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Bedrohte Forschung: Die Allianz der Datenretter formiert sich

Budgetkürzungen, Entlassungen, Zensur: Die US-Regierung sabotiert die Klimaforschung. Doch die Wissenschaftler wehren sich. In diesen Tagen entsteht dies- und jenseits des Atlantiks eine neue Allianz, die zum Ziel hat, wissenschaftliche Daten sabotagesicher zu verwahren und international nutzbar zu machen.
Darstellung der Erde aus dem Weltraum mit einem Netzwerk aus leuchtenden Linien und Knotenpunkten, die die globale digitale Vernetzung symbolisieren. Die Erdoberfläche ist teilweise von Wolken bedeckt, und die Kontinente sind sichtbar. Der Hintergrund ist ein dunkler Weltraum mit vereinzelten Sternen. Schlüsselwörter: Erde, Weltraum, Netzwerk, digitale Vernetzung, Technologie.
Ein weltumspannendes Netz an Beobachtungssystemen liefert laufend Daten für Geo- und Klimawissenschaft. Fallen diese Daten aus, hat das weitreichende Konsequenzen.

Ende 2024 erhielt das Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung (AWI) in Bremerhaven einige Anfragen aus den USA, die tief blicken ließen. Mitarbeiter der Wetter- und Ozeanografiebehörde NOAA erkundigten sich vorsichtig, ob es möglich wäre, Umweltdaten zur Sicherheit auch in Deutschland zu lagern. »Die Unsicherheit war groß«, erinnert sich Frank Oliver Glöckner, der am AWI ein Daten-Repositorium namens »Pangaea« leitet und an der Universität Bremen als Professor für das Fachgebiet »Erdsystem Datenwissenschaften« lehrt. 

Unter US-Wissenschaftlern ging damals die Angst um, dass der bevorstehende zweite Amtsantritt von Donald Trump wertvolle Klimadaten in Gefahr bringen könnte. Wie sich herausstellte, war diese Sorge durchaus berechtigt.

Daten sind das Fundament der gesamten Geo-, Umwelt- und Klimaforschung – egal ob auf Papier, Magnetbändern oder Festplatten. Milliardensummen an Steuergeldern fließen weltweit in Messprogramme, mit denen Trendanalysen, Modelle und Szenarien entwickelt werden. Diese erscheinen als Studien und werden in IPCC-Berichten besprochen. Allein NOAA betreibt mit rund 12 000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern an Land, auf dem Meer und im Weltraum eines der intensivsten Erdbeobachtungs- und Messprogramme weltweit.

Als Datenquellen dienen Wetterstationen ebenso wie Satelliten, hochsensible Messgeräte auf Bergspitzen und Drohnen, die tief ins Meer tauchen. Wenn Forschungsschiffe nach Expeditionen aus der Arktis oder von der Hochsee zurückkommen, entlädt ihre Besatzung containerweise Festplatten. Auf den trockenen Fluren der Institute sind dann ganze Abteilungen damit beschäftigt, Rohdaten nutzbar zu machen und in gigantische Modelle zu füttern. Diese sollen als digitale Zwillinge von Prozessen im Erdsystem dienen und beispielsweise Vorhersagen erlauben.

Doch in den USA ist das Datenfundament der Wissenschaft in Gefahr. Die US-Regierung leugnet den wissenschaftlichen Konsens, dass von Menschen ausgestoßene Treibhausgase einen gefährlichen Klimawandel verursachen. Sie hat den UN-Weltklimavertrag von Paris verlassen und als Ausdruck ihres Kurses im Frühjahr 2026 einem Energiekonzern eine Milliarde Dollar Subventionen dafür zugesagt, ein Windkraftprojekt aufzugeben und stattdessen in fossile Energie zu investieren. Die Arbeit des Weltklimarats IPCC verunglimpft Trump als »scam«, also als betrügerische Täuschung.

Zwar ist bisher noch kein Fall bekannt, bei dem die Trump-Regierung wissenschaftliche Datensätze – etwa Temperaturaufzeichnungen aus der Arktis, Koordinaten von Überschwemmungsgebieten oder Messungen von Meeresströmungen – gezielt zerstört hätte. »Konkrete Löschungen von Daten gibt es bisher keine«, erklärt die American Geophysical Union (AGU) auf Anfrage von »Spektrum.de«. Es komme aber zu »immer mehr Androhungen und Schritten, den Zugang zu wissenschaftlichen Datensätzen zu erschweren, Daten zu verändern oder die nötigen Mittel zu streichen.«

Oder es werden ganze Kommunikationskanäle gelöscht.

Phönix aus der Asche: climate.us

Was es heißt, wenn die eigene Arbeit politisch nicht mehr erwünscht ist, erfuhr Rebecca Lindsey im Februar 2025. Fast 15 Jahre lang hatte sie für NOAA die Website climate.gov verantwortet. Deren Zweck war es, die Öffentlichkeit über die neuesten Klimadaten, Trends und Studien zu informieren. Ziel sei es gewesen, »unabhängig von der jeweiligen Politik zu vermitteln, was die Wissenschaft über das Klima und den Klimawandel weiß«, sagt Lindsey. Doch das Team, das die Erkenntnisse der NOAA-Forscher mit täglich neuen Daten und Nachrichten der Öffentlichkeit vermittelte, war von Donald Trumps Regierung nicht länger erwünscht. »Wie Hunderte andere NOAA-Mitarbeiter bekam auch ich im Februar 2025 eine E-Mail, dass mein Arbeitsvertrag in zwei Stunden enden würde«, sagt Lindsey. Wenig später sei ihr Team ebenfalls entlassen worden.

Wer heute »climate.gov« in seinen Browser tippt, wird von der von Trump eingesetzten NOAA-Leitung zu einer Website weitergeleitet, die nur noch sporadisch Meldungen bietet. Den Verlust der öffentlich zugänglichen Informationen will Rebecca Lindsey nicht akzeptieren. Ende Juni 2026 hat sie mit einem kleinen Team die Website climate.us gelauncht – als Versuch, den früheren Informationsservice unabhängig von der Regierung weiterzuführen. »Wir wollen dieselbe unabhängige Wissenschaftskommunikation bieten, wie wir das früher mit climate.gov konnten«, sagt sie.

»Wir können mit unseren Mitteln vorhandene Daten erklären, aber wir können keine Daten retten, sollten sie gefährdet sein«Rebecca Lindsey, Initiatorin von climate.us

Eines wird die Initiative allerdings nicht leisten können, betont Lindsey: die Klima- und Umweltdaten von NOAA selbst zu sichern. »Wir können mit unseren Mitteln vorhandene Daten erklären, aber wir können keine Daten retten, sollten sie gefährdet sein«, sagt sie. Dazu braucht es deutlich größere Akteure. Und die haben sich bereits an die Arbeit gemacht.

Augen im Weltall |

Ohne Satelliten wären Erdbeobachtungsprogramme nicht denkbar. Um kontinuierliche Messreihen zu kompromittieren, genügt es schon, wenn Forschern der Zugang zu den gesendeten Daten versperrt wird, wie es im Juni 2025 mit Satellitendaten über die Dicke des arktischen Meereises geschah. Im Bild zu sehen ist der Sentinel-2-Satellit des europäischen Erdbeobachtungsprogramm Copernicus.

Länderübergreifende Datenrettung

Als das AWI die eingangs erwähnten, ersten Anfragen von der NOAA erhielt, fiel schnell die Entscheidung, kollegiale Hilfe zu leisten. »Wir haben Datensätze angenommen, in Pangaea eingepflegt und publiziert«, sagt Glöckner. Die Anfragen aus den USA lösten aber noch viel mehr aus: »Das war wie ein Schuss vor den Bug, der uns allen gezeigt hat, wie fragil eigentlich das Datenökosystem ist, weil wir uns einfach darauf verlassen haben, dass alle Komponenten immer funktionieren.«

Auf der anderen Seite des Atlantiks tritt nun die AGU auf den Plan. Die 1919 gegründete Gesellschaft mit Sitz in Washington ist mit 60 000 wissenschaftlichen Mitgliedern eine der größten Organisationen für die Geo-, Klima- und Umweltwissenschaften. Seit 1972 arbeitet sie gänzlich unabhängig von der US-Regierung. Sie schickt sich jetzt an, wichtige Forschungsdaten zu sichern und, wenn nötig, zu retten.

Die Institution ist nicht allein. Deutsche Forscher blicken mit Sorge auf die Entwicklungen in den USA: »In der Erdsystemforschung brauchen wir Daten aus aller Welt, und wenn auch nur ein Teil weg ist, ist das ein ungeheurer Schaden«, sagt Wolfgang Graf zu Castell-Rüdenhausen. Der Leiter des Departments Geoinformation am Helmholtz-Zentrum für Geoforschung in Potsdam (GFZ) sieht auch andere Risiken: »Es braucht noch nicht einmal eine Regierung, die der Wissenschaft gezielt Schaden zufügen will. Schon ein einfacher Waldbrand, der ein Forschungsinstitut verschlingt, kann dazu führen, dass wertvolle Daten für immer verloren sind.«

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) fördert seit Ende 2025 konkrete Projekte zur Sicherung von Daten aus den USA. Zu den fünf bisher unterstützten Vorhaben gehört das Projekt der Technischen Informationsbibliothek Hannover, ein »dezentrales, föderiertes System für die Langzeitarchivierung gefährdeter Datensätze zu entwickeln«.

Budgetkürzung, Shutdown, Wegfall von Programmen

Mittel und Wege, der Klimaforschung zu schaden, gibt es viele. Eine Regierung kann Messreihen mittels Budgetkürzung beenden oder den Zugang der Forschung unterbinden, wie es das US-Verteidigungsministerium im Juni 2025 bei Satellitendaten über die Dicke des arktischen Meereises getan hat. Wenn die Wartung und Kalibrierung von Messgeräten auch nur für einige Wochen unterbleiben, wie es beim letzten Shutdown der US-Regierung passiert ist, können Datenreihen kompromittiert sein. Um Schaden anzurichten, reicht es sogar, den digitalen Weg zu einer Datenbank zu versperren oder alte Programme zu deren Analyse zu löschen.

Vor allem wenn Daten und Modelle nur an einem Ort auf Festplatten oder Magnetbändern gespeichert sind, ist das Risiko groß, sie zu verlieren. Dann kann schon ein Beamter, der Lagerraum einsparen will, jahrelange Arbeit zunichtemachen. Während es in manchen Wissenschaftsdisziplinen, etwa in der Genomforschung, bereits seit Langem üblich ist, global gemeinsame Datenbanken zu unterhalten und mit Ablegern an mehreren Orten abzusichern, sind Klimadaten noch immer fragmentiert.

Die American Geophysical Union setzt sich nun an die Spitze der Bewegung, die daran arbeitet, den Datenschatz der Geo-, Umwelt- und Klimaforschung weltweit neu zu organisieren – und baut dafür Partnerschaften mit deutschen und anderen europäischen Forschungseinrichtungen auf.

Trump habe der Wissenschaft »in gewissen Grenzen einen Gefallen getan, weil klar wurde, wie wichtig es ist, Daten nicht nur für sich selbst zu horten, sondern der globalen Wissenschaftsgemeinschaft zur Verfügung zu stellen«, sagt AWI-Forscher Glöckner.

»Es wurde klar, wie wichtig es ist, Daten der globalen Wissenschaftsgemeinschaft zur Verfügung zu stellen«Frank Oliver Glöckner, Datenwissenschaftler

Daran arbeitet der Wissenschaftler nun mit NCAR, dem National Center for Atmospheric Research in Boulder/Colorado, einem weltweit hoch angesehenen Institut für Atmosphären- und Klimaforschung, das die Trump-Regierung schließen will: »Wir entwickeln Protokolle und Prozedere, wie wir Daten austauschen, mehrere Kopien weltweit verteilen und ihre Analyse dauerhaft möglich machen.« Dazu werden sogenannte »Rettungspakete« entwickelt, die neben den Rohdaten spezielle Analyseprogramme und Gebrauchsanleitungen enthalten.

Solche Kooperationen sollen jetzt zur neuen Norm in der Wissenschaft werden.

Forschungseisbrecher »Polarstern« |

Von Schiffsexpeditionen wie hier in die Arktis bringen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler tonnenweise Daten mit: etwa zur Dicke und Beschaffenheit des Meereises, zu Strömungen und chemischer Zusammensetzung der Wassersäule oder zu Eigenschaften der Atmosphäre. All diese Daten müssen sicher verwahrt und zugänglich bleiben, damit sie eines Tages ausgewertet werden können.

Eine Allianz formiert sich

Im März 2026 wählte die American Geophysical Union Berlin als Austragungsort für ein »Earth, Space and Environmental Sciences Global Data Resilience Convening«. Resilienz bedeutet in diesem Kontext, Daten vor Attacken und Gefahren zu schützen und im Fall eines Verlusts Ersatz parat zu haben. Mehr als Hundert Vertreterinnen und Vertreter von Wissenschaftsorganisationen und Forschungsinstituten beidseits des Atlantiks kamen in der deutschen Hauptstadt zusammen, um Strategien zu entwickeln, Daten aus der Erd- und Umweltforschung global zu sichern und länderübergreifend zugänglich zu machen.

Seit der Zusammenkunft in Berlin gibt es regelmäßige Telefonkonferenzen, zehn international besetzte Teams entwickeln derzeit Vorschläge für die nächsten Schritte. Noch 2026 sollen laut AGU erste Projekte starten.

Aus Deutschland sind federführend große Forschungseinrichtungen wie AWI, GFZ, Geomar und die naturkundliche Senckenberg Gesellschaft aktiv, zudem die Technische Universität Dresden. »Send Earth Data« heißt dieser deutsche Teil der Initiative, den Wolfgang Graf zu Castell-Rüdenhausen vom Geoforschungszentrum Potsdam koordiniert. Neben ausreichend Fachkräften und Speicherkapazität gilt es, die Abläufe juristisch wasserdicht zu machen: »Wir müssen sicherstellen, dass für alles Lizenzen vorliegen und keine Interessen nationaler Sicherheit verletzt werden«, sagt er.

Eine Schlüsselrolle dabei, US-Klimadaten zu sichern, spielt das schon 1988 gegründete Deutsche Klimarechenzentrum (DKRZ) in Hamburg. Es wird von der Universität Hamburg, der Max-Planck-Gesellschaft und zwei Helmholtz-Zentren getragen und beherbergt Supercomputer und gigantische Datenspeicher. In diesen Tagen bauen Spezialisten in dem kühl-grauen Gebäude im Universitätsviertel neue »Racks« für acht Petabyte Daten ein. Die zusätzlichen Speicher sind dafür vorgesehen, dem US-Beitrag zum nächsten Bericht des Weltklimarats IPCC eine zweite digitale Heimat in Europa zu geben.

Kein Risiko eingehen

Der siebte große Sachstandsbericht zum Weltklima soll 2029 erscheinen. »Forschungszentren zur Klimamodellierung auf der ganzen Welt rechnen gerade ihre Simulationen durch und sammeln diese Daten ein«, sagt Christopher Kadow, Abteilungsleiter für Datenanalyse am DKRZ. Aus ihnen entsteht dann im »Coupled Model Intercomparison Project« (CMIP) die neueste Datengrundlage des IPCC.

Das Risiko, dass wichtige Beiträge aus technischen oder politischen Gründen ausfallen, dürfe man nicht einfach in Kauf nehmen, sagt Kadow: »Wir haben der Deutschen Forschungsgemeinschaft vorgeschlagen, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus den USA und anderen Ländern quasi einen offenen Hafen zu bieten, um diese Daten aufzunehmen, und wir haben prompt eine Förderung dafür bekommen.« Das Projekt mit dem programmatischen Namen »CMIP7-ark« soll als Arche für den US-Beitrag zum siebten IPCC-Report dienen.

Hochleistungsrechner für die Klimaforschung |

Das Deutsche Klimarechenzentrum (DKRZ) in Hamburg spielt eine Schlüsselrolle dabei, US-Klimadaten zu sichern. Derzeit werden zusätzliche Speicher eingebaut, um dem US-Beitrag zum nächsten Bericht des Weltklimarats IPCC eine zweite digitale Heimat in Europa zu geben. Auf dem Bild zu sehen ist ein Ausschnitt von Levante, dem vierten und neuesten Hochleistungsrechnersystem für die Erdsystemforschung am DKRZ.

Dass die neuen Speicher direkt vor Ort in Hamburg entstehen und nicht etwa bei einem Cloud-Service wie AWS gemietet werden müssen, der zum US-Konzern Amazon gehört, hat Kadow zufolge mehrere Vorteile: »Die Daten sind nicht nur sehr sicher, sondern auch in unmittelbarer Nähe, was das Rechentempo enorm erhöht.«

»Es wäre gut, wenn alle Klimadaten künftig weltweit durch digitale Pipelines verbunden wären und wir bei einer Gefahr einfach nur einen Hebel umlegen müssten, um sie an anderer Stelle zu sichern«, sagt Kadow. Das könnte auch der deutschen Wissenschaft helfen: »Wir sind vor neuen Risiken und vor Entwicklungen wie in den USA auch nicht komplett geschützt.«

»Wir sind vor neuen Risiken und vor Entwicklungen wie in den USA auch nicht komplett geschützt«Christopher Kadow, Datenanalyst

Ein großes Risiko können die bisherigen Initiativen allerdings nicht beheben: den drohenden Wegfall ganzer Messprogramme, ob aus dem Weltall oder auf dem Ozean. Zwar rückte die National Science Foundation nach Protesten aus der Wissenschaft im Juni 2026 von ihrem Plan ab, große Teile eines Ozean-Überwachungssystems abzubauen. Bojen, die bereits eingesammelt worden waren, wurden wieder ausgebracht. Doch schon jetzt ist klar, dass US-Investitionen in die Erdbeobachtung, vor allem aus dem Weltraum, deutlich zurückgehen werden.

AWI-Forscher Glöckner sieht die Stunde der europäischen Forschungspolitik gekommen, im Gegenzug die Investitionen etwa für Umweltsatelliten oder Klimamessungen in der Arktis und im Ozean massiv auszubauen: »Da müssen wir uns in Europa jetzt auf die Hinterbeine stellen.«

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