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Begabung und Erfolg: Genie allein reicht nicht

Manche Menschen vollbringen erstaunliche Leistungen, sei es im Sport, in der Kunst oder der Wissenschaft. Verdanken sie ihren Erfolg vor allem einer besonderen Begabung?
Ein Kind in einem weißen Laborkittel bläst Seifenblasen. Im Hintergrund ist eine Tafel mit wissenschaftlichen Zeichnungen und Formeln wie E=mc² und A+B=C zu sehen. Das Kind trägt eine Schutzbrille und wirkt konzentriert. Die Szene vermittelt eine spielerische Annäherung an Wissenschaft und Experimentieren.
Auch begabte Kinder brauchen Abwechslung (Symbolbild).

Um einen Affen zu malen, benötigt Wang Yani gerade einmal 40 Sekunden. Sie hockt auf der Leinwand wie auf einem Teppich; ihr unterarmlanger Pinsel huscht hin und her: Schnauze, Rücken, Beine, ein geschwungener Schwanz; zum Schluss noch Finger und Zehen. Nie zögert sie oder muss überlegen. Es ist fast, als würde das Bild aus ihr herausfließen.

Zu dem Zeitpunkt, als die Kamera ihren Schaffensakt festhält, ist Yani gerade einmal vier Jahre alt. Viele Kinder malen gerne. Doch Stil und Technik des chinesischen Mädchens sind außergewöhnlich. Schon bald tobt ein ganzer Reigen von Affen über das Papier – jeder in individueller Pose und mit einer eigenen Persönlichkeit: hier ein Frechdachs, der nach dem Schwanz des Vordermanns greift. Dort ein Jungtier, das wagemutig auf dem Rücken der Mutter reitet.

Wer sieht, wie die kleine Gestalt völlig in sich versunken mit wenigen Pinselstrichen eine ganze Welt erschafft, der ahnt: Dieses Kind hat eine besondere Begabung. »Darunter verstehen wir das Leistungspotenzial einer Person auf einem bestimmten Gebiet – also zu welchen Leistungen sie prinzipiell fähig ist«, erklärt Roland Grabner, Psychologieprofessor und Begabungsforscher an der Universität Graz.

Von begabten Menschen sagen wir oft auch, sie seien talentiert. Die Wissenschaft unterscheidet jedoch zwischen den beiden Begriffen. Begabung ist etwas Verborgenes: Wir können einer Person nicht ansehen, ob in ihr beispielsweise das Potenzial für einen herausragenden Sopran oder eine brillante Mathematikerin schlummert. »Mit Talent bezeichnen wir dagegen frühe Anzeichen für eine hohe Begabung – wenn es etwa einem Kind besonders leichtfällt, sich Melodien einzuprägen und sie nachzusingen«, sagt Grabner.

Wang Yani |

Die 14-jährige chinesische Künstlerin bei der Eröffnung ihrer Ausstellung in der Smithsonian Institution 1989 in Washington, D.C.

Yani hat Talent. Sie malt, seit sie zweieinhalb ist – meistens Affen und andere Tiere. Mit sechs stellt sie ihre Bilder in Peking aus; zwei Jahre später erscheint eine Briefmarke der chinesischen Post, die eines ihrer Affen-Motive zeigt. Im Sommer 1989, kurz nach ihrem 14. Geburtstag, präsentiert die weltberühmte Smithsonian Institution in den Vereinigten Staaten ihre Werke. Damit zählt die Teenagerin endgültig zu den großen Künstlerinnen der Gegenwart.

»Kinder müssen unterschiedliche Dinge ausprobieren können«Roland Grabner, Psychologe

Woran liegt es, dass manche Menschen sich auf bestimmten Gebieten so stark hervortun? Warum können die britischen Zwillinge Matthew und Michael Youlden 25 Sprachen sprechen (jeder von ihnen, nicht zusammen)? Wie schafft es die US-Turnerin Simone Biles, ihren Sport so zu dominieren, dass inzwischen fünf extrem schwierige Turnelemente ihren Namen tragen? Wie gelang es Albert Einstein, eine physikalische Theorie zu entwickeln, die die Vorstellungen von Zeit und Raum grundlegend veränderte? Und welche Rolle spielt bei herausragenden Leistungen wie diesen die Begabung?

Dass Begabungen zu Höchstleistungen führen, ist nicht zwangsläufig. Eine ausreichende Unterstützung durch die Umwelt, durch Eltern, Kindergarten und Schule, ist dafür eine wichtige Voraussetzung. So verdankt Wang Yani ihren Erfolg sicher auch einer frühzeitigen Förderung: Ihr Vater – ebenfalls Kunstmaler – erkannte schnell, dass seine Tochter ungewöhnlich gut mit dem Pinsel umgehen kann. Er beschloss, sie in ihrer künstlerischen Entwicklung zu unterstützen. Er habe schließlich sogar seine eigene Malerei aufgegeben, um sich ganz ihrer Ausbildung widmen zu können, schreibt Yani auf ihrer Website.

»Zudem müssen Kinder auch unterschiedliche Dinge ausprobieren können, um überhaupt zu erkennen, was ihnen besonders liegt«, betont Grabner. »Sonst besteht die Gefahr, dass Potenziale nicht erkannt werden und schließlich verkümmern.« Wie wichtig dieser Faktor ist, zeigt das Beispiel der Turnerin Simone Biles: Als sie sechs war, plante ihr Kindergarten einen Ausflug zu einem Bauernhof in der Nähe. Doch aufgrund des schlechten Wetters fiel der Trip wortwörtlich ins Wasser. Stattdessen besuchten die Kinder die Sporthalle um die Ecke, erinnert sich Biles Jahre später in einer Netflix-Dokumentation. »Wenn es nicht geregnet hätte, wäre ich heute wahrscheinlich keine Turnerin.«

Begabung ist nicht genug

Der Zufall spielt also eine wichtige Rolle – und dazu der passende Mix aus Persönlichkeitsmerkmalen, wie Ehrgeiz, Disziplin und Frustrationstoleranz. Für viele Fachleute zählen sie sogar mit zum Kern einer Begabung. »Ursprünglich hat man sehr stark auf Fähigkeitspotenziale fokussiert«, sagt etwa Christian Fischer, Professor für Erziehungswissenschaften an der Universität Münster und Mitglied des dort angesiedelten Internationalen Centrums für Begabungsforschung (ICBF). »Aus unserer Sicht gehören die Persönlichkeitspotenziale aber genauso dazu. Denn sie sind letztlich mit entscheidend dafür, ob sich Begabung auch in einer entsprechenden Performance niederschlägt.«

Begabungen gibt es auf sehr unterschiedlichen Gebieten. Manche Zeitgenossen sind vielleicht handwerklich geschickt, andere haben ein besonderes Ballgefühl. Wieder andere können gut mit Menschen umgehen, sich gut in sie einfühlen und auf sie einstellen: Sie sind sozial begabt. Daneben gibt es Begabungen, die vor allem dem intellektuellen Bereich zugeordnet werden – etwa mühelos neue Sprachen zu lernen oder gekonnt mit Zahlen und Formeln zu jonglieren. Die Voraussetzungen dafür, dass aus einer Begabung irgendwann Höchstleistungen entstehen, variieren von Domäne zu Domäne. So sollte man manche Sportarten – Turnen ist dafür ein gutes Beispiel – bereits in der Kindheit beginnen, um darin außerordentlich gut werden zu können. Langstreckenläufer spezialisieren sich dagegen erst viel später auf ihre Disziplin.

Komplexe Fähigkeiten hängen oft von Tausenden verschiedenen Genen ab, von denen jedes für sich nur einen winzigen Einfluss hat

Heute geht die Wissenschaft davon aus, dass Begabung uns zu einem guten Teil in die Wiege gelegt ist. Welche Erbanlagen genau dafür verantwortlich sind, dass jemand außergewöhnlich schnell laufen, gefühlvoll Klavier spielen oder gut rechnen kann, ist allerdings überwiegend nicht bekannt. Das dürfte vor allem daran liegen, dass komplexe Fähigkeiten oft von Tausenden verschiedenen Genen abhängen, von denen jedes für sich nur einen winzigen Einfluss hat. Welche Erbanlagen wichtig sind, kann zudem sogar innerhalb einer Domäne variieren: Ein Sprinter benötigt besonders viele schnelle, weiße Muskelfasern, eine Langstreckenläuferin eher langsame, rote. Die Zusammensetzung der Muskulatur lässt sich zwar durch Training verändern – doch nur in dem Rahmen, den die Gene vorgeben.

Wenn das Ausmaß einer Begabung maßgeblich von den Erbanlagen abhängt, bedeutet das allerdings nicht, dass weniger begabte Menschen keine herausragenden Leistungen erbringen können. Wissenschaftler wie der britische Psychologe Michael Howe oder sein US-Kollege Anders Ericsson glauben sogar, dass für Exzellenz ganz andere Faktoren ausschlaggebend sind – nämlich vor allem intensives Training. Der 2020 verstorbene Ericsson prägte dafür den Begriff »deliberate practice«: den Versuch, durch wiederholte gezielte Übungen unter Anleitung eines Coaches Schwächen auszumerzen und so immer besser zu werden. Wer 10 000 Stunden harte Arbeit investiere, so Ericssons Credo, bringe es auf diese Weise fast zwangsläufig zu Spitzenleistungen.

»Außergewöhnliches Können mit angeborenem Talent zu erklären, war bisher so erfolglos, dass Talent extrem unwichtig sein muss«, sagte Ericsson 2009 in einem Interview. Er nahm an, dass selbst absolute Höchstleistungen wie die von Mozart allein durch gezielte intensive Übung erklärbar seien. »Das ist eine sehr extreme Position«, meint sein Grazer Kollege Roland Grabner. »Vielleicht ist das sogar einer der Gründe, warum sie so populär geworden ist.«

Welchen Anteil hat Übung am Erfolg?

In der Wissenschafts-Community war sie dagegen von Anfang an umstritten. So sind inzwischen zahlreiche Metaanalysen erschienen, in denen die Ergebnisse vieler verschiedener Studien zusammengefasst werden. Demnach erklärt die Zahl der Übungsstunden nicht einmal die Hälfte der Leistungsunterschiede: im Sport weniger als 20 Prozent, im Turnierschach immerhin 40 Prozent. Welche Rolle das Trainingspensum spielt, hängt von der Disziplin und dem Leistungsniveau der Stichprobe ab.

Das bedeutet jedoch nicht, dass die restlichen 60 bis 80 Prozent auf Unterschiede in der genetischen Ausstattung zurückzuführen sind. Zwar deuten Zwillingsstudien darauf hin, dass die Erbanlagen erheblichen Einfluss darauf haben, ob jemand in Bereichen wie Musik oder Sport im Lauf des Lebens Höchstleistungen erbringt. Allerdings ist es oft nicht einfach, die Auswirkungen der Gene von denen der Umwelt zu trennen. Ein Grund dafür ist ein Effekt, der sich Gen-Umwelt-Korrelation nennt.

Mal angenommen, beide Eltern eines Mädchens sind Schriftsteller. Ihnen fällt es leicht, kreativ mit Sprache umzugehen und aus Wörtern fantasievolle Geschichten zu formen. Einer der Gründe dafür ist eine spezifische genetische Ausstattung. Beispielsweise gibt es Hinweise darauf, dass sprachlich kreative Menschen häufig über eine spezielle Art von Dopaminrezeptoren im Gehirn verfügen.

Die Eltern geben jedoch nicht nur ihre Gene an die Tochter weiter – sie sorgen zudem für eine Umgebung, in der sich diese Anlagen entfalten können. So lesen sie ihr von klein auf häufig vor, kaufen ihr jede Menge Bücher und ermutigen sie früh, selbst Geschichten zu schreiben. In der Schule fällt einem Deutschlehrer auf, dass seine Schülerin sehr gut formulieren kann, und er legt ihr nahe, nachmittags noch eine Schreib-AG zu besuchen. Schließlich sucht sie sich auch selbst ein förderliches Umfeld und beginnt, Literatur zu studieren.

Eine ähnliche Korrelation existiert beim Üben: Wir merken, dass uns etwas leichtfällt – dass wir beim Tischtennis schnell Fortschritte machen oder dass wir der Ukulele Melodien entlocken können, die sich in unseren Ohren gut anhören. Das motiviert uns, mit dieser Tätigkeit weiterzumachen: Wir schauen uns beispielsweise YouTube-Videos unserer Tischtennis-Heldinnen an und versuchen stundenlang an der Platte im Keller, ähnlich gute Aufschläge hinzubekommen.

Für herausragende Leistungen müssen sich (angeborene) Begabung und Umwelt ergänzen. Gene allein reichen nicht zur Meisterschaft. »Wenn ich nicht übe, komme ich nicht auf dieses Niveau – da kann ich noch so begabt sein«, betont der Grazer Psychologe Roland Grabner. »Allerdings müssen begabte Menschen oft deutlich weniger üben, um denselben Leistungsstand zu erreichen.«

Grabner hat vor einigen Jahren zusammen mit Kolleginnen und Kollegen untersucht, wie sich Übung auf die Leistungen von Schachprofis auswirkt. Dazu verfolgte das Team über mehrere Jahre die Karriere von 90 Turnierspielern. Als Kennwert für die Spielstärke diente den Forschenden die sogenannte Elo-Zahl. Vereinfacht gesagt erhöht sie sich mit jedem Sieg, und zwar umso mehr, je stärker der Gegner ist. Bei einer Niederlage verringert sie sich entsprechend. Zudem nutzte das Team die Zahl der in einem Jahr von jedem Spieler absolvierten Begegnungen als Maß für die Spielpraxis und damit näherungsweise für die Übung. Ergebnis: Je mehr Praxis die Spieler hatten, desto besser war ihre Elo-Zahl. Dabei profitierten sie gerade in jungen Jahren davon, wenn sie häufiger spielten.

Doch was genau verbessert sich mit zunehmender Übung? Eine Antwort darauf liefert eine interessante Beobachtung, die die US-Psychologen William Chase und Herbert Simon bereits in den 1970er-Jahren gemacht hatten. In einem Experiment durften sich Schachnovizen und -experten die Stellung von Figuren auf dem Brett fünf Sekunden lang ansehen. Dann sollten sie versuchen, diese auf einem zweiten Brett zu rekonstruieren.

»Um absolute Spitzenleistungen zu erzielen, muss alles stimmen: Unterstützung, Fleiß, Frustrationstoleranz, Zufall. Und eben auch Begabung«Roland Grabner, Psychologe

Hatten Chase und Simon die Steine zufällig auf dem Brett verteilt, schnitten beide Gruppen relativ schlecht ab. Stammte die Stellung dagegen aus einer wahren Begegnung, waren die Experten den Novizen deutlich überlegen. Offenbar können sich die Spieler eine Spielsituation umso besser merken, je mehr Erfahrung sie haben – vermutlich, weil sie diese oder ähnliche Stellungen schon einmal gesehen haben. Und das dürfte es ihnen in ihren eigenen Partien erleichtern, ihre Stellung zu beurteilen, Optionen abzuwägen und die weitere Strategie zu planen.

Die Schachstudie, an der Grabner beteiligt war, belegt allerdings ebenfalls, dass Übung allein als Erklärung für herausragende Leistungen nicht ausreicht: Je intelligenter ein Spieler ist, desto stärker profitiert er den Ergebnissen zufolge von einer großen Zahl absolvierter Partien. Eine besonders wichtige Rolle scheint dabei die sogenannte numerische Intelligenz zu spielen – also etwa die Fähigkeit, Muster in Zahlenfolgen zu erkennen und andere mathematische Aufgaben zu lösen. Erfolgreiche Turnierschachspielerinnen und -spieler schneiden bei Tests zur numerischen Intelligenz oft ungewöhnlich gut ab. Möglicherweise hilft ihnen diese Fähigkeit dabei, Spielsituationen zu analysieren und zu bewerten. Und vielleicht lässt sich daran auch eine Schachbegabung erkennen.

Doch es gibt auch meisterhafte Schachspieler, die in puncto numerische Intelligenz gerade einmal Durchschnitt sind. Es ist so wie auf anderen Gebieten: Selbst mit mäßiger Begabung kann man es weit bringen – etwa, wenn man früh genug gefördert wird und viel Zeit und Mühe ins Training investiert. »Um absolute Spitzenleistungen zu erzielen, muss aber wirklich alles stimmen«, meint Grabner: »Unterstützung, Fleiß, Frustrationstoleranz, Zufall. Und eben auch Begabung.«

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  • Quellen
  • Hambrick, D.Z. et al., Frontiers in Psychology 10.3389/fpsyg.2020.01134, 2020
  • Preckel, F. et al., Perspectives on Psychological Science 10.1177/1745691619895030, 2020
  • Vaci, N. et al., PNAS 10.1073/pnas.1819086116, 2019

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