich so gehalten wurde oder nicht, sie unterstreicht jedenfalls, dass auf einem Piratenschiff streng demokratische Regeln herrschten. Jeder Mann hatte genau eine Stimme. »Piraten wählten die demokratische Form politischer Organisation nicht zufällig«, erklärt der US-amerikanische Ökonom Peter Leeson in seinem Buch »The Invisible Hook: The Hidden Economics of Pirates«. »Sie erwuchs direkt aus der Erfahrung der Matrosen auf Handelsschiffen, auf denen Kapitäne autokratische Vollmachten hatten, die sie ungestraft missbrauchten.« Auf einem Piratenschiff war zwar eine Autorität erforderlich, die beispielsweise Entscheidungen während eines Kampfes traf. Diese Person erfüllte jedoch lediglich eine von vielen Funktionen. Weitere Aufgaben, wie die Zuteilung von Proviant und Beute oder die Lösung von Konflikten zwischen Besatzungsmitgliedern, übernahm der Quartermaster, der ebenfalls von der Crew bestimmt wurde.

Scheiterten die Amtsträger an ihren Aufgaben, so entzog die Mannschaft ihnen das Vertrauen wieder. Privilegien waren mit der Führungsposition kaum verbunden. »Der Kapitän darf nicht besser essen als der Ärmste an Bord. Wenn sie bemerken, dass er besseres Essen hat, bringen die Männer das Gericht aus ihrer eigenen Messe und tauschen es gegen das des Kapitäns aus«, schreibt beispielsweise Alexandre Olivier Exquemelin, der selbst als Arzt und Pirat zur See gefahren war, in seinem 1678 erschienen Buch »De Americaensche Zee-Rovers« (Die amerikanischen Seeräuber). Aus der Perspektive einer demokratischen Gesellschaft klingt das sehr vertraut – für die Zeit um 1700 war ein solches System aus Gewaltenteilung und »Checks and Balances« geradezu revolutionär. Die Aussicht auf solche Arbeitsbedingungen trug dazu dabei, dass sich nicht wenige Matrosen den Piraten freiwillig anschlossen oder sogar aufdrängten.

Brennender Hafen | Roberts' erste Amtshandlung war die Rache an Principe, dessen Hafen die Piraten in Brand schossen. Das Gemälde »Nächtlicher Brand in einem Seehafen« stammt von Claude-Joseph Vernet (1714-1789).

Die Piratenrunde

Bartholomew Roberts nahm die Wahl an. Als erste Amtshandlung befahl er einen kurzen Rachefeldzug gegen Principe; währenddessen überrannten sie die Festung der Insel und schossen Teile des Hafens in Brand. Danach stimmten sie auf der Insel Annobón, wo sie sich mit Proviant und Wasser eindeckten, über ihr weiteres Vorgehen ab. Sollten sie die Segel Richtung Indischer Ozean oder gen Brasilien setzen?

Man kann daran ablesen, wie enorm die Einflusssphäre der Piraten und wie groß ihr Bewegungsradius in dieser Zeit war. Auf der so genannten Piratenrunde raubten sie reich beladene Schiffe der verschiedenen Ostindien-Kompanien aus, die Waren aus dem indischen Mogulreich durch den Indischen Ozean transportierten. Sie kaperten muslimische Händler an der Küste der Arabischen Halbinsel. Sie betrieben selbst Handel mit Sklaven aus Ostafrika, stahlen Sklavenhändlern vor der Westküste Afrikas ihre menschliche Fracht, um sie dann in Nordamerika und der Karibik zu verkaufen. Und sie brachten Schiffe auf, die Waren zwischen der »Neuen« und der »Alten Welt« transportierten.

Piraterie gedieh auf der Schattenseite eines monopolisierten Welthandels

Historiker vermuten, dass den Seeräubern trotz ihrer destruktiven Vorgehensweise eine nicht unwichtige Rolle in den Wirtschaftsbeziehungen dieser Zeit zufiel. Denn die britische Regierung bestimmte durch den »Navigation Act« von 1651, dass der Warenverkehr zwischen England und seinen amerikanischen Kolonien nur über englische Schiffe verlaufen dürfe. Das senkte die Preise, die man in England für koloniale Importwaren zahlen musste, und erhöhte die Einnahmen, die man mit Exporten in die Kolonien generierte; Steuern und Zölle verschärften das noch. Den Interessen der Neuamerikaner stand beides diametral entgegen. Eine Folge: Der illegale Handel blühte. Und Piraten mischten auf diesem Schwarzmarkt kräftig mit, indem sie erbeutete Waren, Güter und Sklaven weiterverkauften.

Dadurch hätten sie die Funktion einer Art verdeckten Logistikunternehmens übernommen, schreibt etwa der Historiker Michael Kempe in einem Aufsatz zur Piratenrunde: eine alternative Marktverflechtung, die zwar »auf der Schattenseite der durch Monopole und staatliche Lizenzen dominierten internationalen Handelspolitik lag, zugleich aber als Reaktion auf diese zu ihr gehörte wie die zweite Seite ein und derselben Medaille«.

Wie gewonnen, so zerronnen

Bartholomew Roberts' Mannschaft entschied sich für Brasilien. Die portugiesische Kolonie, einer der größten Goldproduzenten der damaligen Welt, lockte mit reicher Beute und enttäuschte nicht: Kaum angekommen, entdeckten die Piraten nahe dem heutigen Recife 42 portugiesische Handelsschiffe, die sich auf ihre Abfahrt nach Lissabon vorbereiteten. Als Eskorte lagen zwei Kriegsschiffe vor Anker.

Roberts' Trupp schlich sich unter fremder Flagge in den Konvoi und forderte den Kapitän eines kleineren Schiffes auf, ihm den dicksten Fisch der Flotte zu nennen. Dieser zeigte auf die »Sagrada Familia«, ein Handelsschiff mit 40 Kanonen und 170 Mann Besatzung. Zwar durchschauten die Portugiesen kurz vor dem Angriff noch die Tarnung des längsseits gehenden Piratenschiffs, doch den trainierten Angreifern hatten sie nichts entgegenzusetzen, zumal sich die Eskorte vor einem Gegenangriff drückte. Roberts' Crew bleibt alle Zeit der Welt, um das besetzte Schiff nach Cayenne im heutigen Französisch-Guayana zu entführen und es dort auszunehmen.

Der Coup bescherte den Männern einen der wohl größten Schätze, den Piraten jemals erbeutet hatten: Neben Waren aus der Neuen Welt wie Kaffee und Zucker gab es in den Laderäumen der »Sagrada Familia« wertvolle Juwelen, Schmuck und 40 000 portugiesische Moidores aus purem Gold.

Roberts' Männer genossen ihren neu gewonnenen Reichtum in den Spelunken der benachbarten Teufelsinsel. Doch der Kapitän drängte zum Aufbruch. Vermutlich wollte er verhindern, dass sich in seiner Mannschaft der Gedanke an Ruhestand festsetzte. Im Hafen von Cayenne hatte seine Truppe praktisch im Vorbeigehen eine kleine, wendige Slup englischer Herkunft erobert und als »Good Fortune« ihrer Flotte hinzugefügt. Als Roberts erfuhr, dass sie nur die Begleitung einer größeren Brigantine war, nahm er die »Good Fortune« sogleich unter Segel und machte sich mit einer 40 Mann starken Abordnung an die Verfolgung. Er scheiterte doppelt: Die Brigantine entwischte ihm, und als er nach Cayenne zurückkehrte, musste er feststellen, dass sich der Großteil seiner zurückgelassenen Truppe mitsamt der »Sagrada Familia« und der darauf befindlichen Beute aus dem Staub gemacht hatte. Treibende Kraft hinter dieser Meuterei war Walter Kennedy, einer jener Männer, die bei der Kapitänswahl vor Principe das Nachsehen gehabt hatten.

Ein Teil der Verräter verstreute sich in der Karibik. Andere entschieden sich dazu, gemeinsam mit Kennedy nach Irland zu segeln, um dort den Enterhaken an den Nagel zu hängen. Doch da ihr neuer Kapitän nur über sehr beschränkte Navigationskenntnisse verfügte, verfehlten sie die Grüne Insel und landeten in Schottland, wo sie mit ihrer Feierlaune so viel Aufmerksamkeit auf sich zogen, dass sie festgenommen wurden. Von zwei Kronzeugen erfuhren die Richter schließlich, um wen es sich bei der lauten Truppe handelte. In einem kurzen Prozess im November 1720 wurden sie verurteilt – neun von ihnen zum Tod. Ein Jahr später kam Kennedy an den Galgen, nachdem er ebenfalls aufgeflogen war.

Rechte und Pflichten

Kennedys Verrat kostete »Black Bart« nicht nur den Goldschatz, sondern vorerst auch sein Amt. Die enttäuschten Männer setzten Thomas Anstis ein, unter dessen Führung die Piraten zunächst einige Erfolge verbuchen und Vorräte sowie Mannschaft wieder auffüllen konnten. Doch die »Good Fortune« brachte Anstis auf Dauer kein Glück. Im Februar 1720 griff er in Überschätzung der eigenen Stärke zwei Schiffe der königlichen Marine an. Die zusammengeschossene »Good Fortune« schleppte sich in einen Hafen von Dominica, die Schäden am Ansehen Anstis' waren irreparabel: Er wurde durch seinen Vorgänger ersetzt.

»Black Barts« Flagge | Die Niederlage in der Schlacht 1720 unter Kapitän Anstis soll Roberts so wütend gemacht haben, dass er eine neue Fahne entwerfen ließ: Sie zeigt einen Mann – vielleicht ihn selbst – mit einem brennenden Schwert in der Hand und auf zwei Schädeln stehend, darunter die Buchstaben ABH und AMH für »A Barbadian's Head« und »A Martinican's Head«. Bewohner beider Inseln hatten zuvor Schiffe ausgerüstet und gegen die Piraten ausgeschickt.

Mit Wut im Bauch verließ Roberts die Karibik Richtung Norden. Vor allem rund um Neufundland war nichts und niemand vor ihm sicher. Aus einer Liste aller bekannten Kaperungen in der »Black-Bart«-Biografie »If a Pirate I Must Be …« des britischen Journalisten Richard Sanders geht hervor, dass die Truppe in diesen Gewässern im Juni und Juli 1720 fast 300 Schiffe überfiel, darunter 150 bis 250 kleinere Fischerboote. Seine Slup »Good Fortune« tauschte Roberts alsbald gegen ein größeres Schiff ein, das er »Royal Fortune« nannte. Ein paar Tage später bekam ein noch größeres französisches Schiff mit 28 Kanonen diesen Namen verpasst, es wurde Roberts' wichtigste Operationsbasis für die kommenden Monate. Mit Einzug herbstlicher Temperaturen ließ Roberts Südkurs anlegen. Die Karibik war das Ziel.

Durch die Siegesserie war Roberts' Ansehen innerhalb der Mannschaft wiederhergestellt. Mit herausragenden Fähigkeiten als Pirat, seiner Entschlossenheit, Risikobereitschaft und einer ordentlichen Portion Charisma festigte er seine Führungsposition. Crew und Kapitän funktionierten als Team, nicht aber als Einheit. Roberts hatte fast 25 Jahre in der Handelsmarine gedient, dort strenge Disziplin kennen gelernt und sich einen Status erarbeitet, hinter den er offenbar nicht mehr zurückfallen wollte, auch nicht auf einem Piratenschiff. Er grenzte sich ab, schätzte feinen Zwirn mehr als grobes Seemannstuch, griff lieber zu einer guten Tasse Tee als zu einer Flasche Rum. Nach einer Kaperung tauschte er sich beim abendlichen Diner mit den überfallenen Kapitänen aus. Wie ein Politiker schrieb er sogar Briefe an militärische Befehlshaber, um über bestimmte Entwicklungen zu diskutieren. Ein solches Zeugnis ist bis heute in Kopie erhalten.

»Seine Karriere kann als der Kampf eines intelligenten, disziplinierten Mannes gegen die Anarchie, die der Lebensweise der Piraten innewohnt, betrachtet werden«, schreibt sein Biograf Sanders. Und Charles Johnson ergänzt: »Trotz der erfolgreichen Abenteuer dieser Mannschaft war es sehr schwierig, sie unter Kontrolle zu halten. Denn da sie fast immer verrückt oder betrunken waren, verursachte ihr Verhalten unendliche Unruhen, da jeder Mann in seiner eigenen Vorstellung ein Kapitän, ein Prinz oder ein König war.« In seinem Piratenkodex – dem Leitfaden für das Zusammenleben an Bord, den sich die meisten Seeräubergruppen dieser Zeit gaben – verbot Roberts das Glücksspiel um Geld. Er bestrafte jeden mit dem Tode, der eine Frau auf das Schiff brachte, und gewöhnte sich wohl überhaupt einen rabiaten Umgang mit den Männern an. »Er schätzte und fürchtete keinen von ihnen«, berichtet Johnson.

Reiche Beute in Neufundland | »Mit wehenden schwarzen Fahnen, Trommelschlägen und Trompeten«, schreibt Johnson, attackierte Roberts' Mannschaft den Hafen von Trepassey auf Neufundland, schossen fast zwei Dutzend Schiffe in Brand und kaperten das Schiff, das sie zur ersten »Royal Fortune« machten. Das Bild zeigt St. John's Harbour, ebenfalls in Neufundland, um 1798.

Zurück vor Westafrika

Der Führungsstil rächte sich: Nachdem in der Karibik mehr und mehr Kriegsschiffe patrouillierten, entschieden sich die Piraten, im Frühjahr 1721 mit ihrer kleinen Flotte erneut nach Afrika zu segeln. Auf halben Weg machte Kapitän Anstis, der eines der kleineren Schiffe kommandierte, über Nacht heimlich kehrt. Er habe genug vom hochmütigen Auftreten des schwarzen Bart gehabt, von dem er »nicht mehr als den Abfall ihrer Beute« bekam, erläutert »Pyrates«-Autor Johnson.

Doch auch an der afrikanischen Westküste war die Welt nicht mehr die alte. Mit der »HMS Weymouth« und der »HMS Swallow« kreuzten inzwischen zwei mit jeweils 250 Mann und 50 Kanonen ausgestattete britische Kriegsschiffe in den Gewässern, um den Handel an der Küste abzusichern. Die Piraten mussten fortwährend auf der Hut sein. Mehrere Monate schaffte es Roberts, seinen Geschäften nachzugehen und sich gleichzeitig darüber informiert zu halten, wo sich die beiden Patrouillen befanden. An der Mündung des Cestos River im heutigen Liberia rissen sie sogar eine britische Fregatte der Royal African Company an sich. Sie wurde »Black Barts« dritte – und mächtigste – »Royal Fortune«. Ein Flaggschiff wie gemacht für einen Piraten, der seinesgleichen suchte.

»Er geriet in den Schlund der Gefahr, als er sich am weitesten davon entfernt wähnte«(Captain Johnson)

Ahnte ihre Crew damals, dass das »goldene Zeitalter der Piraterie« kurz vor seinem Ende stand? Dass sich die Allgegenwart der Marineschiffe als Dauereinrichtung erweisen würde? Dass sich nach ihrem Captain lange kein anderer durch solch ein Kapergeschick hervortun sollte? Richard Sanders nennt Schätzungen, wonach zwischen 1719 und 1722 noch konstant etwa 2000 Seeräuber auf der Piratenrunde unterwegs waren. Ab da schrumpfte die Zahl bis 1725 auf etwa 200, ein Jahr später waren sie fast vollständig verschwunden. Auch von Roberts' 250 Mann würden noch vor Jahresfrist 52 gehenkt und zur Abschreckung ausgestellt werden, 20 in den Minen eingehen und 75 Afrikaner in die Sklaverei verkauft werden. Die Kolonialmächte, allen voran Großbritannien, ließen sich den Handel schlicht nicht mehr verderben.

Ein verhängnisvoller Irrtum

Am Ende war es einfach Pech, das »Black Barts« Flotte direkt in die Arme der Royal Navy trieb. Die beiden Marineschiffe hatten wegen einer Seuche an Bord spontan ihre Pläne geändert. Roberts glaubte sie vor dem heutigen Sierra Leone, in Wahrheit lagen sie noch vor Principe, und er »geriet in den Schlund der Gefahr, als er sich am weitesten davon entfernt wähnte«, fasst Johnson zusammen.

Am Cap Lopez vor der Küste des heutigen Gabun trafen schließlich Anfang Februar 1722 beide Parteien aufeinander. Roberts beharkte mit seiner kleinen Flotte gerade die britische »Neptune«, als die »HMS Swallow«, angelockt durch die Kanonenschüsse, am Horizont auftauchte. Da sich zwischen beiden eine Sandbank befand, befahl der britische Kapitän Chalone Ogle, das Hindernis zu umfahren. Roberts missinterpretierte die Richtungsänderung als Fluchtversuch eines ankommenden Handelsschiffs. Er befahl dem Kapitän eines seiner Schiffe, der »Ranger«, die Verfolgung aufzunehmen – mit fatalen Folgen. Denn die Briten erkannten den Fehler und lockten die Angreifer weiter aufs Meer hinaus, bis sie außerhalb der Hörweite zum Cap Lopez waren. Auf diese Weise vermieden sie das Risiko, gegen beide Piratenschiffe gleichzeitig kämpfen zu müssen. Die »Ranger« segelte blindlings in die Falle.

Cape Coast Castle | Die britische Festung, heute eine UNESCO-Weltkulturerbestätte in Ghana, befindet sich an der Goldküste. 147 Gefangenen aus »Black Barts« Mannschaft wurde dort der Prozess gemacht. Mehr als die Hälfte hatte sich Roberts erst vor Afrika angeschlossen, sie kamen mit Milde davon. Viele andere endeten am Strick.

Die Schlacht von Cap Lopez

Am 9. Februar kehrten die Briten zurück, um sich auch noch den Hauptpreis zu holen. Am Cap Lopez, das in dichtem Nebel lag, bemerkte Kapitän Ogle, dass die Piraten gerade die erbeutete »Neptune« ausnahmen. Der erfahrene Seemann wusste, dass dabei reichlich Alkohol fließen würde, und verschob den Angriff deshalb auf den kommenden Morgen, in der Hoffnung, dass die meisten von »Black Barts« Männern zu verkatert zum Kämpfen sein würden.

Er lag richtig mit dieser Vermutung. Bartholomew Roberts frühstückte gerade, als er vom Herannahen des deutlich überlegenen Kriegsschiffs erfuhr. Sofort ließ er gefechtsklar machen und kommandierte das Frontalmanöver: den Wind von hinten nutzen, am Gegner vorbeirauschen, eine Breitseite abfeuern und möglicherweise auch eine solche einstecken. So hoffte er genug Zeit für die Flucht herausschlagen zu können. Falls nicht, wollte er das eigene Schiff entweder auf Grund setzen und an Land flüchten oder es zusammen mit dem Gegner sprengen.

Schnell erreichte die »Royal Fortune« den Angreifer. Beide Schiffe feuerten, mit unterschiedlichem Resultat: Während die »Swallow« kaum Schaden erlitt, verlor die »Royal Fortune« einen Mast. Trotzdem verfolgte Roberts seinen Plan weiter und nahm Fahrt auf. Der Piratenkapitän stand an Deck direkt neben dem Steuerrad, um Befehle zu geben. Doch vergeblich: Auf Grund der Schäden und falscher Segelmanöver, vielleicht wegen der langen Nacht zuvor, gelang es den Briten, eine weitere verheerende Salve auf die Piraten abzugeben. Diese streckte auch Roberts nieder. Eine Kartätsche, ein Geschoss, das beim Aufprall mehrere kleinere Kugeln über das Deck jagte, traf ihn direkt am Hals und zerfetzte ihm die Kehle. Als einer seiner Männer feststellte, »dass sein Kapitän mit Sicherheit tot war, brach er in Tränen aus und wünschte, der nächste Schuss möge sein Los sein. Sie warfen ihn mit seinen Waffen und seinem Schmuck über Bord, wie er es zu Lebzeiten wiederholt gefordert hatte«, berichtet Charles Johnson.

Damit war die Schlacht entschieden. Die teils derangierten Piraten hatten ihren Leitwolf verloren; das Schiff war kaum noch manövrierfähig. Drei Piraten starben an diesem Tag, zehn wurden verwundet. Gegen Abend saß die gesamte Seeräuberbande, auch die Besatzung der »Ranger«, nackt und in Ketten unter Deck der »Swallow«. Die Zeit für die Legendenbildung war gekommen.

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