Herz-Kreislauf-Erkrankungen: Bauchfett erhöht das Herzrisiko sogar bei Normalgewicht

Um das Risiko einer Herz-Kreislauf-Erkrankung einzuschätzen, ist es wichtig, den Taillenumfang zu berücksichtigen. Er wächst mit dem Bauchfett und zeigt das Erkrankungsrisiko verlässlicher an als der Body-Mass-Index (BMI). Das berichtet eine Forschungsgruppe um die Biostatistikerin Zeina Dardari von der Johns Hopkins University.
Üblicherweise dient der BMI dazu, Übergewicht oder krankhaftes Übergewicht (Adipositas) zu kennzeichnen – beides wichtige Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Er lässt sich berechnen, indem man das Körpergewicht in Kilogramm durch die Körpergröße in Metern zum Quadrat teilt. Meist wird er einheitenlos angegeben. Ist er kleiner als 18,5, liegt nach klinischen Maßstäben ein Untergewicht vor. Werte zwischen 18,5 und 24,9 entsprechen einem Normalgewicht; zwischen 25,0 und 29,9 liegt Übergewicht vor; und oberhalb von 30,0 schließlich Adipositas.
Allerdings berücksichtigt der BMI nicht die Verteilung des Körperfetts. Wie die Studie von Dardari und ihrem Team zeigt, hat der Taillenumfang aber einen enormen Einfluss auf das Erkrankungsrisiko. Schon zuvor hatten zahlreiche Untersuchungen ergeben, dass ein Übermaß an viszeralem Körperfett – Bauchfett, das die inneren Organe umhüllt – das Risiko von Herzerkrankungen und Diabetes stark erhöht. Subkutane Fettdepots hingegen, die direkt unter der Haut liegen, scheinen gesundheitlich weniger bedenklich zu sein.
Zuviel Bauchfett führt zur Apfelform
Hat der Körper übermäßig viel viszerales Fett eingelagert, äußert sich das typischerweise in einem runden Bauch bei relativ schlanken Beinen und Armen. Diese »androide« Fettverteilung, auch als Apfeltyp bezeichnet, tritt vorwiegend bei Männern auf. Dardari und ihr Team haben medizinische Daten von mehr als 260 000 Personen analysiert, die einen Beobachtungszeitraum von etwa 20 Jahren abdecken. Es handelte sich um Menschen, von denen der Taillenumfang oder das Taillen-Hüft-Verhältnis bekannt war und bei denen es zu verschiedenen Herz-Kreislauf-Komplikationen gekommen war, darunter Herzinsuffizienz, Vorhofflimmern, koronare Herzkrankheit, Herzinfarkte oder Schlaganfälle.
Die Auswertung ergab: Personen mit Normalgewicht, aber großem Taillenumfang beziehungsweise erhöhtem Taillen-Hüft-Verhältnis trugen ein gesteigertes Risiko für Herz-Kreislauf-Komplikationen. Das galt (erwartungsgemäß) auch für Übergewichtige mit rundem Bauch. Das Risiko einer Herz-Kreislauf-Erkrankung zeigte sich in dieser »Apfeltyp-Gruppe« um bis zu 50 Prozent angestiegen.
Menschen mit Adipositas hingegen, die einen verhältnismäßig kleinen Taillenumfang hatten und damit dem sogenannten »Birnentyp« entsprachen, trugen kein bedeutsam erhöhtes Erkrankungsrisiko, verglichen mit Normalgewichtigen mit schlanker Taille.
»Unsere Ergebnisse unterstreichen, wie wichtig es ist, ein Übermaß an viszeralem Fett zu erkennen – egal, ob bei Personen mit normalem BMI oder mit BMI im Übergewichtsbereich. Sich ausschließlich auf den BMI zu verlassen, kann zu einer Fehleinstufung des kardiovaskulären Risikos führen«, äußert Dardari in einer Pressemitteilung.
Kai-Uwe Jarr, Forschungsgruppenleiter »Translational Cardio-Immunology« am Universitätsklinikum Heidelberg, hält diese Ergebnisse für plausibel. Er selbst war an der Studie nicht beteiligt. »Die Ergebnisse fügen sich grundsätzlich in eine wachsende, aber nicht widerspruchsfreie Evidenz ein: Kohortenstudien deuten darauf hin, dass Maße der Fettverteilung (Taillenumfang oder Taillen-Hüft-Verhältnis) mindestens ebenso gut wie der BMI mit dem kardiovaskulären Risiko zusammenhängen, teilweise sogar aussagekräftiger sind«, äußert er gegenüber »Spektrum«. Es könne zwischen stoffwechselaktivem viszeralem Fett und weniger riskantem subkutanem Fett unterschieden werden. Besonders der Befund zu normalgewichtigen Personen mit großem Taillenumfang passe zu dem Begriff »metabolisch ungünstiges Normalgewicht«. Ein normaler BMI könne ein erhöhtes Erkrankungsrisiko verdecken, schreibt Jarr.
Zu den Einschränkungen der Studie zählt, dass die Fachleute weder die körperliche Aktivität noch die Ernährung noch das genetische Adipositasrisiko der Probanden erfasst haben, die allesamt eine Rolle bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen spielen. Zudem wurde der Taillenumfang beziehungsweise das Taillen-Hüft-Verhältnis jeweils nur einmal gemessen – wie sich Veränderungen des viszeralen Fetts auswirken, lässt sich auf dieser Grundlage nicht beurteilen.
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