Autismus und Mathe: Größere Unterschiede als vermutet

Menschen mit Autismus schneiden in Mathematik im Durchschnitt etwas schlechter ab als nichtautistische – gleichzeitig unterscheiden sich ihre Fähigkeiten untereinander stärker. Das zeigt eine Studie, die im Fachblatt »Nature Human Behaviour« erschienen ist.
Ein Forschungsteam um Jiaxi Li von der Universität Hongkong wertete dafür vorhandene Studien zur mathematischen Leistungsfähigkeit bei Autismus systematisch aus. Insgesamt flossen Daten aus 66 Arbeiten in die Metaanalyse ein. Zusätzlich analysierten die Wissenschaftler mögliche Einflussfaktoren wie Alter, Intelligenz oder die Schwere der Autismus-Symptome.
Das Ergebnis: Im Schnitt erzielten autistische Teilnehmende niedrigere Werte in Mathetests als Vergleichsgruppen ohne Autismus. Gleichzeitig waren ihre Leistungen deutlich variabler – die Unterschiede zwischen einzelnen autistischen Personen waren also größer. So lag die Streuung der Testergebnisse innerhalb der Autismusgruppen 17 bis 35 Prozent über jener der Vergleichsgruppen.
Ein wichtiger Einflussfaktor war die Intelligenz: Je höher der IQ, desto kleiner fiel der Unterschied zwischen autistischen und nichtautistischen Personen aus. Dennoch blieb auch bei statistisch angeglichenem IQ eine Leistungslücke bestehen, was darauf hindeutet, dass neben kognitiven Fähigkeiten weitere Faktoren eine Rolle spielen könnten. Denkbar seien etwa Schwierigkeiten bei Aufmerksamkeit, Motivation oder emotionaler Regulation während komplexer Aufgaben.
Auffällig war außerdem, dass sich in neueren Studien die Leistungsunterschiede tendenziell vergrößert haben. Die Forschenden vermuten, dass mathematische Förderung bei Autismus bislang weniger im Fokus steht als etwa soziale oder sprachliche Fähigkeiten. Gleichzeitig könnte auch eine strengere Methodik moderner Studien Unterschiede deutlicher hervortreten lassen.
Insgesamt zeichnen die Ergebnisse ein differenziertes Bild: Zwar gibt es autistische Menschen mit außergewöhnlichem mathematischen Talent. Im Schnitt jedoch zeigen sich geringere Leistungen, vor allem aber eine größere Bandbreite an Fähigkeiten. Die Autorinnen und Autoren betonen daher, dass mathematische Förderung stärker individualisiert und langfristig angelegt sein sollte, um den unterschiedlichen Lernprofilen autistischer Menschen besser gerecht zu werden.
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